Die Geschichte von der jungen Autorin, die in die Schweiz kam, dort auf den Röstigraben stiess und hineinfiel und nie wieder auftauchte, und wenn sie nicht gestorben ist, hat sie vielleicht Spaghetti bestellt (oder Spätzli)

 

September 2013. Ich ziehe aus Paris nach Biel, um am Literaturinstitut zu studieren. Die mehrsprachige Stadt sei genau das Richtige für mich, habe ich zuvor von allen Seiten gehört. Ich bin in Deutschland und Frankreich aufgewachsen, habe ungefähr gleich lang in diesen Ländern gelebt und fühle mich in beiden Kulturen zu Hause. Ich freue mich darauf, in der Schweiz endlich mit diesen zwei Sprachwelten und literarischen Kosmen arbeiten zu dürfen – ohne eine Hälfte meiner selbst verleugnen zu müssen. In Paris lebt man, als gäbe es keine anderen Sprachen. Die kolonialisierten Länder mussten längst Französisch lernen, im Alltag sind Fremdsprachen Mangelware. Hier soll es anders sein. 

Nach einigen Wochen kommt die Ernüchterung: Am Literaturinstitut verläuft der Unterricht in getrennten Klassenzimmern. Man sei entweder «frankophon» oder «deutschsprachig», heisst es. Ein fliessender Wechsel zwischen den Sprachen, Texten und Literaturtraditionen, ein Hin und Her, das sich vom anderen nährt und alle Seiten bereichern kann? Manche interessiert das – doch es sind wenige.

Ich werde in die frankophone Schublade gesteckt. Was die deutschsprachigen Studierenden schreiben, spielt sich auf der anderen Hälfte der Weltkugel ab. Von ihren Texten bekomme ich kaum etwas mit. Ich erlebe zwei hermetisch voneinander abgetrennte Sprachräume, die perfekt parallel funktionieren und sich gegenseitig so gut wie möglich ignorieren. Eine Schweiz en miniature – und eine Vorbereitung auf ihren Literaturbetrieb. Welcome to Röstigraben, oh, you speak French, let’s speak English!

November 2016. Mein Lyrikdebüt «Atemnot» erscheint im französischen Verlag Cheyne. Das Buch ist zweisprachig und tatsächlich werde ich damit auf viele Lesungen und Festivals in der Deutschschweiz eingeladen. Eine seltene Chance, wie ich inzwischen begriffen habe, denn die meisten KollegInnen aus der Romandie warten oft jahrzehntelang darauf. Doch um mein Buch auch tatsächlich bei den Lesungen zum Verkauf anbieten zu können, müssen viele OrganisatorInnen offenbar Hürden von der Höhe der Alpen überwinden. Es macht mich sauer, es macht mich traurig. Ich denke: Kann es wirklich sein, dass in einem mehrsprachigen Land die Vertriebskanäle so autark funktionieren, dass die Bestellung eines Buches aus dem anderen Sprachraum zu einem solchen Wagnis wird?

Doch das ist erst der Anfang. Die Kluft erlebe ich nicht nur sprachlich, sondern vor allem auch strukturell. Und während das Schriftstellerdasein in der Deutschschweiz als Beruf organisiert ist, hat in der frankophonen Welt der Mythos des einsamen Poeten, der in seiner engen Dachwohnung von den Musen besucht wird, noch lange nicht ausgedient. Deutschsprachige AutorInnen gehen auf Lesetouren, werden dafür vergütet – meistens sogar angemessen – und bekommen zuweilen fünfstellige Vorschüsse für Debütromane. Ihre frankophonen KollegInnen können im selben Fall ein oder zwei Nullen abziehen – und müssen dankbar lächeln, wenn Buchhandlungen überhaupt Lesungen veranstalten, auch wenn sie so gut wie nie ein Honorar erhalten. Obwohl auf den grossen Buchmessen noch immer debattiert wird, wofür genau man Autoren eigentlich bezahlen sollte, beginnen sich – seitdem die Bewegung #payetonauteur vor zwei Jahren Fahrt aufgenommen hat – nun auch in der Romandie langsam die Verhältnisse zu ändern. Langsam. Endlich.

