Beat-Anekdoten

Was Burroughs & Co. erlebten - und was unsere Autoren mit ihnen erlebten

Beat-Anekdoten
Brion Gysin und William S. Burroughs vor der Dreamachine, photographiert von Udo Breger.

I. Burroughs und der Steinbock

von David J. Woodard

Zwischen November 1996 und August 1997 besuchte ich William S. Burroughs alle zwei Wochen in seinem Haus. Wir trafen uns bis zu seinem Abschied in ein anderes Leben regelmässig zum 15-Uhr-«Wodka-Coke on the Rocks». Während eines Gesprächs um seinen 83. – und letzten – Geburtstag herum sprachen wir auch über Dr. Albert Hofmann, den Schweizer Entdecker des LSD.Burroughs traf Dr. Hofmann im Jahr 1979 gemeinsam mit dem Basler Kunstsammler Carl Lászlo und anderen in der Galerie von Bartha. Er erinnerte sich vor allem an Hofmanns Freundlichkeit und Gastfreundschaft, berichtete aber auch fasziniert von einem Tier, das er als Gast auf Hofmanns Landsitz auf der Rittimatte – am Rande des Juras, nahe der französischen Grenze – gesehen hatte.«Eine Art grosse Bergziege, die nur in der Schweiz existiert», erinnerte sich Burroughs. «Ein Alpensteinbock. Ein Wesen, das sich dort frei bewegte, wie aus einer anderen Welt, mit seinen riesigen Hörnern, die einen fast vollständigen, pulsierenden Kreis bildeten. Es war mir unmöglich, den Blick abzuwenden.»

David J. Woodard und William S. Burroughs, photographiert von John Aes-Nihil.

«Erst durch meine LSD-Erfahrung und mein neues Bild der Wirklichkeit wurde ich auf das Wunder der Schöpfung, die Pracht der Natur und des Tier- und Pflanzenreiches aufmerksam. Und ich wurde sehr besorgt um ihrer und unser aller Zukunft.»  – Albert Hofmann 

Burroughs hatte auch gute Erinnerungen an Carl Lászlo, der einige kurze Texte des Schriftstellers in der Literaturzeitschrift «Panderma» – später «Radar» – veröffentlichte. Lászlo war es auch, der eine limitierte Auflage der «Dreamachine» für eine Kunstausstellung hergestellt hatte, derentwegen Burroughs die Schweiz besuchte. In der zweiten Ausgabe von «Radar» verteidigte Lászlo Burroughs gar gegen einen empörten Werbeinserenten, der sich in einem Brief an den Herausgeber über die vermeintliche Verharmlosung des Drogenkonsums in Burroughs’ Text – und somit auch in «Radar» – echauffierte:

«Wir sagen nicht den Drogen den Kampf an, wohl aber der Abhängigkeit. Vor allem derjenigen, die zwar gesellschaftlich am weitesten verbreitet, aber doch stets heruntergespielt und marginali-siert wird: der Alkoholabhängigkeit. Und wir bekämpfen die tödlichste Sucht: die nach Ideologien. Wir sind davon überzeugt, dass nur Offenheit, das heisst Aufklärung, einem wie auch immer Ab-hängigen helfen kann. Für uns steht die Marginalität des Drogenproblems also ausser Frage. Ebenso fraglos scheint uns aber, dass eine Gesellschaft, die die Wirklichkeit ausschliesslich mit geschlos-senen Augen zur Kenntnis nimmt, unsere Publikationen für skandalös halten mag.» – Carl Lászlo

David J. Woodard ist US-amerikanischer Geschäftsmann und Künstler. Seine Ausfertigungen der «Dreamachine», die Brion Gysin und Ian Sommerville in den 1960er Jahren entwickelten, wurden weltweit in zahlreichen Ausstellungen präsentiert. Hierzulande wurde er vor allem durch seine Beiträge für die Zeitschrift «Der Freund» bekannt.

