Pascale Kramer: «Eine Familie»

Pascale Kramer: «Eine Familie»

Eine Familie, die im herrschaftlichen Elternhaus an der französischen Altantikküste zusammenkommt, um die Geburt ihres jüngsten Mitglieds zu feiern.

Es gibt diese Fernsehfilme, in denen immer bald irgendetwas Schreckliches passiert. Die vorher so heile Welt gerät durch­einander, und zum grössten Teil geht es dann darum, wie die Figuren mit der neuen, schlimmen Situation zurechtkommen. Eine leichte bis zünftige Übertreibung des Emotionalen ist in diesem Genre normal, weil das Erzählerische in aller Regel fast überhaupt nichts hermacht.

Genau so liest sich Pascale Kramers neues Buch «Eine Familie». Es geht darin um eine Familie, die im herrschaftlichen Elternhaus an der französischen Altantikküste zusammenkommt, um die Geburt ihres jüngsten Mitglieds zu feiern. Die Freude über das Ereignis muss aber bald tiefer Besorgnis über Romain, den ältesten Sohn und Bruder, Platz machen. In Wahrheit ist er es nämlich, der nicht nur die Gedanken und Gespräche seiner Eltern und Geschwister beherrscht, sondern auch unbeschreibliches Leid über die Familie bringt.

Vordergründig rührt dieses Leid daher, dass Romain dem Alkohol verfallen und nach einem scheinbar geglückten Entzug wieder irgendwo in der Gosse gelandet ist. Dazu leidet er erst noch an Aids und will seinem Leben lieber ein Ende setzen, als Hilfe von irgendjemandem anzunehmen. Er scheint zu träge, ja zu lebensmüde zu sein, um auch nur den geringsten Fortschritt auf die Reihe zu bekommen. Klar, dass unter solchen Umständen keine richtige Hochstimmung aufkommt.

Die Hintergründe dieser Ausgangslage bleiben allerdings ziemlich diffus. Schon im Alter von 15 Jahren soll der vom Schicksal Geschlagene an der Flasche gehangen und Todessehnsüchte gehabt haben. Zweifellos gibt es solche Schicksale, und sie sind auch meistens nicht erklärbar. In «Eine Familie» wird aber zu wenig über die Vergangenheit gesagt, und das Unergründliche nimmt dadurch allzu viel Platz ein, als dass der Schmerz der Familienmitglieder je richtig fassbar würde. Da kann Pascale Kramers Sprache noch so sehr um Intensität bemüht sein, plausibler wird die Sache dadurch nicht. Im Gegenteil ist es beinahe kitschig, wie hier eine grosse Emotion die andere ablöst, wie Schmerz, Schuld, Trauer und Angst gleichzeitig allgegenwärtig sind.

Dass die Figuren im Buch kaum mehr als Varianten von Stereotypen sind, ist zwar schade, passt aber irgendwie zum seichten Rest. Zur Familie gehören unter anderen der räsonable und verständnisvolle Mann der Mutter, der erfolgreicher Jurist im Ruhestand ist. Die Mutter hat sich ihrerseits vor lauter Bitterkeit in Esoterik und Spiritualität geflüchtet. Da verwundert es nicht, wenn einer ihrer Söhne strenger Katholik geworden ist und Romain als Inkarnation der Aufrichtigkeit zur Seite steht. Und dann gibt es da noch die wilde Schwester, die einen Freund des Vaters verführt, bevor sie zum Studieren nach Barcelona abhaut.

Das hätte wahrlich das Vorabendfernsehen nicht besser erfinden können, dem Pascale Kramers Buch immerhin eines voraushat: Es kommt ohne schnulziges Happy End aus. Wir danken es ihr und warten auf die Primetime.


Pascale Kramer: Eine Familie. Aus dem Französischen von Andrea Spingler. Zürich: Rotpunktverlag / Edition Blau, 2019.

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Peter Stamm, Schriftsteller,
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