Warum Erotik Frauensache ist

Die erotische Literatur hat einen schweren Stand – schon seit dem Mittelalter. Dabei ist ihr emanzipatorischer Aspekt kaum zu überschätzen.

 

Den riesigen Erfolg von «Shades of Grey» hatte niemand erwartet, aber er lässt sich ganz leicht erklären: Eine Autorin, die nicht schreiben kann, trifft auf ein Publikum, das nicht zu lesen gewohnt ist – eine ideale Verbindung, die alle literarischen Kriterien unterläuft. «Shades of Grey» ist denn auch kein Roman, sondern ein verkappter Ratgeber zur Selbstoptimierung der Leserin, die sich den sexuellen Vorlieben des Mannes zu unterwerfen hat und mit Reichtum und properen Kindern belohnt wird.
Paradoxerweise war es ein brandneues Vertriebsmodell, das der reaktionär angelegten Trilogie zum Erfolg verhalf: E. L. James war die erste Autorin, deren Bücher in einer Woche jeweils mehr als 100 000mal auf e-Books geladen wurden. Denn ohne ein verräterisches Cover konnte die Hausfrau im Kreis ihrer Familie das berüchtigte Buch lesen und behaupten, es wären Kochrezepte, während sie sich in Wahrheit die Vorzüge von Analpfropfen erklären liess. Rasch lästerte man über «Mommy Porn». Aber «Shades of Grey» ist keine Pornografie, nur eine Anleitung für den Sex als Gymnastik, die weh tut.

Erotische Literatur als Spiegel gesellschaftlicher Erwartungen

Ohne es zu ahnen, folgte E. L. James einer langen Tradition der erotischen Literatur. Sie schrieb für Frauen einen Ratgeber, wie frau sich zu verhalten hat, und verpackte den Inhalt als Roman – leider (und diesbezüglich im Gegensatz zu durchaus zahlreichen historischen Vorbildern) auf dem untersten, antiemanzipatorischen Niveau.
Erotische Literatur spiegelt die Erwartungen, die eine Gesellschaft an sich selbst hat, deshalb ist sie realistisch und utopisch zugleich. Im besten Fall entstehen so Märchen für Erwachsene, die von der schlechten Realität entlasten, eine bessere Welt in den Köpfen schaffen und die Fantasie anregen. Jahrhundertelang wollte die christliche Kirche das verhindern. Ihre Dogmen hiessen Askese und frauenverachtende Körperfeindlichkeit. Der Ordensgründer Odo von Cluny, so finster wie sein Zeitalter, klärte die Männer auf: «Die Schönheit des Körpers besteht allein aus der Haut. Wenn die Leute sähen, was unter der Haut ist, würden sie sich vor dem Anblick der Frauen ekeln. Ihre Anmut besteht aus Fleisch und Blut, aus Feuchtigkeit und Galle. Wenn jemand überlegt, was in den Nasenlöchern, was in der Kehle und im Bauch alles verborgen ist, dann wird er stets Unrat finden. Und wenn wir nicht einmal mit den Fingerspitzen Schleim oder Dreck anfassen möchten, wie könnten wir dann den Dreckbeutel selbst umarmen wollen?» – und warum sollte Mann ihn gut behandeln?
Wo Schönheit verächtlich gemacht wird, kann es kein Verständnis für erotischen Liebreiz geben. Deshalb staunt das Mädchen in einem Gedicht Heinrich von Morungens: «Als er mich entkleidete, wollte er mich Arme nur ansehen. Es war ein grosses Wunder, dass ihn das nicht verdross.» Der Liebhaber sah sie nackt und fand sie trotzdem schön – das durfte eigentlich nicht sein.

