Ruth Gantert

ist Übersetzerin und Redaktionsleiterin des dreisprachigen Literaturjahrbuchs «Viceversa». Im September 2018 erschien ihre Übersetzung von Frédéric Pajaks «Die obligatorische Freiheit. Der geächtete Gobineau» (edition clandestin). Gantert lebt in Zürich.

Alle Artikel von
Ruth Gantert

Brief aus der ­Romandie (quatorze)

Eine Chinesin lächelt auf dem Umschlag zweier kleinformatiger Bücher, einmal als junge Frau mit Zopf in gemustertem Sommerkleid, das zweite Mal älter, mit Mittelscheitel und weisser Bluse. Es ist Wen, die 2012 verstorbene Frau des ehemaligen Genfer Sinologieprofessors Jean François Billeter. Fünf Jahre nach ihrem Tod veröffentlicht dieser in «Une autre Aurélia» ein bewegendes Tagebuch […]

Brief aus der-Romandie (treize)

Was tut ein Angestellter, der an seinem Arbeitsplatz einfach vergessen ging? Büromaterial ist für Jahre vorhanden und der Lohn trifft pünktlich ein, aber niemand will etwas von ihm – Janvier, der Protagonist von Julien Bouissoux’ gleichnamigem Roman (L’Olivier), befindet sich in genau dieser Situation. Also giesst er die Pflanze, saugt den Teppich und wartet darauf, […]

Brief aus der Romandie (douze)

Getrennt von meinen letzten Worten bleibt ein Nichts, gleitet meine Hand über ihre Wurzel auf Erden, adieu.» So beschloss Philippe Rahmy sein erstes Buch, «Mouvement par la fin» (Cheyne, 2005). «Ein Porträt des Schmerzes» und «Gesang des Abscheus» nannte der an der Glasknochenkrankheit leidende Autor zwei seiner poetischen Bände. Trotz körperlicher Fragilität unternahm der kleine […]

Brief aus der Romandie (onze)

Dunkle Wolken hingen über Morges, als am 1. September das Literaturfestival «Le livre sur les quais» begann, und auch die Stimmung zwischen Festivalleitung und Autoren war getrübt: Zum ersten Mal wurde für einen Teil der im Städtchen verstreuten Veranstaltungen Eintritt erhoben, während die Autoren immer noch gratis auftraten. Man müsse doch das Mobiliar bezahlen, war […]

Brief aus der Romandie (dix)

Als einer, der «nichts mit seinen Händen anzufangen weiss», dafür umso mehr mit seinen Füssen, präsentiert sich der Genfer Claude Tabarini, der in «Rue des gares et autres lieux rêvés» (Héros-Limite) seine Heimatstadt und ihr Umland durchstreift. Der Band brachte dem Dichter und Jazzmusiker zwei der wichtigsten Preise der Romandie ein: den Prix Michel-Dentan und […]

Brief aus der Romandie (neuf)

Ich halte bisweilen inne unter einem Wort / Unsicheres Obdach für meine Stimme die zittert / Und gegen den Sand ankämpft / Doch wo ist meine Wohnung / Oh Dörfer des Windes / So rück ich von Wort zu Wort / Zum ewigen Schweigen vor.» Am 16. Januar 2017 starb die Dichterin Anne Perrier 94-jährig […]

Brief aus der Romandie (huit)

Bonjour, vous êtes Entre les lignes jusqu’à midi…» Für literaturinteressierte Hörerinnen und Hörer war dieser Satz der Auftakt zu einer fast täglichen, vertieften Sendung über eine frankophone Neuerscheinung. Die Sendung wurde aus dem Programm der RTS gestrichen, ebenso wie «Zone critique», in der eine fröhliche Kritikerrunde einmal pro Monat über neue Bücher debattierte. Ein herber […]

Brief aus der Romandie (sept)

War es in Morges auch noch sommerlich warm, so läutet das grosse Festival «Le livre sur les quais» doch unwiderruflich den Bücherherbst ein. Aus der Menge der Neuerscheinungen ragen drei Werke heraus, die sich einer historischen Figur mit tragischem Schicksal widmen: Ghislaine Dunant stellt in ihrem 600seitigen Wälzer «Charlotte Delbo. La vie retrouvée» (Grasset) die […]