Verschwinden

«Gebe Gott uns allen, uns Trinkern, einen so leichten und so schönen Tod!» – aus: Joseph Roth: Die Legende vom heiligen Trinker

Verschwinden

Vor ein paar Monaten sass ich im Flugzeug und las in der FAZ einen Artikel darüber, dass seit dem Verschwinden des malaysischen Flugzeuges MH370 die Aufforderung «Please turn off all electronic devices» eine neue Dimension erhalten habe, im damit gleichbedeutenden Ausschalten der Verbindung zur Welt, im Verschwinden im Nichts. Ich habe keine Flugangst, jedenfalls keine richtige, nur ein kleines mulmiges Gefühl, eine Art metaphysisches Gruseln, das mich bei Start und Landung alle möglichen Zeitungen lesen lässt, um mich abzulenken. Der Artikel klang nicht gerade beruhigend, war auch etwas zu esoterisch angehaucht für die FAZ, so dass ich stattdessen im Buch «Ostende» des FAZ-Journalisten Volker Weidermann über die Freundschaft zwischen Joseph Roth und Stefan Zweig las, die sich als Exilierte vor dem Zweiten Weltkrieg im gleichnamigen belgischen Kurort treffen. Einmal mehr stellte ich fest, wie viel lieber mir der Säufer Roth gegenüber dem eher nüchternen Zweig ist. Die auch ganz gern und viel betrunkene Irmgard Keun bringt es auf den Punkt: «Stefan Zweig ist ein feiner Mann, ganz und gar samtig, triefend vor Güte und Menschenliebe. Ich kann weder mit ihm noch mit seinen Büchern was anfangen.» Joseph Roth hingegen gestand, dass er seine besten Ideen dem Schnaps verdanke, an dem er aber 1939 auch starb, als kein Stefan Zweig ihn mehr aus dem Sumpf zog – und auch sonst keine Wunder mehr geschahen.

Wir hatten nun die Flughöhe erreicht, unter uns das weisse Meer der Wolken, über uns ein Himmel wie ein blau ausgemalter Swimmingpool oder ein Drink namens Aviation. Zwei Stewardessen begannen Getränke auszuschenken und verteilten einen Snack.

Kein Wunder, dachte ich, dass mit dem Niedergang der Fluggesellschaften auch der kostenfreie Ausschank alkoholischer Getränke ein Ende hatte. Sicher, es gibt einige Fluggesellschaften, in denen das nicht so ist; letztens flog ich nach Serbien, und mein Sitznachbar leerte schon morgens um 11 eine Miniflasche Rotwein nach der anderen. Auf Billigflügen hingegen gibt es nicht mal mehr ein Wasser und einen Keks oder eines dieser verschweissten Würstchen in Teig, die, wie ich dachte, seit den Neunzigerjahren keiner mehr freiwillig isst, wobei mich Air Berlin in diesen Sekunden eines Besseren belehrte… Ja, sicher, ich hätte mir trotzdem ein Bier oder einen Weisswein bestellen können, aber erstens hatte ich mein Portemonnaie in den oberen Ablagen verstaut – und zweitens hat das Bestellen alkoholischer Getränke in der klimatisierten Öffentlichkeit auf 9000 m zunehmend eine andere Bedeutung, etwas Verruchtes fast. Man schaut auf die Uhr oder auf das Mineralwasser des Vordermanns, man denkt an den Terminkalender oder an die Blicke der Sitznachbarin. Ich aber dachte: kein Wunder, ist die nationale Fluggesellschaft am Boden geblieben, wenn eines der schönsten schweizerdeutschen Lieder neben dem Simmelibärg nun einfach keinen Sinn mehr macht: «Ich nime no än Campari Soda, wiit under mir liit s’Wulchemeer, dä Ventilator summet liislig, es isch, als gäbs mich nüme me.»

Verschwinden, dachte ich. Und bestellte einen Tomatensaft. Meine Nachbarin bestellte ein Bier.

 


 

Aviation 

4 cl Gin

1 Teelöffel Crème de ­Violette

2 cl frischgepresster ­Zitronensaft

1 cl Maraschino

1 cl Sirop de Gomme (oder Zuckersirup)

 

Alle Zutaten auf Eis gut schütteln, ins vorgekühlte Cocktailglas doppelt (zusätzlich durch ein Sieb) abseihen.

 

Rezept: Bar 63, Zürich.