Boccaccios «Decamerone» und die Tür zur Moderne

Erst vor dieser Folie der extremen Körper- und Frauenfeindlichkeit im mittelalterlichen Denken werden die Probleme der erotischen Literatur in jener Zeit deutlich. Im adligen Minnesang wird die Frau zur unerreichbaren, idealen Geliebten stilisiert, in den bürgerlich-bäuerlichen Schwänken zur dauergeilen Hure degradiert. Zwischen Anbetung und Verachtung gab es keinen Platz für die Liebe.
Doch dann kam Giovanni Boccaccio und öffnete die Tür zur Moderne. Er hatte in Florenz das furchtbare Pestjahr 1348 überlebt, in dem alle Normen der Religion und Moral untergegangen waren. Er glaubte nicht mehr an die christlichen Dogmen, die Verheissungen der ewigen Seligkeit waren ihm egal. Er schrieb vom Glück auf Erden. In seinem «Decamerone» treffen sich sieben junge Damen und drei Jünglinge der feinen Gesellschaft in einem Landhaus und erzählen sich unanständige Geschichten.Weil sie nicht länger als zehn Minuten dauern, können sie wiederum bequem im kleinen Kreis vorgelesen werden. Der Vortrag war die übliche Art der Literaturvermittlung, denn Bücher gab es nur wenige, und die meisten Leute konnten nicht lesen. Bis Ende des 18. Jahrhunderts galt ausserdem die Regel des Horaz, dass Dichtung kein Selbstzweck sein dürfe, sondern nützlich und unterhaltsam zugleich sein müsse – die Dichter belehrten, indem sie unterhielten.

«Zwischen Anbetung und Verachtung gab es keinen Platz für die Liebe.»

Boccaccio wendet sich an die auf ihre Häuser beschränkten Frauen, die aus den Geschichten Rat und Belehrung schöpfen sollen, wie sie am irdischen Glück teilhaben können. Sein Personal kennt man aus den mittelalterlichen Schwänken – vom dummen Bauern bis zur naiven Jungfrau, die es nicht lange bleibt, ist alles vertreten. Doch hier ist alles anders: Die derbe Situationskomik hat sich verwandelt in geistreiche Konfliktlösungen, das rüde Verhalten der Männer ist einer neuen Eleganz gewichen, und selbst der Stallknecht wäscht sich, bevor er zur Dame ins Bett steigt. Plötzlich ist das Mittelalter so weit entfernt, als hätte es mit seiner christlichen Askese und Körperfeindlichkeit nie existiert.
Im «Decamerone» propagiert Boccaccio die intellektuell und erotisch den Männern gleichgestellte Frau als Vorbild, und die italienische Renaissance nahm dieses Geschenk dankbar an. Als Margarete von Navarra mit dem «Heptameron» Boccaccios Werk fortsetzte, bedurfte sie dafür keiner Rechtfertigung mehr. In den Stadtstaaten Rom, Florenz, Ferrara und Venedig blühten die Akademien, und selbstverständlich waren dichtende Frauen wie Veronica Franco oder Gaspara Stampa dort zugelassen. Ihr Geld verdienten sie übrigens nicht mit Gedichten, sondern als Kurtisanen. Tullia d’Aragona verwarf in einem Traktat die Bezeichnung «Liebende» und «Geliebte», weil beide Teile gleichberechtigt seien, also Aktivität und Passivität nicht einseitig auf ein Geschlecht bezogen werden könnten. Damit ermutigte sie Frauen, die Initiative des Liebesspiels zu ergreifen und nicht auf die Männer zu warten.
In der Schweiz oder in Deutschland ist davon nichts angekommen. In Italien wurde über Platons Androgynenmythos diskutiert, diesseits der Alpen führte man immer noch Religionskriege. Es gab keine einheitliche Hochsprache, sondern regionale Dialekte, die Professoren hielten die Vorlesungen auf Latein und der deutsche Adel sprach und las Französisch. Die Reformation durch Zwingli und Calvin löste Bürgerkriege zwischen den Konfessionen aus und machte durch rigide Regeln eine kulturelle Entwicklung, in der auch erotische Literatur hätte entstehen können, unmöglich.

«Eine Literatur, die das Intimste beschreibt,

braucht Offenheit und Öffentlichkeit.»

