Olga Tokarczuk: «Die Jakobsbücher»

Olga Tokarczuk: «Die Jakobsbücher»

Polen, auf die Couch!

Königreich Polen-Litauen, 18. Jahrhundert. Hier beginnt diese Geschichte um Jakob Frank, einen jüdischen Mystiker aus der heutigen Westukraine, der sich als neuer Messias inszenierte und mit seinem Gefolge vom ­Judentum zum Islam und weiter zum Christentum übertrat, wie es gerade passte. Empfänglich für seine schrägen Visionen und Aktionen war dieses Gefolge – dem historischen Frank folgten bis zu 500 000 Menschen – nicht zuletzt aus tiefer Verunsicherung: Die osteuropäischen Juden waren schon damals wiederholt Pogromen ausgesetzt, das Vertrauen in die klassische Lehre erschüttert. Und dass Frank im Bestreben, die Haltlosen für seine Zwecke einzuspannen, auf eine Ader für das Magische und Mys­tische aufbauen konnte, half zusätzlich. Und so kam es zu Verbrennungen von Tora und Talmud, zu Verbannung und Gefängnis, zur Weiterwanderung nach Brünn und ­Offenbach.

Kurz scheint es mit der Lektüre ein schwieriger Start zu werden: Das Cover, aufgemacht als altes Manuskript, ist abweisend, verstärkt noch die Schwere des Wälzers, auch die Unterteilung in «Das Buch des Nebels», «Das Buch der Wege» usw. lässt an historische Romane denken, die einer Tokarczuk das Wasser nicht reichen könnten, wenn sie sich bis zum Boden bückte. Aber das ist rasch vorbei: Wie bei einer Stafette wird die Erzählung von Figur zu Figur weitergereicht, nach und nach entsteht durch immer neue Perspektiven fast überrealistisch das Bild einer Welt, in der es in engen Gassen nach Armut stinkt – «An den Lumpen ist nicht zu erkennen, ob es jüdisches, orthodoxes oder katholisches Elend ist», während Bischöfe und Feudalherren eine Politik ersinnen, die Polen vor Überfremdung – und das heisst nicht zuletzt: vor jüdischer Überfremdung – bewahren soll. Die Lektüre erinnert an Dostojewski – nicht nur wegen der über 1000 Seiten und weil es von Religiösem wimmelt, sondern eben auch durch das vielstimmige ­Erzählen. Und so liege ich da mit übermüdeten, weit aufgerissenen Augen, so wie ich einst in einem rumänischen Nachtzug nicht schlief, weil ich die «Brüder Karamasow» las. Und selbst das parallele Nachschlagen von historischem Kontext auf dem «Second Screen» wird zur lieben Gewohnheit und Zerstreuung.

Schnell heisst es, eine Autorin sei «eine der mutigsten Stimmen» der Literatur ihres Landes. Bei Olga Tokarczuk ist das durchaus wörtlich zu nehmen. Als die «Bücher» 2014 in Polen erschienen, erhielt sie Morddrohungen. Eine Empörung, die jüngst noch einmal aufflackerte, als die ­Autorin mit dem nachträglich für 2018 vergebenen Nobelpreis ausgezeichnet wurde. Nein, nicht ganz Polen freute sich über diese Anerkennung für eine Landsfrau. Nicht einmal als Bestätigung dafür, dass das ewig zwischen Grossmächten eingeklemmte und aufgeriebene Land zumindest in der Literatur unbestritten Weltrang geniesst. Das reichweitenstarke Onlineportal wPolityce.pl etwa ätzte: «So ein Bild von Polen gefällt der Welt! (…) Mit einem internationalen Mandat wird [Tokarczuk] unsere Geschichte noch bequemer umschreiben und Polen als Land der Kolonialherren, Sklavenhalter und Judenmörder darstellen können.»

Warum so heftig? Die Zeit, in der die «Jakobsbücher» spielen, gilt der Regierungspartei «Recht und Gerechtigkeit» (und über sie hinaus) als goldenes Zeitalter des freien Polen. Da kommt es ungelegen, wenn eine Autorin daran erinnert, dass auch Polen Juden umgebracht haben, und sogar Parallelen zu…

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