Ein Rahmen für die Leere

Der Bieler Lyriker Levin Westermann

Ein Rahmen für die Leere
Levin Westermann, photographiert von Werner Rohner.

Levin Westermann trägt schwarz. Immer. So trinkt er auch seinen Kaffee, einen davon täglich im Parc-Café am Bielersee. Rennt jeden Mittag nach Magglingen hoch und wieder runter, und: Levin Westermann versucht mit jedem Gedicht etwas Neues.

Sein Lyrik-Debüt «unbekannt verzogen», das mit dem Orphil-Debütpreis ausgezeichnet wurde, versucht in kurzen, thematisch geordneten Gedichten der Leere einen Rahmen zu schaffen. Sie sind zusammengesetzt aus Zitaten und Zitaten von Zitaten, zusammengehalten von Zeit und einem eigenen, wunderbaren Rhythmus; und nicht selten von einem Du, das am gleichen Ort nah und sehr weit weg scheint.

Während mich im ersten Band die grossen Worte («Atem», «Wind», «Tür», «Tod», «Zeit», selten auch «Zukunft», viel «Nacht» und ihr «Dunkel») mit ihrem Gewicht manchmal ermüdet (und vielleicht gerade deswegen berührt) haben, schmiegen sie sich im zweiten ruhig an den Rest des Texts. Und vor allem finden sie jetzt in einem sehr bildlichen Zusammenhang, also ergänzt um Fotografien, einen Zweck, der sie selbstverständlicher und dadurch leichter erscheinen lässt.

Gegliedert ist der neue Band, der im Frühjahr 2016 erscheinen wird, in fünf Zyklen, deren letzter und längster die Lyrikerin Marina Iwanowna Zwetajewa in die Gegenwart holt und gleichzeitig ihre Geschichte aufrollt. Dabei gerät Westermann immer mehr ins Erzählen, wobei die Sprache stets an erster Stelle steht und mit ihrem Übertreiben der Zeit erfolgreich gegen das Verschwinden anarbeitet.

Neu oder sichtbarer ist dabei ein Humor. Manchmal entsteht er ganz einfach durch innere Reime, die man zum Teil erst beim lauten Vorlesen entdeckt, es gibt aber auch einen anderen, der einen erschauern lässt: Als ob da im Dunkeln zwei lange sitzen und vor Kälte zittern, bis plötzlich einer einen Witz erzählt und beide lachen; dann ist es wieder sehr still.

Gelesen habe ich das Manuskript 3511 Zwetajewa (benannt nach einem Komet, der wiederum nach der Dichterin benannt ist) zum grössten Teil im Zug nach Biel, wo Levin Westermann seit sechs Jahren lebt. Das Lesen nahm mich dermassen ein, dass ich wünschte, der Zug würde so lange nicht halten noch ruckeln, bis ich es einmal und noch einmal und noch einmal gelesen hätte. Vielleicht eine der schönsten Zugfahrten meines Lebens, dachte ich, als ich trotzdem ausstieg und Levin Westermann vor mir stand. Doch anstatt ihn zu fragen, wie er zu den neuen Formen gekommen sei, wann er sich in Zwetajewa verliebt habe, ob er schon laut beim Lyriklesen gelacht habe, was ihn in Biel halte, warum er so – dermassen schön – schreiben könne, spazieren wir wortlos zum Café am See. Er trinkt seinen schwarzen Kaffee, ich meine Cola und als er endlich, auch ohne eine Frage meinerseits, zu sprechen beginnt, erzählt er als erstes, dass sein Café am 21. Oktober 2015 für immer schliessen werde. Dann schweigen wir wieder.

Vielleicht kommt unser Schweigen von der Angst, seinem Schreiben nicht näherkommen zu können, sich stattdessen Wort für Wort und mit jedem Erklärungs- und Deutungsversuch davon zu entfernen; vielleicht ist es ein Schutz, weil weder für ihn zum Schreiben noch für mich zum Lesen genug Abstand besteht. Als wir doch noch zum Reden finden, ist es mehr ein Erinnern an unsere gemeinsame Zeit am Literaturinstitut in Biel. An die vielen Gedichte, die wir uns vorgelesen haben, von Inger Christensen bis Wolfgang Hilbig. Aber auch an das eine Mal, als wir bei minus sechzehn Grad kurz nach Mitternacht mit dem Velo ans Institut fuhren, den Beamer aufstellten und die gefrorenen Chips auf der Heizung auftauten, um den Super Bowl 2012 zu schauen – seine schwarzen Kleider, sein Haar und vor allem sein gefrorener Bart weiss vom Eis.


Werner Rohner
ist Schriftsteller und lebt in Zürich. Für sein Prosadebüt «Das Ende der Schonzeit» (Lenos, 2014) wurde er für den Rauriser Literaturpreis nominiert.