Auf Abruf

Eine Kurzgeschichte.

Auf Abruf
Elisa Shua Dusapin, fotografiert von Anthony Anex / KEYSTONE Elisa Shua Dusapin, auteure, prend la pose pour le photographe, le 30 mai 2018 proche de Bure dans le canton du Jura. (KEYSTONE/Anthony Anex)

Es ist Mittwoch, der 15. Mai, 15 Uhr. Ich habe Chick im Garten auf den Rasen gelegt. Habe ihn in eine Decke gehüllt, zum Schutz vor dem kurzen Gras, das er nun nicht mehr plattliegen wird. Ich sitze neben ihm, betrachte ihn von oben, sein hervorstehendes Becken, die Haut, die ich kaum noch zu berühren wage, aus Angst, sie zu beschädigen. Seine Muskeln sind verkümmert. Sie können die verdrehten Wirbel, die zu den Pfoten unter seinem Bauch hin abfallen, nicht mehr halten. Chick, die verrenkte Sphinx, bewegt sich nicht. Seine Atmung ist unsichtbar. Über dem Feld kreist ein Bussard. Chick folgt ihm mit dem Blick, seine Schnurrhaare zittern. Mehr kann er mit diesem Körper nicht mehr tun, diesem Katzenkörper, der vor fünf Tagen noch umhersprang, so zielgenau, so geschmeidig. Chick verharrt lange in dieser Pose, die Nase zum Himmel gerichtet, die Augen halb geschlossen. Seit wann sind wir hier? Der Wind frischt auf. Ich wickle ihn fester in die Decke, trage ihn nach drinnen. Schauen, dass er sich nicht erkältet. Seinen Körper umhegen. Seinen zerstörten Körper. So lange ich kann, denn heute Abend um sieben wird Chick sterben, ich weiss es, denn ich habe es so entschieden.

Es beginnt letzte Woche, als ich wegen einiger Lesungen fort bin. Bei meiner Rückkehr schaut Chick ins Leere, hat unge-wöhnlich struppiges Fell. Ein Leckerli liegt neben dem Napf mit Kroketten. «Ich habe alles versucht», sagt Romain, «er will nicht essen.» Drei anorexische Tage reichen aus, die Tierärztin in Sorge zu versetzen. Sie hängt Chick an den Tropf. Die Untersuchung zeigt eine Ansammlung von Lymphflüssigkeit im Bauchraum, eine acht Zentimeter lange Atrophie des Dickdarms. Dazu eine Leberentzündung. Die Hypothese, er habe vielleicht ein Krebsgeschwür, trifft nicht zu, dafür hat die Tierärztin zwei andere: Vergiftung oder, wahrscheinlicher, eine Feline Infektiöse Peritonitis, sprich Bauchfellentzündung. Ich frage, ob das schlimm sei. Kurzes Schweigen. Die Symptome seien uneindeutig, es könne auch etwas anderes sein. Sie untersucht weiter, wir müssen noch auf Analyseergebnisse warten. Derweil kann Chick mit nach Hause. «Geniessen Sie die Zeit mit ihm», sagt sie uns an der Schwelle des Behandlungsraums, zu mir und Romain, der inzwischen dazugekommen ist. Jederzeit könnten wir anrufen, wenn nötig auch ausserhalb der Praxiszeiten.

«Heute Abend um sieben wird Chick sterben, ich weiss es, denn ich habe es so ­entschieden.»

Haarbüschel hängen am Gitter der Transportbox. Wo die Tropfnadel gesteckt hat, sind seine Pfoten mit Pflastern verklebt. Er hatte sich die Nadel immer wieder herausgezogen. Als ich das sah, musste ich lächeln. Geheimer Stolz. Für ein Leckerli kann Chick Pfötchen geben, sich hinlegen, rückwärtsgehen, sich im Kreis drehen. Er lernt aussergewöhnlich schnell und bleibt trotzdem der unabhängigste Kater, den ich kenne. Im Auto ist er unruhig, miaut. Romain fährt. Ich gehe das Risiko ein und hole ihn aus seiner Box. Sobald ich ihn auf dem Arm habe, drückt er sich an meine Brust, schnurrt.

