Alle ausser Mogli

Christian Haller: Der seltsame Fremde. München: Luchterhand, 2013.

Alle ausser Mogli

Wer sagt denn, dass Lesen immer bequem sein muss? In Christian Hallers Roman «Der seltsame Fremde», der Geschichte des falschen Photographen am richtigen Ort, heisst Lesen zunächst: sich regungslos treiben lassen. Die Sprache ist so elegant ziseliert, die meisten Szenen sind so fein hingetupft – der Leser traut sich kaum zu räuspern aus Furcht, das zarte Bild könnte zerstäuben. Andererseits bedeutet Lesen hier aber auch: Rudern und Strampeln, Wegdriften auf der Suche nach einem roten Handlungsfaden, der durch das Labyrinth aus Perspektivwechseln, Andeutungen, Zitaten, Querverweisen, Rückblenden, Traum und Wirklichkeit führt.

Es scheint in die Tropen zu gehen, in eine nicht näher genannte ehemalige britische Kronkolonie. So weit, so gut, sechs Stunden Flug. Aber die Entbehrungen, sie kommen schon am Flughafen, dann nämlich, wenn der titelgebende «Seltsame Fremde» erstmals auftaucht: Teils Saint-Exupérys Fuchs, der den bildverliebten Photographen Clemens Lang – «Man sieht nur mit dem Herzen gut» – gerne aus seiner dösigen Beobachterrolle schubst, teils Fausts verspielter Mephisto, dann doch wieder – Querverweise – Dantes Vergil, der Führer durch das Pandämo-nium. Und den Neffen des Teufels aus Mark Twains gleichlautendem «The Mysterious Stranger» schiebt Haller auch gleich noch nach. Derart literarisch hochgerüstet gilt es, Lang zu folgen, der zum einen – Perspektivwechsel – womöglich nur eine Spiel-figur einer weiteren Autorenfigur, des Journalisten Grünfeld, ist, zum anderen aber – Handlungsfaden – eingeladen wurde, bei einer Konferenz sein Portfolio vorzustellen. Er, der Photograph, fühlt sich gebauchpinselt und fliegt hin. Sein Schritt ins Ungewisse mündet in einer sehr gewissenhaft erzählten Episode mit deutlichen Anklängen an Daniel Kehlmanns «Ruhm» – vergessener Gast in einer fremden Welt –, mit der Haller einen guten Schluss für eine gelungene Novelle hätte finden können.

Leider beginnt damit erst eine Kette bedeutungsschwangerer Episoden voller Missverständnisse und Schlüsselerlebnisse, ohne dass dem Leser darin die Möglichkeit gegeben würde, diesen Clemens Lang zu verstehen, zu packen, zu lieben oder zu hassen. Er irrlichtert durch die Stadt, erlebt gediegene Kolonialatmosphäre und bittere Armut in den Seitenstrassen, trifft eine alte Frau, die ihm auf einer vermüllten Strasse etwas Essbares reicht – «Knusper-knusper-Knäuschen» –, durch dessen Genuss er sich eine schwere Gastritis einfängt.

Nein, das sollte wohl kaum die alte Hexe der Grimms sein. Aber die Lektüre mündet trotzdem spätestens an dieser Stelle in ein wildes Assoziieren, ein genussvolles mithin, bis man aus jeder Einstellung herauslesen kann, was man will. Dekonstruktivismus feiert fröhliche Urstände: Der kläglich verreckende Säugling auf dem Mittelstreifen einer vielbefahrenen Strasse – Trugbild oder Tragödie – erinnert also bald an Baby Dawn. An wen? Baby Dawn, das verstorbene Kind von Sick Boy. Sick Boy? Der Freund von Mark Renton… «Trainspotting»… der halluzinierende Mark sieht es an der Decke krabbeln, während er einen kalten Entzug durchzittert. Und wieso jetzt Junkies in Edinburgh statt Photographen in ehemaligen Kronkolonien? Nun: Lesen, das ist in diesem Falle neben Treibenlassen, Wegdriften vor allem eines: paradox. Man rudert und strampelt, assoziiert und halluziniert – und kommt letztlich doch nicht vom Fleck.