 

II. Das Ei des Ira Cohen

von Jürgen Ploog

Beat heisst unterwegs sein… Nächte durchmachen… nach Westen schauen, wo die Sonne niemals untergeht, & erschlagen aufwachen… «Leben als Abenteuer erfahren & nichts bedauern», schrieb ich 2005 auf dem Weg nach Leukerbad in der Maschine von Miami nach Zürich. Die Einladung kam unerwartet, nachdem ich erfahren hatte, dass Amerikaner wie Ira Cohen, «Kush» Kushner & Harry Redl kommen würden, der zwar kein Amerikaner war, aber die Beats damals in San Francisco photographiert hatte. Es war ein Nachtflug & ich erwartete, erschlagen anzukommen, musste den Zug nehmen & anschliessend mit dem Bus steile Höhen hinauf, wo das Wort «high» eine eigene Bedeutung annahm. Was mit Schlafentzug begann, endete im Rausch der Ereignisse. Ich schaute durchs Busfenster & war mir sicher, dass der Wagen den Aufstieg in die Berge niemals schaffen würde. Leukerbad kam mir vor wie eine Raumstation & ein Refugium für Verlorene, die sich dem Wort verschrieben hatten & jeden Abend zusammenkamen, um trunken vom Höhenrausch Erfahrungen ihrer Zeit auf dem Planeten Erde auszutauschen.Ira geisterte wie ein Schamane durchs Hotel. Wir hatten spät gefrühstückt & uns halbherzig entschlossen, eine Lesung von Lars Gustafsson zu besuchen, die in einem vollbesetzten Saal stattfand & schon begonnen hatte, als wir eintrafen. Wir setzten uns in die hinterste Ecke & hörten Gustafsson zu, der mit leiser Stimme etwas las, das kaum zu verstehen war. In diesem Abseits kam schnell Langeweile auf. Ich bemerkte, dass Ira neben mir beiläufig in seiner Jackentasche kramte. Plötzlich hielt er inne & warf mir einen verunsicherten Blick zu. Er zog die Hand heraus, an der etwas Undefinierbares klebte. Wie sich heraus-stellte, war es ein zerquetschtes Ei, das er beim Frühstück aus unerfindlichem Grund eingesteckt & vergessen hatte. Glücklicherweise befand sich neben der Nische, in der wir sassen, ein kleiner Raum mit einem Waschbecken, wo er das Malheur bereinigte, so gut es ging. Ich hörte Wasser plätschern, & das Geräusch übertönte vollends die kaum hörbare Stimme von Gustafsson.Auch wenn es nicht das Ei des Kolumbus war, hatte es uns doch dazu verholfen, eine gediegene Lesung in Slapstick-Manier zu überstehen.

Jürgen Ploog ist Schriftsteller und Publizist. Er war 33 Jahre lang Linienpilot, seit 1993 widmet er sich ausschliesslich dem Schreiben. Er lebt in Frankfurt und Florida.

 

III. Auf ein paar Ritalin mit René E. Mueller

von Andreas Niedermann

Geboren 1929, swissophob, dauernd unterwegs, illegalen Substanzen zugetan, meist pleite und ablehnend gegenüber Konventionen – damit kam der Schweizer Autor René E. Mueller dem Typ des Beatpoeten ziemlich nahe. 1986 las ich seinen Roman «Engel der Strasse». Ich schrieb ihm einen Brief und lud ihn zu einer Lesung nach St. Gallen ein.

Im Bahnhofbuffet 2. Klasse sass er, 57 Jahre alt, ein gebeugter Mann in einer Ibiza-Hippie-Kutte, mit langen grauen Haaren und schnellen listigen Augen. Als er erfuhr, dass die Lesung länger als bis 22 Uhr dauern könnte, begann er sich Sorgen zu machen. «10 Uhr ist Schlafenszeit», sagte er. Dann fragte er nach einer Apotheke.