So paradox es klingen mag: Eine Literatur, die das Intimste beschreibt, braucht Offenheit und Öffentlichkeit – nicht nur eine intellektuelle, sondern auch eine kulturelle, wie es sie in London mit den Theatern und in Pariser Salons gab. Sie braucht das Gespräch über die Liebe in allen ihren Spielarten. Genau das wurde in Deutschland durch eine fehlende Öffentlichkeit verhindert und in der Schweiz durch die selbstverschuldete kulturelle Isolation mit ihren puritanischen Sittengesetzen. Sie begündeten die politischen Zwangsmassnahmen, die bis zur Genitalverstümmelung an Frauen reichten, deren Sexualverhalten angeblich nicht der Norm entsprach. Man kann diese Verbrechen in Thomas Huonkers Büchern nachlesen. Dem fehlenden Diskurs war wohl auch ein peinlich-ignoranter Missgriff geschuldet: Die erste vollständige Übersetzung des chinesischen Klassikers «Djin Ping Meh» sollte in einem Zürcher Verlag erscheinen, wurde aber nach den ersten Bänden 1968 verboten. Um die Publikation des wichtigsten Kulturdokuments der Ming-Zeit fortsetzen zu können, musste der Verlag nach Hamburg übersiedeln. Selbstverständlich gibt es heute Schweizer Romane mit erotischen Szenen: Stefan Györkes «Die Liebe der Skelette» bietet da viel Abwechslung, aber «Stellen» machen noch keine Literatur.

Nach dem Puritanismus ist vor dem Puritanismus

Der puritanische Tugendterror endete in England mit dem Tod Oliver Cromwells. Das Parlament holte Charles II. aus dem französischen Exil – mit ihm kehrte das heitere Leben nach London zurück. Die Theater öffneten wieder, erstmals auch mit Frauen auf der Bühne. Zum Entsetzen der Konservativen konnten Frauen allein ins Theater und die Wirtshäuser gehen, durften Bier trinken und ungestraft in der Öffentlichkeit küssen. Und sie lernten, sich gegen die männliche Bevormundung zu wehren. Mit Aphra Behn erschien die erste Berufsschriftstellerin auf der Londoner Szene, die jüngere Kolleginnen wie Dela Manley und Eliza Haywood zu eigenen Karrieren ermutigte. In ihrem Ratgeber «The Lover’s Watch; or the Art of Love» plädierte Behn für die sexuelle Freiheit der Frauen und rühmte die libertinen Lustbarkeiten der Vergnügungsparks, in denen maskierte Frauen sich ihre Liebhaber aussuchen können. Die Ehe muss eine Liebesheirat sein: «Jetzt könnt ihr hundert köstliche Dinge tun, um eurer Lust zu frönen, und so viele Spiele erfinden, wie euch nur einfallen. Ihr könnt jetzt sogar Aretino und seine Gespielinnen in den verschiedensten Stellungen übertreffen…» Falls der Mann zu wenig Lust zeigt, empfiehlt Behn rohe Eier, Austern und heisse Schokolade.

«Keine Dame hätte am Sonntag die Messe versäumt,

aber um sich die Langeweile zu vertreiben,

hielt sie kein Gebetbuch in der Hand.»

Doch das Fest der Sinne dauerte nur drei Jahrzehnte. Mit der Doppelmonarchie des Calvinisten Wilhelm III. und seiner Frau war der Spass vorbei. Das puritanische Virus kehrte zurück. Queen Mary übernahm das Patronat einer «Gesellschaft zur Sittenreform», die alle ihr unmoralisch erscheinenden Stücke vom Theater verbannte. Immer wieder versuchten Kleriker, auch die erotische Literatur zu verbieten, doch der Oberrichter wies solche Klagen regelmässig ab. Wie in Frankreich konnte ein pornografisches Werk nur dann verboten werden, wenn es Angriffe auf eine bestimmte Person, die Regierung oder die Religion enthielt – der Verstoss gegen die guten Sitten und die Moral war noch nicht strafbar. Aber das bürgerliche Publikum akzeptierte solche Werke nicht mehr, und mit der gesellschaftlichen Ächtung verschwanden Aphra Behn und ihre Kolleginnen aus dem kulturellen Gedächtnis.
In Frankreich verlief die Entwicklung ähnlich. Frauen waren bis zum Ende des 18. Jahrhunderts nicht nur die häufigsten Konsumenten von erotischer Literatur, sondern sie produzierten sie auch. Diese Autorinnen sind heute samt ihren Werken mehr oder weniger vergessen. Damals aber konnten Romane nur Erfolg haben, wenn sie skandalös waren. Wegen ihres kleinen Taschenformats konnten sie überallhin mitgenommen werden. Keine Dame hätte am Sonntag die Messe versäumt, aber um sich die Langeweile zu vertreiben, hielt sie kein Gebetbuch in der Hand.