Zu Hause legt er sich bei Romain auf den Schreibtisch. Sonst schläft er immer auf dem Boden, auf einem Kissen. Bestimmt spürt er seine Schwäche, ein animalischer Reflex, um sich vor etwaigen Raubtieren zu schützen. Wir bauen ihm mit einer Decke ein Nest. Ich gebe ihm seine Medikamente: Kopf anheben, leicht seitlich gegen die Kiefer drücken, Tablette tief ins Maul schieben. Einmal morgens, einmal abends. Chick lässt mich gewähren, er ist es gewöhnt, wochenlang ist das unser Ritual gewesen, als er angefahren worden war und zweimal an der Hüfte operiert werden musste. Die Eingriffe lassen sich noch an der seltsamen Färbung seines Hinterteils erahnen. Wo die Haut rasiert worden war, ist das nachgewachsene Fell heller. Eine klare Linie trennt die beiden Farbtöne. Sein heller Hintern bringt die Leute zum Lachen, man könnte meinen, er trüge ein Höschen.

Am Abend möchte er keine Kroketten, frisst mir aber, ohne sich zu erbrechen, etwas Thunfisch aus der Hand. Das beruhigt mich.

Ich denke noch mal an die Worte der Tierärztin, recherchiere im Internet. Eine Bauchfellentzündung wird durch das Feline Coronavirus ausgelöst, das die meisten Katzen befällt. Aber bei einigen wenigen Tieren mutiert es aufgrund von Schwächen im Immunsystem zu seiner gefährlichen Variante. Es gibt nämlich zwei Krankheitsformen. Bei der ersten, der feuchten, sammelt sich Lymphflüssigkeit in der Bauch- und Brusthöhle des Tieres, das in der Folge an seinen eigenen Sekreten erstickt. Die zweite verläuft trocken. Sie zieht mehrere Organe in Mitleidenschaft, lässt sich aber nur schwer nachweisen, weil ihre Symptome die gleichen wie bei vielen anderen Erkrankungen sind. Ganz sicher kann man sich erst nach dem Tod des Tieres sein, bei der Autopsie. Ich besuche zahlreiche Websites, klicke mich durch Foren. Eine Konstante: Tod des Tieres in 100 Prozent der Fälle.

Ich lege eine Hand auf Chicks Bauch. Ohne den Kopf zu heben, fixiert er mich mit seinen grossen grünen Augen. Unter meiner Handfläche spüre ich ein Gluckern. «Was passiert da in deinem kleinen Körper?», frage ich ganz leise, wie mich selbst.

Nachts darf er ausnahmsweise mit zu uns ins Bett, an unsere Füsse. Er arbeitet sich nach oben und kuschelt sich zunächst an Romain. Nach einer Weile springt er über dessen Schulter, macht es sich auf Höhe unserer Hälse zwischen uns gemütlich. So schlafen wir.

Samstag, 11. Mai

Es ist früher Morgen, als er auf die Bettdecke pinkelt. Chick ist seit langem stubenrein. Ich trage ihn zum Katzenklo. Sofort kommt flüssiger gelber Durchfall, er bedeckt ihn unbeholfen mit Streu, wirkt wackelig auf den Beinen. Ich lobe ihn. Dazu rede ich mir ein, das Gelbe sei ein gutes Zeichen, die Leber scheide Galle aus, befreie sich von Giften.

Normalerweise antwortet Chick, wenn ich ihn anspreche, immer mit Miauen. Er redet gern und viel. Mehrere Minuten am Tag amüsiere ich mich mit diesen Dialogen, also meinen Worten und seinem Gemauze, das sich jeweils meinem Tonfall anpasst. Seit seiner Rückkehr nach Hause hat er keinen Mucks mehr gemacht, doch immerhin putzt er sich, trinkt aus dem Napf – ich verfolge sein Tun ganz genau, achte auf jedes noch so kleine Zeichen von Leben und Normalität. Sein Trockenfutter rührt er nach wie vor nicht an. Auch Thunfisch reizt ihn nicht mehr. Als ich ihm etwas Schinken anbiete, richtet er sich auf, hält mir die rechte Vorderpfote hin, dann die linke, wie früher, wenn wir Pfötchengeben gespielt haben. Traurigkeit steigt in mir auf. Ich sage mir, ein Tier sollte niemals seine Nahrung von einem Menschen erbetteln müssen. Nach dem Herunterschlucken durchzieht weiteres Gluckern seinen Unterleib. Chick verkriecht sich unter den Spülschrank. Das hat er noch nie getan.

