Eine sichere Verwirrung

Andrea Gerster: Ganz oben. Basel: Lenos, 2013.

Eine sichere Verwirrung

Was hat man von einer Figur zu erwarten, die schon am Anfang ganz am Ende ist? Sich zudem in zweifelhafter Geistesverfassung befindet und auch noch am Rand des Klischees steht, das heisst: in Lacoste-Shirts, aber ohne Gewissen durchs Leben geht? Ein paar harzige Stunden in der Regel, einen tagelang schwirrenden Kopf im Fall von Andrea Gersters drittem Roman «Ganz oben». Von der ersten Seite an öffnen sich in diesem Buch Räume, die nicht zu lokalisieren oder zu bemessen sind und sich bis zum Schluss weder schliessen noch erschliessen – und damit in flirrender Spannung zur verhältnismässig simplen Ereigniskette der erzählten Geschichte stehen: Der 42jährige Rechtsmediziner Olivier Kamm, Spross einer betuchten Berner Familie, sieht sich nach einem aufwühlenden Europol-Einsatz zu einer Auszeit gezwungen, reist nach Lappland und nach einem möglichen Vergehen an einer Frau oder einem Computer fluchtartig wieder ab, stürzt sich in eine Affäre, die in der Dominikanischen Republik alsbald ertrinkt, und fliegt daraufhin nach Thailand, um seinen ausgewanderten Vater zurück zur Vernunft, sprich in die Schweiz, zu bringen.

Äkäslompolo, Punta Cana und Hua Hin bilden als Handlungsorte jedoch weniger die Pfeiler des Erzählgerüsts als die Eckpunkte eines Bermudadreiecks, in dem Kamm auf unklare Weise untergegangen ist. Man trifft den Gefallenen zu Beginn des Romans in einem engen Raum, beschäftigt mit der Einübung einer Rede, die die unbekannte Instanz, die ihn in unbekannter Sache an unbekanntem Ort festhält, von seiner Unschuld überzeugen soll. Wenn Kamm in dieser Anlage zuweilen unweigerlich als Wiedergänger von Kafkas K. erscheint, so kommt er anders als dieser nie je mit der anklagenden Instanz in Berührung – falls es eine solche überhaupt gibt: Möglich, dass Kamm im Gefängnis sitzt; möglich aber auch, dass er entführt in einer Lehmhütte hockt oder von seiner angeschlagenen Psyche in die Enge getrieben wurde; möglich, dass der Kerker der Kopf ist, in dem die Trennschranken zwischen Verbrechen und Zufall einstürzen und das ganze Leben zu einer einzigen Schuldmasse gerinnt.

Jede Sicherheit zerrinnt in diesem ungewöhnlichen Buch, das man genauso wenig zu fassen bekommt wie seinen Protagonisten, der einem zunehmend entgleitet, während man sich ihm auf drei Erzählebenen annähert. Die Probereden für den erwarteten Prozess sind von erinnernden Selbstgesprächen umrankt und eingebettet in eine personale Erzählung, die Kamm, so wird zu Beginn des Texts suggeriert, einst auf Geheiss seiner Psychotherapeutin verfasst hat. Diese nüchtern geschilderten Reiseereignisse werden in den verzweifelten Reden an sich und andere aufgenommen und ergänzt, wobei die dabei entstehende Verflechtung so gekonnt wie konstruiert ist: Der «Erinnerungsvulkan», der in der beklemmenden Enge zu brodeln beginnt, spuckt seine biographischen Bruchstücke in schönem Einklang mit dem Fluss des Berichts aus, der seinerseits wieder in die Verteidigungsplädoyers mündet – so dass sich der Text seiner ausgeklügelten Gestalt zum Trotz merkwürdig linear, ja flach liest. Nicht erzählerische Varianten oder sprachliche Finessen, sondern gedankliche Möglichkeiten sorgen folglich für Spannung «ganz oben»; hier kreist sich kein Ich mit möglichen Geschichten ein, sondern es entwindet sich eines aus einer Erzählung, die so viele Fäden auswirft, dass sich der lesende Kopf unfehlbar darin verwickelt und bald wie Kamm an Verstand und Geschichte (ver)zweifelt. Wer also produktive Leserverwirrung für ein Merkmal guter Literatur hält, der greife unumwunden zu.