Ohne Westschweizer Standpunkt

Der literarisch-politische Röstigraben gehört zur Schweiz. Das Problem ist, dass dort nicht mehr gestritten wird. Debatten und Dynamik sind der Gleichgültigkeit gewichen. Das kann auch eine verfehlte Kulturpolitik nicht beheben.

 

Wenn in Zukunft die Züge Verspätung haben, hat das mit unserem einzigen Literaturnobelpreisträger zu tun. Denn auch «für uns als SBB CFF FFS» bleibt Carl Spitteler «täglicher Ansporn, unser Bestes zu geben». Die dreisprachige Bundesbahn ist als Sponsorin im Patronatskomitee «100 Jahre Nobelpreis», das sich unter der Präsidentschaft von Alain Berset seit Beginn des zu Ende gehenden Jahres mit den Feierlichkeiten befasst, vertreten. 1918, am Ende des Ersten Weltkriegs, war die höchste literarische Auszeichnung nicht vergeben worden. Spitteler bekam sie laut offizieller Begründung für sein Werk «Olympischer Frühling» – zweifellos aber genauso für seine Rede «Unser Schweizer Standpunkt», die er bei Ausbruch des Kriegs auf Einladung der Neuen Helvetischen Gesellschaft gehalten hatte. Auf sie und Spittelers «Kohäsionsgedanken» berufen sich die SBB in ihrem verdienstvollen Bemühen um den Zusammenhalt der Nation. 

Zum Auftakt des Zentenariums hatte Alain Berset eine Rede über Spitteler gehalten: «Betrachtungen eines Politischen». Gemeint waren wohl beide, als Motto für die Feierlichkeiten wählte Berset einen Satz aus «Unser Schweizer Standpunkt»: «In der Schweiz sehen wir von niemandem ab. Wäre die Minorität noch zehnmal minder, so würde sie uns dennoch wichtig wägen.» Natürlich, so Berset, «ist diese Aussage Spittelers von 1914 auch heute noch gültig».

Nur hat sie das Patronatskomitee mit seinen Phrasen und seiner Agenda auf peinliche Weise ad absurdum geführt. Insgesamt sind zwanzig Persönlichkeiten, die Carl Spittelers Verdienste um den gesamtschweizerischen Zusammenhalt in einem historischen Moment existentieller Bedrohung beschwören, in ihm vertreten. Doch es fehlen jegliche Schweizer aus Genf, der Waadt, Neuenburg, Jura, Wallis – und der westlichste Vorposten der Veranstaltungen scheint La Neuveville am Bielersee zu sein. Eine Generation nach der Abstimmung über den EWR-Beitritt, die dem Land die schwerste Belastungsprobe seit dem Auseinanderdriften im Ersten Weltkrieg bescherte, zelebriert die Deutschschweizer Mehrheit die wiedergefundene Einigkeit und ihren Schweizer Standpunkt unter Ausschluss der Romandie. 

Nobelpreisträger Spitteler: Literatur als Realpolitik

Im ominösen Jahr 1992 dachte kein Mensch an Carl Spitteler. Nicht einmal die SVP, die in der Westschweiz über ähnlich wenige Anhänger verfügte wie in der Kulturszene, hatte ihn in Erinnerung. Die Schweiz, spottete der grosse Historiker Jean Rudolf von Salis am Ende des Kalten Kriegs, habe sich aus der Geschichte verabschiedet. Untergangsfantasien wie der Vergleich mit dem Stück Zucker, das sich im Wasser auflöst, oder einem Gefängnis, das von lauter Freiwilligen bewohnt wird (Dürrenmatt), machten die Runde. «La Suisse n’existe pas» lautete das Motto, unter dem sich die Schweiz 1992 an der Weltausstellung in Sevilla präsentierte. Die Neutralität war zum Papiertiger verkommen – Spitteler hatte sie ins Zentrum seiner Rede gestellt, als die «Stimmungsgegensätze» innerhalb des Landes eine existentielle Bedrohung darstellten. Die Deutschschweiz sympathisierte mit den Deutschen, die Welschen hielten es mit Frankreich. Spittelers Rede, gehalten am 14. Dezember…

Philipp Theisohn, fotografiert von Ayse Yavas.
«Der Seismograf der
literarischen Schweiz.»
Philipp Theisohn, Literaturwissenschafter,
über den «Literarischen Monat»