Sonntag, 12. Mai

Heute Morgen hat Chick wieder ins Bett gepinkelt. Er nimmt seine Medikamente, frisst aber nicht. Ich habe geräucherten Lachs gekauft, Thunfisch, Flüssigsnacks. Nichts. Krämpfe schütteln ihn.

Er schläft lange auf dem Schreibtisch.

Am Nachmittag versucht er, vom Tisch hinunterzukommen, schaut zögernd hinab ins Nichts. Ich komme, um ihm zu helfen, da ist er schon gesprungen. Seine Pfoten tragen ihn nicht mehr. Er schlägt auf, liegt kurz bewegungslos da, mit weit von sich ge-streckten Tatzen, die Schnauze auf dem Boden. Behutsam steht er auf, geht in die Küche, setzt sich vor den Napf mit dem Trockenfutter, rührt es aber nicht an. Aus seinem Maul zieht sich ein Fädchen Speichel bis aufs Parkett. Ich starre es an. Dieses Fäd-chen, als erstes Zeichen von etwas Unerbittlichem. Chick ist noch nicht einmal zwei Jahre alt. Vor drei Tagen wirkte er noch bestens in Form. In einem Anflug von Panik rufe ich meine Eltern an. Am Abend kommen sie mich besuchen. Chick kennt sie gut, sie haben ihn oft gehütet. Er legt seinen Hals in die Hand meiner Mutter. Sie wiegt ihn, «Chiquita, Chiquita, was machst du denn da?» Mein Vater hat ein Naturheilmittel mitgebracht. «Du gibst ihm zwei Tropfen am Tag, das stärkt ihn, das kann er drei Monate lang nehmen.»

«Drei Monate», höhne ich. Er murmelt: «Ich weiss natürlich…»

Wir sehen uns nicht an.

Damit Chick vom Schreibtisch steigen kann, wenn er will, improvisieren wir aus Büchern und Ordnern eine Treppe. Hinauf schafft er es nicht mehr. Wir müssen ihn dort absetzen. Durchs Fenster sieht Chick einen anderen Kater vorbeigehen, den gelben vom Nachbarhof. Er richtet sich auf, sträubt das Fell, sabbert, faucht. Ein paar Minuten später beginnt er, sich wild zu kratzen und zu lecken. Ich mache mir Sorgen. «Das ist normal», sagt mein Vater, «weil er so viel Wasser verloren hat, fliesst sein Blut langsamer und die Haut ist schneller gereizt.» Dann fügt er hinzu: «Das ist sein Krankheitsbarometer. Falls Chick sich irgendwann nicht mehr für andere Kater interessiert, ist es ernst.» Mich packt ein nervöses Lachen. Ich habe nie verstanden, wie Chick zu uns so freundlich und gegenüber Artgenossen so abscheulich sein kann.

Montag, 13. Mai

Bei Tagesanbruch ist Chick nicht mehr im Bett. Knacken von Kroketten. Geräusch eines normalen Morgens. Ich springe auf. Er frisst! Chick möchte nach draussen. Ich begleite ihn aufs Feld. Er vergräbt seinen Durchfall, bewegt sich dann in Richtung Nachbarhof, wo ich ihn hinter dem Zaun nicht mehr sehen könnte. Er trappelt los, um mir zu entkommen, ich schnappe ihn im letzten Augenblick, trage ihn zurück auf die Terrasse. Er streckt sich in der Sonne aus. Ich puste ihm die Schirmchen von ein paar Pusteblumen zu. Chick hebt die Pfote. Einige bleiben in seinem Fell hängen, bilden einen weissen Teppich. Seine Bewegungen sind sehr langsam.

«Soll ich ab­sagen? Was sagt man für einen nahestehenden Menschen ab? Was sagt man für ein nahestehendes Tier ab?»