Warum spreche ich sofort übers Geld? Weil das meine, unsere Produktionsbedingungen sind. Und weil ich der Meinung bin, dass die Produktionsbedingungen Einfluss darauf haben, wie man Literatur schreibt und welche Literatur man schreibt. Finanziell betrachtet wäre eine Orientierung zum deutschen Buchmarkt hin für mich strategisch sicher klüger gewesen. Doch erstens hat sich das mit der Strategie meist sowieso erledigt, wenn man Schriftstellerin wird, und zweitens gaben mir die Programme der wichtigeren französischen Verlage zu hoffen, dass hier eine grössere formelle Vielfalt möglich sein würde. Und tatsächlich: Seit der Nouveau-roman-Bewegung kann in Frankreich auch eine Einkaufsliste, ein Langgedicht oder ein gänzlich hybrides, genreübergreifendes Sprachexperiment als «Roman» gelten. Machen die bescheideneren Summen, die die französischsprachigen AutorInnen kassieren, die Literatur vielleicht freier? Oder bloss die AutorInnen prekärer?

Teilten sich die zwei Welthälften am Literaturinstitut noch ein Haus, einen gemeinsamen Globus, so wirkt auf schweizerischer (und europäischer) Ebene der Buchmarkt jeder Sprachre­gion eher wie ein eigenständiger Planet, der Berührungen mit anderen Teilen des Sonnensystems weitgehend meidet und manchmal aber notgedrungen in die Umlaufbahn eines anderen Körpers gerät. Ein möglicher Weg, Berührungen zu kreieren, ist die Übersetzung. Doch wie schwierig es ist, Literatur aus einem in den anderen Sprachraum zu transportieren, erfährt man gerade, wenn es darum geht, sie über Grenzen hinaus zu vermitteln. Frankophone Literatur wird oft als blumig, unpräzise, pathetisch oder narzisstisch wahrgenommen. Frankophone LeserInnen erleben Form nicht als Hülle, sondern als versinnbildlichend für den Inhalt selbst. Das französische Motto «Die Form ist der Inhalt» wirkt für Deutschsprachige oft artifiziell oder ästhetisierend. Sagte nicht schon Nietzsche, dass die Franzosen die Welt mit der Leichtigkeit der Sinne erfassten, die Deutschen aber mit der Apparatur der Logik? Dies sei übrigens schon in der Grammatik verwurzelt.

Im Gegenzug kämpft die deutsche Literatur oft mit dem Vorurteil, stilistisch «schwer» und moralisch erschlagend zu sein. Tatsächlich ging es nach Auschwitz prioritär darum – bei den Denkern der Frankfurter Schule wie in der Lyrik –, eine neue Perspektive für eine missbrauchte Sprache zu finden, ein nüchternes Sprechen, das spektakulären Spracheffekten misstraut und Pathos verwirft. Einerseits eine Ästhetik, die sinnliche Erfahrung mit Wahrheit gleichstellt. Andererseits eine Ethik, die auf Verantwortung setzt und sich weigert, die Schönheit der Sprache als das wichtigste Mass wahrzunehmen. Vielleicht erklärt diese Diskrepanz die Scheu, die oft die Rezeption literarischer Werke im anderen Sprachraum heimsucht.

Was ich mir wünschen würde? Einen offenen, elastischen Umgang mit Sprachgrenzen und kulturellen Unterschieden, der über die Landesgrenzen hinausreicht. Daher glaube ich nach wie vor an Übersetzung von Literatur, weil sie eine geistige und sprachliche Nähe zu anderen Kulturen und ihren Vorstellungswelten schafft. Den Graben mit neuen Satzkonstruktionen, Sprachphilosophien und Weltbildern füllen. Rösti für alle!

Übrigens ist es das erste Mal seit sechs Jahren, dass ich dazu eingeladen wurde, für ein deutschsprachiges Magazin in der Schweiz zu schreiben. Ich bin ja schliesslich «frankophon». Wenn auch mit deutschem Pass.

Die Geschichte von der jungen Autorin, die in die Schweiz kam, dort auf den Röstigraben stiess und hineinfiel und nie wieder auftauchte, und wenn sie nicht gestorben ist, hat sie vielleicht Spaghetti bestellt (oder Spätzli)

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«Das Magazin, das in der
Schweiz gefehlt hat!»
Peter Stamm, Schriftsteller,
über den «Literarischen Monat»