Quentin Mouron: «Notre-Dame-de-la-Merci»

Quentin Mouron:
«Notre-Dame-de-la-Merci»

 

Der Klimawandel ist nicht daran schuld, dass in den kalten Wäldern der kanadischen Provinz Quebec ein «Southern Gothic» entdeckt wurde, der doch eigentlich viel weiter südlich, in der schwülen Hitze der Plantagen und Sümpfe der subtropischen USA, zu Hause ist. Diese Gattung des amerikanischen Schauerromans wurde in den Norden eingeschleppt von Quentin Mouron, einem 27 Jahre alten Schweizkanadier, der in Lausanne lebt und bereits Autor von fünf Büchern ist. In seinem zweiten, nun ins Deutsche übersetzten Roman «Notre-Dame-de-la-Merci» sät er inmitten von verstreut im Wald lebenden friedlichen Rentnern eine ebenso makabre wie groteske -Gegenwelt, das verrottete Milieu der Hängengebliebenen und der Vom-Start-weg-Gescheiterten. Hier gedeihen Verkommenheit, Brutalität und Kleinkriminalität. Der «Southern Gothic» trägt Früchte. Doch leider bleiben sie unreif, da die Pflanze aus verschiedenen Gründen nicht zur Sonne wächst.

Drei Gescheiterte mit allen ihren Trieben und Träumen prallen in Mourons Roman aufeinander. Seine kalte Diktion lässt keinerlei Zweifel am unvermeidlichen Versagen der verblühten Dorfschönheit Odette, des debilen Kindskopfs Daniel und des hemmungslosen Haudraufs Jean. Drei groteske Freaks als einzige Hauptfiguren? Eine solche Geschichte verdorrt zum reinen Sarkasmus, zur boshaft-billigen Blossstellung. Mouron weiss das. Also wählt er eine nüchtern-distanzierte, gleichwohl milde Perspektive, indem er seinen drei Bruchpiloten einen Ich-Erzähler zur Seite stellt: ein kopfschüttelnder Nachbar, der die eklatante Hoffnungslosigkeit kühl beobachtet, aber auch wohlwollend eingreift, wenn die Situation entgleitet.

Damit nicht genug. Es mag jugendliche Experimentierfreudigkeit sein oder achtloser Aktivismus, aber Mouron überdüngt sein zartes Pflänzchen und tritt auf die vielversprechendsten Sprossen, wenn er die Erzählerfigur hochzüchtet und die Story kleinhält. Ersteren lässt er in einer Un(ter)art der Dekonstruktion aus der Geschichte herauswachsen und vom Nachbarn zum allwissenden Erzähler wuchern, der mit Einblicken in Gedanken und Gefühlswelten der Hauptfiguren auftrumpft, bevor er ebenso plötzlich wieder in seine distanzierte Nebenrolle zurückschrumpelt. Obendrein stolpert auch noch der Autor Quentin Mouron höchstselbst ins Geschehen, um geschwätzige Belanglosigkeiten über sein Denken und Schreiben auszuplaudern. Solche lauwarmen Einfälle auf kaltem Boden behagen dem «Southern Gothic» nicht: insgesamt ist der Spross schief gewachsen und die Rinde hat Risse, obwohl die Wurzeln stark und fest sind.

Quentin Mouron: Notre-Dame-de-la-Merci (aus dem Französischen von Holger Fock und Sabine Müller). Zürich: Bilger, 2016.

Philipp Theisohn, fotografiert von Ayse Yavas.
«Der Seismograf der
literarischen Schweiz.»
Philipp Theisohn, Literaturwissenschafter,
über den «Literarischen Monat»