Am Nachmittag dreht er sich auf dem Schreibtisch auf den Rücken, reckt die Pfoten in die Luft. Manchmal dehnt er sich, seine Beine zittern, seine Pfötchen, sein hagerer Hintern. Er schnurrt nicht mehr, aber mich beruhigt es, ihn so entspannt zu sehen. Zwar lassen ihn hin und wieder Krämpfe zusammenzucken, aber er scheint nicht so verstört wie am Vortag. Er lässt sich darauf ein, etwas Kätzchenmilch aus meiner Hand zu trinken. Schleck für Schleck. Es dauert Stunden. Er bricht nichts wieder aus. Ein Gnadentag. Alles, was ich ihm hinhalte, trinkt er auf. Romain ist gerade nach Genf losgefahren. Ich mache mir Sorgen wegen meiner Arbeit. Ich habe alles Berufliche schleifen lassen, obwohl gerade Festivalsaison ist, Montpellier, Genf, Chiasso, Paris, Nantes, Sion… Soll ich absagen? Was sagt man für einen nahestehenden Menschen ab? Was sagt man für ein nahestehendes Tier ab? Chick kann in ein paar Tagen oder in ein paar Wochen sterben. Ich stelle mir vor, ihm über Wochen jeden kleinen Bissen mit den Fingern anzureichen – das wäre lang.

Dienstag, 14. Mai

Wieder macht Chick sich auf in Richtung Nachbarhof. Dreimal muss ich ihn zurück auf die Terrasse holen. Ich rufe die Tierärztin an. Sie sagt: «Man darf ihm seinen Willen lassen, ihm Freude bereiten.» – «Gestern hat er gefressen», erzähle ich. Hat viel gefressen. Vom Erbrochenen heute Morgen auf dem Schreibtisch sage ich nichts.

Ich öffne die Tür. Chick rennt rüber zum Nachbarn, verschwindet hinter der Hecke. Meine Erleichterung, dass er ausserhalb meines Zugriffs, ausserhalb meiner Verantwortung ist. Für diese Erleichterung habe ich ein schlechtes Gewissen. Dafür, eine Ruhepause zu brauchen. Seit einer Woche schlafe ich kaum.

Rückkehr von Romain. Auch er hat Berufliches abgesagt, um bei mir bleiben und mich ablösen zu können. Er ist mit Chick auf dem Feld. Ich wende mich, so gut es geht, anderem zu. Versuche, ein wenig zu arbeiten. Papierkram. Am neuen Roman weiter-schreiben: unmöglich. Nicht nachdenken. Nach einer Weile kehre ich ans Fenster zurück. Wie mager er ist, dieser Kater, denke ich. Ich schliesse mich ins Schlafzimmer ein. Ich bin wütend. Chick ist immer mager gewesen. Alle sagen seit eh und je, er wäre mager, dünn wie eine Wurst, wie eine Merguez. Gestern hat er gefressen. Er hat total viel gefressen, sage ich mir, und rechne noch mal nach. Chick hat die Entsprechung von drei Esslöffeln Kätzchenmilch verdrückt.

Er ist nicht mager.

Er ist knochendürr und wird sterben.

Weiterer Verfall mit jeder Stunde. Seit dem Vortag hat er nichts mehr angerührt. Vor seinem Wasser, seinem Futter richtet er sich auf, wie hungrig, doch legt er sich gleich wieder hin. Jeder Nahrungsaufnahme folgen mittlerweile Krämpfe. Ahnt und fürchtet er die Schmerzen im Voraus? Seit neuestem wehrt er sich, wenn ich ihm die Medikamente gebe. Ich muss ihn mit beiden Händen festhalten, muss mit den Beinen sein Hinterteil einklemmen, ihm die Tabletten ins Maul schieben und es so lange zuhalten, bis er sie nicht mehr ausspuckt. Nach dem Schlucken wirkt er benommen, manchmal krümmt er sich.

Nunmehr schläft er im Wohnzimmer auf dem Boden in einem Pappkarton. Wenn ich ihn berühre, zeigt mir eine leichte Anspannung, dass er diesen Kontakt nicht mehr will. Doch wenn ich mich entferne, hebt er den Kopf und starrt mich an. Also setze ich mich neben ihn. In seinen Ohren sammelt sich Dreck. Da er es selbst nicht mehr tut, muss ich ihn säubern, denke ich. Verschiebe es aber auf später. Lasse ihn lieber in Ruhe.