Und so betraten wir in der feinen Multergasse eine feine Apotheke. Mueller erklärte dem Apotheker die Sache mit der Lesung und bat, er möge ihm doch ein paar Ritalintabletten verkaufen. Ohne Rezept. Da standen wir, der alte Beatnik mit Brotsack und der Kerl in den Cowboystiefeln, und begehrten Speed! Nie und nimmer, sagten die Augen des Apothekers. Aber Mueller liess nicht locker und brachte ihn dazu, seinen Arzt in Bern anzurufen. Dann hatten wir den Stoff.

Das Ritalin machte den Dichter munter, seine Augen noch listiger und schneller, den Rücken gerade. In der Beiz gab er mit seinem Freund Dürrenmatt und seinem erklärten Feind, Max Frisch, an. Später las er die zärtlich todessehnsüchtigen Gedichte aus «Geliebte Tödin», seinem letzten Buch. 1991 umarmte ihn seine «Geliebte» und liess ihn nicht mehr los.

Andreas Niedermann, geboren in Basel, lebt als Schriftsteller und Verleger in Wien. Zuletzt von ihm erschienen: «Goldene Tage» (Songdog, 2012).

 

IV. «…but only if you sleep with me»
von Pirmin Bossart

Es war kalt. Möglich, dass leichter Schnee fiel. Der angekündigte Auftritt von Allen Ginsberg versetzte mich in Aufregung. Ginsberg, der Leibhaftige, im Rock-Club Atlantis! Die Beat Generation war mein literarisches Lebenselixier. Und jetzt tourte Ginsberg mit seinem Lebenspartner Peter Orlovsky und dem Gitarristen Steven Taylor durch Europa. Radio DRS schnitt den Auftritt mit. Natürlich habe ich die Sendung später aufgenommen. Die Kassette liegt in einer der Bananenkisten, die mit dem ganzen Underground-Soundgerümpel der achtziger Jahre im Estrich der Vergessenheit schmoren.

William S. Burroughs und Allen Ginsberg, photographiert von Udo Breger.

 Punkt neun traten sie auf die Bühne. Ginsberg mit schütterem Haar, ohne Bart, die sinnlichen Lippen, ein älterer Herr. Orlovsky trug einen abgewetzten Anzug, sein blondgraues Haar fiel als langer Zopf auf den Rücken. Ginsberg stellte das Trio vor. «Peter and I have lived in ‹heterosexual› harmony for the last twenty-seven years, and we both know each other very well indeed.» Daran erinnerte sich ein gewisser Busker7, der nach dem Tod von Peter Orlovsky im Juni 2010 auf seinem Blog den Auftritt würdigte. Der Australier war damals als Strassenmusiker in Europa unterwegs und an diesem Abend zufällig in Basel.

Das Publikum war zahlreich erschienen. Die Leute sassen auf Stühlen und lauschten mit Andacht. Ginsberg und Orlovsky lasen abwechselnd, Taylor spielte auf der Gitarre. Ginsberg
eröffnete mit Mantras und liess den Drone vom indischen Harmonium erklingen. Er rezitierte und sang. Diese unverkennbare Stimme. Ich war wie hypnotisiert. Höhepunkt war ein neues Gedicht «Plutonium Ode», das er mit bedrohlicher Inbrunst vortrug. Orlovsky wirkte wie besessen. Er schrummte auf
dem Banjo, lärmte und schrie, streckte die Zunge raus, machte Grimassen, rezitierte seine «clean asshole» poems. Umso rührender sein Eintrag beim anschliessenden Signieren: «To my dear dharma brother sitting on his zhafu.»

Die Leute standen Schlange. Dutzende von Büchern wurden verkauft. Ich hatte sie gleich selber mitgebracht. Allen machte schöne Widmungen, zeichnete ein «Ah», hatte für jeden ein paar persönliche Worte. «Can I come to visit you, when I am in New York?», fragte der Junge vor mir. «Sure», grinste
Allen. «But only if you sleep with me.» Gegen elf tönte es von der Bar her: «Allen, the meal is ready.» Dann stieg er die Treppe hoch. Das letzte, was ich von ihm sah, war die Glatze auf dem Hinterkopf. Es war der…