Brief aus dem Tessin (ventuno)

 

Eine Reise in die Seele von Schauspielern, irgendwo zwischen Shakespeare und Psychoanalyse, auf der Suche nach den Archetypen des Unbewussten: Das Stück «Macbeth, le cose nascoste» (Macbeth, die versteckten Dinge), das Anfang Januar in Lugano uraufgeführt wurde, hat in der Tessiner Theaterwelt den Jahresanfang geprägt. Bei Casagrande ist dazu eine Publikation mit dem Text des Stücks, dem Arbeitsheft und Bühnenfotos erschienen, so dass man auch zu Hause in diese intensive und ungewöhnliche dramaturgische Neufassung eintauchen kann.

Das Thema Gewalt, das in Shakespeares Tragödie so präsent ist, steht auch im neuen, Ende Januar bei Marcos y Marcos erschienenen Roman «L’inguaribile» (Der Unheilbare) von Tommaso Soldini im Mittelpunkt. Der Schriftsteller aus Bellinzona erzählt mit sichtlichem Vergnügen von einer Beziehungskrise in einer dystopischen Zukunft und verwebt diese Ebene mit einem Gerichtsfall. Der Journalist mit dem sprechenden Namen Michele Incassa (Aufsdachkrieger) versucht zu verstehen, warum ihn Gemma verlassen hat, und recherchiert parallel im brenzligen Fall eines bekannten Neonazis, der zuerst einen Freund betrügt und ihn dann umzubringen versucht, um nicht entlarvt zu werden. Im Verlauf der Geschichte gerät er unter anderem in das Labyrinth eines unheimlichen Swingerclubs.

Wenn ich auf die Tessiner Neuerscheinungen des vergangenen Jahres zurückblicke, scheint mir eine Sammlung von Kurzprosa für diese ersten Monate des neuen Jahrs besonders passend. In «La terra e il suo satellite» (Quodlibet 2019) von Matteo Terzaghi, das im November unter dem Titel «Die Erde und ihr Trabant» (verlag die brotsuppe, 2019) auf Deutsch erschienen ist, versammelt der Autor Fragmente von Erlebtem: Kindheitserinnerungen, Wetterphänomene, das Kino und die Leidenschaft für Literatur, das Gefühlsleben, Krankheit und Gesundheit, erste Schulaufsätze: Jede Seite regt zum Nachdenken an und führt zu Begegnungen mit Autoren wie Giacomo Leopardi, Italo Calvino, Robert Walser, Francis Ponge und Danilo Kiš. Überzeugend sind auch die präzise, wirkungsvolle Sprache und der zugleich leichte und zugespitzte Ton. Unbedingt lesen!

Philipp Theisohn, fotografiert von Ayse Yavas.
«Der Seismograf der
literarischen Schweiz.»
Philipp Theisohn, Literaturwissenschafter,
über den «Literarischen Monat»