An diesem Abend habe ich eine Lesung in La Chaux-de-Fonds. Noch vor dem Aperitif mache ich mich davon, ein Naheste-hender läge im Sterben. Schlechtes Gewissen, weil ich mich nicht getraue zu sagen, dass es mein Kater ist.

«Er hat erbrochen», berichtet Romain.

In der Nacht erbricht sich Chick erneut. Wir werden wach davon. Er sieht uns putzen, schleppt sich schwankend in unserer Nähe herum, mit gesenktem Nacken. Der Schmerz drückt seine Augen tief in die Höhlen. Für die restliche Nacht lagern wir ihn auf einem Handtuch an unseren Füssen. Chick rackert sich hoch bis zu meinem Bauch. Er japst.

«Wir können ihn nicht so leiden lassen», murmelt Romain.

Ich erwidere darauf nichts. Dann sagt er noch: «Morgen muss ich wirklich nach Genf … Aber kann jederzeit zurückkommen … Sag Bescheid.»

Gegen drei Uhr morgens wache ich schweissgebadet auf, taste herum. Chick ist da. Er leckt mir die Hand.

Mittwoch, 15. Mai

Um fünf Uhr morgens weckt Chick uns mit einem leisen Maunzen. Er steht vor der Tür, möchte nach draussen. Ich begleite ihn in den Garten. Chick versucht, sich hinzuhocken, doch die Beine knicken ihm weg, dann schleppt er sich bis ins Unterholz am Waldrand. Ich fange ihn wieder ein, aus Angst, er könnte sich im Wald verstecken, um zu sterben. So kurz vor dem Ziel wäre es absurd, ihn nicht zurückzuholen, denke ich, und kurz darauf: vor welchem Ziel eigentlich?

Ich trage Chick zurück nach drinnen. Er hat sich nass gemacht. Ich reinige ihn mit einem lauwarmen Feuchttuch. Sein Fell ist zerpflückt, die Haut verschorft. Ich schiebe ihn auf seinem Kissen vor das gros­se Fenster. Wie er so daliegt, mitten auf dem Parkett, wirkt er winzig. Ob er sich da wohlfühlt? Bestimmt nicht. Also verfrachte ich ihn zurück in den Karton, der ihn vor unseren Blicken schützt, aus dem er aber hinausschauen kann. Hoffentlich erkenne ich dennoch, was er möchte, was er braucht.

Romain macht sich auf nach Genf. Es ist neun Uhr.

Der Gedanke, die Tierärztin anzurufen. Verdrängt.

Er frisst nicht mehr. Beim Einnehmen des Medikaments wehrt Chick sich erstmals mit den Krallen. Ein getrocknetes Spuckefädchen an seinem Maul. Seit zwei Tagen hat er nichts getrunken. Er will nicht trinken. Ich setze mir einen Tropfen auf die Fingerkuppe, bestreiche damit sein Zahnfleisch. Er reagiert nicht mehr. Seine Augen sind halboffen, liegen tief. Die Pupillen sind nur noch Striche. Ich erkenne meinen Kater nicht mehr wieder, diesen Kopf, dieses perfekte, in seiner Magerkeit hervortretende Dreieck, seinen Schmerz, seine Augen, die grünen, riesigen. Auch so ist er schön, denke ich. Vielleicht noch schöner.

Ich lege mich aufs Sofa, schliesse die Augen. Erwache am späten Vormittag. Schnell gehe ich zu Chick. Er liegt immer noch im Karton, die Vorderpfoten seltsam ausgerichtet unter dem Hals, wie verdreht. Als ich versuche, sie zurechtzurücken, merke ich, wie kalt sie sind.

Leichenkalt.

Ich lege die Hand auf Chicks Bauch. Er hebt sich noch. Kaum spürbar. Ich lasse meine Hand dort. Mit der anderen rufe ich die Tierärztin an.

Ich sage, dass es Chick nicht gut gehe. Sie stellt mir eine Reihe von Fragen, will wissen, wann er zum letzten Mal gefressen, getrunken habe, wie selbständig er sei.

«Es geht ihm nicht gut», wiederhole ich.