Sex: wie ein Glas Champagner

Auch Erzähler wie Crebillon schrieben für ein weibliches Publikum, und auch seine Geschichten sollten, wie es Horaz gefordert hatte, auf unterhaltsame Weise nützlich sein. Den Leserinnen, denen durch die Klosterschule die Realität fremd war, bot die Lektüre ein geistiges Training, das sich dann im Leben bewähren sollte. Crebillons kleiner Dialogroman «Das Spiel des Zufalls am Kamin» (1763) ist ein hübsches Beispiel: In einer taktischen Meisterleistung gelingt es der schönen Delie in einem Kamingespräch mit dem Herrn Clerval, der eigentlich der Geliebte ihrer besten Freundin ist, diesen durch laszive Fragen für sich zu gewinnen. Die beiden lieben sich nicht, aber ihr intellektuelles Spiel erhöht raffiniert die erotische Attraktivität und endet selbstverständlich in der natürlichsten Einigkeit der Welt, die der seinerzeit massgebende Naturforscher Buffon wissenschaftlich legitimiert hatte: Der Akt der körperlichen Vereinigung sei der einzige, den die Natur anerkenne – und zudem ein Gebot der weiblichen Hygiene, denn durch den Orgasmus würden schädliche Stoffe aus dem Körper geschwemmt. Daher genoss man den Sex so kühl wie ein Glas Champagner als konsequente Fortsetzung eines geistreichen Gesprächs. Die Salons waren die Bühne, auf der Frauen diese Kunst des offenen Gesprächs lernten und durch das eigene Schreiben an andere Frauen weitergaben.

«Der Akt der körperlichen Vereinigung sei der einzige,

den die Natur anerkenne – und zudem ein Gebot der weiblichen Hygiene.»

Zum Problem wurde das neue weibliche Selbstbewusstsein erst, als in der Revolution die Frauen auch mitbestimmen wollten: Sie verlangten das Wahlrecht. Das machte den Männern Angst, und die Revolutionäre waren ja auch nur Männer. Also verbot die Nationalversammlung weibliche Debattierclubs mit der Begründung, Frauen seien weder zu hohen Idealen noch zu tieferem Nachdenken fähig. Als Napoleon 1810 den Druck und Vertrieb obszöner Schriften zum Straftatbestand machte, wurden diese in den illegalen Handel abgedrängt, nicht mehr in den Salons diskutiert und nur noch heimlich gelesen. Das Verfassen erotischer Romane war nicht mehr gesellschaftsfähig. Damit verschwand die Frau aus der Literatur; zurück blieb nur ihr Körper, auf den sich der nun ausschliesslich männliche Blick richtete.

Die einhändige Literatur heute

Die Erfindung der Videokassette hat diese Situation völlig gedreht. Der Marktanteil der für ein männliches Publikum geschriebenen Pornografie ging immer weiter zurück, weil Männer die auf ihre Vorlieben zugeschnittenen Filme bevorzugen. Frauen, die mehr und anders lesen als Männer, greifen nach wie vor zum langsameren Medium der Literatur, weil es ihnen eine grössere Entfaltung der eigenen Fantasien und, beim einhändigen Lesen, mehr Selbstbestimmung erlaubt. Candace Bushnells Roman «Sex and the City» (1987) über vier New Yorkerinnen, die mit selbstironischer Gelassenheit auf der Suche nach Mr. Right alles ausprobieren, was sich in der Mittagspause erledigen lässt, löste einen Hype aus, der inzwischen antiquiert wirkt. Heute ist in der fast ausschliesslich von Frauen geschriebenen erotischen Literatur nicht mehr von Liebe die Rede, sondern von dem kleinen Kitzel zwischendurch. Diese Literatur geht nicht zu Herzen, sondern wie Naomi Noahs Erzählungen «Unwiderstehlich» (2013) laut Klappentext «direkt zwischen die Beine».
Man sieht den Texten, die heute wieder so ungeniert und vorurteilsfrei auftreten, nicht an, welchen langen und mit Hindernissen gespickten Weg die erotische Literatur bewältigen musste. Wenn sie gelingt, liefert sie das Bild einer offenen, liberalen Gesellschaft – oder zumindest deren Utopie.

Philipp Theisohn, fotografiert von Ayse Yavas.
«Der Seismograf der
literarischen Schweiz.»
Philipp Theisohn, Literaturwissenschafter,
über den «Literarischen Monat»