Unser schwelgendʼ Standpunkt

 

Es ist so eine Sache mit der Abbildung der Realität. Ist sie exakt, stellt man fest: Das Wichtigste ist gar nicht da. Sie ist wie eine Liebesgeschichte ohne die Liebe. Wer etwas nur benennt, zeigt es nicht. Schreibt man ein Gefühl hin, kommt es nicht auf. Um sich der Wirklichkeit zu nähern, muss man sie etwas beugen, überhöhen, verändern, Raum freimachen für all das Unaussprechliche, Unsichtbare, was sie eben auch ist. Ein Prinzip, das Musik schweben lässt, Literatur unvergesslich macht und Kunst gross. Selbst dann, wenn man sie bislang kaum als solche wahrgenommen hat. Wie die Panoramakarten des Bergtourismus. Diese wunderbaren Gemälde, die nur das schönste Licht für unsere Majestäten kennen, azurblaue Himmel und schneeweise Höhen über grünen Matten. Diese Berg­lust, die sie vor uns ausbreiten mit Tälern und Gipfeln, schwungvollen Pisten und hingepinselten Einkehrmöglichkeiten, ist, man kann es kaum anders sagen, überaus malerisch.

Ein jeder Bergort, der etwas auf sich und seine Gastfreundschaft hält, druckt ein solches Selbstporträt auf Poster, Faltblätter und Informationstafeln. Vor einiger Zeit ist nun eine Sammlung dieser Panoramen in einem renommierten Kunstverlag erschienen und damit auch die Frage: Haben wir jahrelang Kunst übersehen oder, schlimmer noch, als selbstverständlich betrachtet? Heinrich C. Berann, einer der Begründer dieser ganz eigenen Art der Landschaftsmalerei – etwas verniedlichend, etwas naiv, aber herrlich –, hat seine Werke signiert. Blosse Auftragsarbeit war das für ihn nicht. Er hat in die Landschaft eingegriffen, seine Modelle arrangiert und auch schon mal Berge versetzt, um eine Ansicht vorteilhafter zur Geltung zu bringen. Nur hat er das nicht künstlerische Freiheit genannt, sondern sich selbst einen Schwindler («Schwindler für die Schönheit» klingt fast wie Gangster of Love). Das ist natürlich Frevel im Land der Superkartografie. Die Schweizer Landeskarten sind an Informationsdichte und Präzision die Mondlandung der amtlichen Vermessung. Wer bei uns vom Weg abkommt, der hat sich nicht verlaufen, der kann nicht lesen. Und da nennt sich eine beschönigend hingeschwindelte Landschaftsdarstellung eine Panoramakarte! Das ist, als würde man im Gesetz die Paragrafen umschreiben, damit man das Recht besser singen kann. Doch Berann und viele seiner Nachfolger taten genau das. Zwar geben sie in ihren Landschaftsdarstellungen vor, sie würden den Verlauf von Loipen, Sesselliften und Hüttenwegen anzeigen, doch in Wahrheit hoben sie Schönheit empor, höher noch als die Berge, die sie malten. Wo anerkannte Kollegen und Romantiker wie Caspar Wolf den Schauer betonten, den Blick in furchteinflössende Felswände stürzen liessen, wählten sie das Schwelgen als Standpunkt, machten die anmutigste Linie zur Perspektive. Blättert man im Buch durch diesen Bergreigen der Freude, tut sich einem das Herz auf – und ein Handwerk, das sich beinahe unbemerkt zu einer Kunstform entwickelt hat. Gerne hätte man in den Begleittexten mehr über die Künstler erfahren, etwas Hintergrund erhalten, erhellende Zuordnung, doch in einem Buch über Karten, die nur beschränkt Orientierungshilfe bieten, ist die fehlende Genauigkeit vielleicht nur konsequent und steht den sonnigen Augenweiden nicht im Wege.


Buch: Tom Dauer: Alpen. Die Kunst der Panorama­karte. München: Prestel-Verlag, 2019.

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Peter Stamm, Schriftsteller,
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