Stille am anderen Ende. Ich frage, ob ich nach Praxisschluss vorbeikommen könne, wenn Romain aus Genf zurück sei.

Als ich auflege, steht der Termin. Chick wird um 19 Uhr eingeschläfert.

Was tun in der Zeit, die noch bleibt? Die Mails beantworten, die sich seit letzter Woche angesammelt haben? Lesen? Chick schnurrt sehr leise, als ich mich nähere. Offenbar schnurren Katzen, wenn der Tod kommt. Um sich zu beruhigen. Ich streichle ihn, «na, na, Chiquita, alles klar, alles klar». Auf den Klang meiner Stimme reagiert er mit einem unendlich leisen Maunzen. Das klingt anders als alles, was ich je aus seiner Kehle gehört habe. Ich schiebe ihm den Wassernapf hin. Er hebt den Kopf aus dem Karton, tunkt eine Pfote ein, wie er es immer tut, trinkt einen Schluck, dann zwei. Er legt den Kopf wieder ab, hat nicht die Kraft, die Pfote zurückzuziehen, so dass sie im Wasser liegenbleibt. Ich trockne sie ab, lege sie unter seinen kalten Körper. Ich mumme ihn in eine Decke.

Später sehe ich, wie er durchs grosse Fenster den Himmel absucht. Ein Bussard zieht über dem Feld seine Runden. Die Sonne scheint. Ich nehme ihn mit nach draussen, lege ihn in seiner Decke ins Gras. Mein Heft habe ich auch mitgenommen. Ich sitze neben ihm und beginne zu schreiben. Im Telegrammstil. Ich halte fest. Ständig sage ich mir, es sei noch nicht zu spät, noch könne ich die Tierärztin anrufen, ihr sagen, es ginge ihm wieder gut. Bis heute, wird mir klar, habe ich auf jedes noch so kleine Lebenszeichen gelauert, um mir einzureden, er würde weiterleben. Jetzt hoffe ich auf Todeszeichen, will mich vergewissern, dass er sterben muss.

Ich weiss nicht, wie lange wir so dagelegen haben, nebeneinander. Stundenlang. Das Licht ist geschwunden. Es ist kühler. Ich bringe Chick zurück nach drinnen, lege ihn in die Mitte des Wohnzimmers, mit einem mir nun selbst leidigen Gehabe, ihm bis zum Schluss Freude bereiten und unbedingt darauf achten zu wollen, wo er liegen mag. Er macht eine vage Bewegung in Richtung Schlafzimmer. Ich lege mich zu ihm, mein Bauch an seinem Rücken, eine Wärmflasche zwischen uns. Seine Pfoten sind immer noch kalt. Er bewegt sich nicht mehr. Die Augen halb geöffnet. Mir ist, als hätte er seit dem Morgen nicht mehr geblinzelt. Ich kneife ihn ins Fell, die Hautfalte bleibt lange Zeit stehen. Austrocknung im fortgeschrittenen Stadium. Als wäre er schon tot. Ich informiere mich im Internet. Katzen haben im Durchschnitt 120 bis 140 Pulsschläge pro Minute und eine Atemfrequenz von 25 bis 35. Ich lege zwei Finger unter seine linke Vorderpfote, zähle. 90 Schläge. 16 Atemzüge. Die Wärmflasche kühlt ab. Die Decke ist seltsamerweise kalt geblieben. Chick kühlt die Decke herunter, denke ich und wende mich ab, damit er nicht sieht, wie ich weine. Ich fühle mich lächerlich.

Um 18 Uhr 52 hebt Chick plötzlich den Nacken, ein Schlüssel im Schloss. «Er hat dich erkannt», sage ich Romain, der sich neben uns legt. Auch ihm kommen die Tränen. Er umschliesst das Tier mit seinen Armen, mit dem Oberkörper, und ich denke zurück an sein erstes noch etwas ungelenkes Tätscheln, als Chick am 4. Februar letzten Jahres zu uns gekommen war. Der Wunsch, eine Katze zu haben, war meiner gewesen. Ich bin mit Katzen aufgewachsen. Er hatte nie eine gehabt.

