Anna Felder: «Circolare»

Anna Felder:
«Circolare»

 

Umgehen wir die Lobhudelei weiträumig, denn auch das bedeutet circolare: etwas umgehen. Anna Felder, die dieses Jahr mit dem Schweizer Grand Prix Literatur für ihr Gesamtwerk ausgezeichnet wurde, legt mit «Circolare» (im italienischen Original «Liquida») einen neuen Prosaband vor, der in dreiteiliger Gliederung – Qui (hier), (dort) und Liquida (flüssig) – alte und neue Erzählungen Felders versammelt. Unter dem titelgebenden Motiv der ständigen Bewegung entspinnen sich darin weniger komplexe Erzählstränge als dichte Beschreibungen.

Obwohl das elegant gefasste Büchlein nur knapp 140 Seiten umfasst, sind mehrere Anläufe nötig, um Zugang zu den Tableaux vivants zu finden. «Circolare» fällt aus der Zeit, sprachlich und inhaltlich. Das kann man loben, das muss man mögen, das ist Geschmackssache. Bereits buchgestalterisch wird die hier betriebene melancholische Nabelschau vorbereitet. Im Klappentext nennt sich das die «ganz eigene, innere, Geographie europäischer Orte und Un­orte» und man staunt nicht schlecht, wenn dieses eigene Europa dann fast ausschliesslich aus Italien und der Schweiz besteht und im Grunde ein Loblied auf die Schweizer Heimat ist. Vielleicht sollte Europa nicht immer gleich Schlagwort gegenwartsliterarischer Werke sein, vor allem dann nicht, wenn sich ein Text dermassen von tatsächlichen Bewegungskrisen des Kontinents abnabelt.

Trotz manch subtiler Sprachbilder («der Schlüssel, ein Bund Sardinen») greift Felder (oder Übersetzer*in eins bis vier) manchmal unangenehm daneben, etwa wenn – wir befinden uns, wie so oft in diesem Buch, in einem Garten – Gruben ausgehoben werden, und zwar «für jeden die seine». Solche Sätze bleiben dann inmitten all der Sprachbewegung einfach stehen.

Teilweise geraten die Erzählungen durch eine überbordende und sich auf die Füsse tretende Bildlichkeit aus dem Gleichgewicht. Etwa wenn Felder in «Ein Kuss in der Dritten» den Schulalltag in ein Aquarium verlegt, Klassen dort allerdings stranden können oder Schüler*innen, die eben noch «mit einem Flossenschlag auseinanderstieben», plötzlich «lebendige Flügel» wachsen. Und wenn ein Blütenregen als «weissrosa wehender Hauch der Schicksale» ins Zimmer strömt, ist die Schwelle des Kitschs überschritten: das klingt schon arg nach Groschenheftromantik. Auch wundert man sich über gestrige Geschlechterbilder: da schüttelt der «respektable Grossvater den Kopf», Männer reden «gebieterisch», Frauen sind passiv bis passiv-aggressiv. Die in antiquierter Sprache sumpfenden Szenerien lösen bisweilen zitternde, weil unentschlossene Mundwinkel aus.

Entschuldigen Sie, Frau Felder, ich wollte Ihr Buch so gerne mögen, aber nach Butler und Jelinek möchte ich nicht mehr von «schönen Mädchen mit Schlangenlocken auf dem Kopf» lesen oder Frauen begleiten, die «keifen» und die immergleichen Kreise durch Supermärkte und ihre Vorgärten ziehen. Wir sind längst weiter.

Anna Felder: Circolare. Aus dem Italienischen von Ruth Gantert, Maja Pflug, Barbara Sauser und Clà Riatsch. Zürich: Limmat-Verlag, 2018.

Philipp Theisohn, fotografiert von Ayse Yavas.
«Der Seismograf der
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Philipp Theisohn, Literaturwissenschafter,
über den «Literarischen Monat»