Jetzt ist er es, der mir nach einer Weile sagt, dass wir losmüssen. Ich sehe ihn an. Mir kommen schreckliche Zweifel. Ich sage, dass er doch lebe. Chick hebt den Kopf. «Er lebt doch.» Fast schreie ich.

Im Auto bin ich ruhig. Chick liegt in meinen Armen, ich habe ihn nicht in seine Kiste gesteckt, ich will sie nicht leer zurück nach Hause nehmen. Ich rede mit ihm. Stütze seinen Kopf. Sein Körper erscheint mir etwas wärmer. Er ist so leicht.

Als wir in der Praxis ankommen, verkrampft sich Chick. «Hey, Chick, ich bin da. Ich verlass dich nicht.» Ich habe wieder Entschlossenheit in der Stimme. Er drückt sich an mich, ich spreche fortwährend mit ihm, er bewegt sich nicht mehr. Die Tierärztin hat alles vorbereitet. Auf dem Tresen ein Plastikfläschchen, eine Spritze. Ich frage, wie der Ablauf sein werde. Sie sagt, es brauche nur eine Spritze, die schläfere das Gehirn und dann das Herz ein. «Er wird keine Schmerzen haben», fügt sie hinzu, wie um meiner Frage zuvorzukommen. «Gut, dass Sie beide da sind.» Sie nähert sich Chick, befühlt seinen Rücken. «Ich schlage vor, Sie behalten ihn auf dem Arm, ich warte dann nebenan … Wir werden ihn noch in eine beschichtete Decke wickeln, denn sobald die Muskeln sich lösen», sagt sie mit sanftem Lächeln, «kommt fast überall etwas raus» … Direkt nach dem Spritzen wehrt sich Chick mit erstaunlicher Kraft, ich muss ihn fester fassen, damit er mir nicht vom Arm springt. Der Widerstand währt nicht lange. Er wirft den Kopf in den Nacken, die Augen rollen, orten uns, Romain und mich, halten uns fest. Die Tierärztin warnt: «Einige sterben innerhalb von Sekunden, andere erst nach Minuten» … Sie verschwindet. Ich halte Chick in den Händen.

Was genau das Übel war, konnte die Autopsie nicht herausfinden. Die Leber war geschädigt. Auch der Darm. Vergiftung. Bauchfellentzündung. Man wird es nie ganz wissen. Ich habe nur eine einzige Frage gestellt: «Wäre er sowieso gestorben?» – «Ganz sicher. Er war am Ende.»

Einige Zeit später erhalten wir einen Karton mit Asche darin. Eine kleine, quadratische Pappkiste. Eine Tasse könnte darin verpackt sein. Wir verstreuen seine Reste im Wald. Drei Tage lang hält sich das gute Wetter, es weht kein Wind. Ich gehe sie oft besuchen, da ruhen sie, auf dem Farn, dem Eichenstamm. Dann kommt Regen und nichts ist mehr zu sehen.

Ich habe wieder angefangen zu schrei­ben. Hadere ein bisschen mit dem Anfang und dem Ende des Romans. Stecke fest mit dem Anfang einer Geschichte. Ich denke oft an Chick. Ich lese noch mal die Notizen des letzten Nachmittags. Die Katergeschichte. Wann beginnt sie? Am ersten Tag, bei seiner Geburt? Bei unserer ersten Begegnung? Und dann scheint es mir, ihr Beginn sei das Ende. Sei das Schreiben. Schreiben, um den Kater noch dazubehalten, der weiterlebt, obwohl er uns gerade verlässt, Romain und mich, Romain, der seinen Kopf auf meine Schulter beugt, lange, noch so lange nach der Spritze, weil das Blut wegen des Ödems nicht zirkuliert im Körper des Katers, des auf meinem Arm getöteten Katers, Romain wischt ihn ab, fängt die Flüssigkeit auf, die Herz, Lunge und Eingeweide so zusammengequetscht hat, Chick, so leicht, vom Schmerz befreit, der nicht mehr hört, mit dem ich dennoch weiter spreche, Chick, mein Kater, es ist gut, ich bin da, es ist ­vorbei.

«Das Magazin, das in der
Schweiz gefehlt hat!»
Peter Stamm, Schriftsteller,
über den «Literarischen Monat»