Bild © Fritz Bosshardt

Kater, Küsse und Trompeten

Refresh Keller #4

Im Rindermarkt 12 sitzen zwei Figuren in der Weinstube. Dass ihre Rede kaum verständlich ist, darf nicht verwundern. Sie sprechen dem Wein, ansonsten aber nur dem jeweils anderen zu. Die Stube pulsiert. An dieser Stelle könnte einer der beiden einwerfen, dass seine Stammkundschaft in der Öpfel­chammer lediglich ein Gerücht, mehr noch: dass er auch nun gar nicht hier sei. Und damit hätte er vielleicht nicht unrecht. Verbürgt ist hingegen, dass Keller im Haus gegenüber aufwuchs und dass er von hier oft den Weg ins Zunfthaus zur Meisen nahm.

So oder so sagt Keller nun zu seinem Gegenüber: Die frühen Gedichte Herweghs fuhren mir wie Trompetenstösse in den Podex.

Und Baumgartner sagt: Also.

Genau so, antwortet Keller. Es war, als zerrisse es mir das Gedärm.

Baumgartner will Protest einlegen: Der Vergleich erscheint ihm doch gar schief. Doch Keller will nichts hören. Stattdessen will er zeigen, wie gut geölt seine Stimmbänder bereits sind. Er zitiert:

Die Einen ertrinken im Überfluss, die Anderen im Meer. / Ein Terrorist sprengt glücklich einen Flughafen leer. / Und ein Nazi schiesst zufrieden auf ein Flüchtlingsheim. / Da fühlt man sich als Mensch manchmal allein.

Ist nicht von Herwegh, sagt Baumgartner.

Wie nicht von Herwegh?

Hat nicht der Herwegh geschrieben, war ein anderer.

Wie ein anderer? Wer denn?

Baumgartner kratzt sich am Kopf, weil er es selbst nicht weiss, und schenkt Wein nach, während Keller von neuem ansetzt:

Manch böser Geist haust in Helvetiens Schlünden, / Manch schlimmer Pfaffe keucht den Berg hinan, / Der Teufel bricht sich mit dem Kreuze Bahn, / Der Teufel in den frommen Talesgründen.

Ach so, sagt Baumgartner.

Mit Herwegh wird Keller in Zürich zusammentreffen: Der deutsche Dichter konnte es sich nicht verkneifen, einem königlich-württembergischen Offizier (!) auf einem Maskenball anzuvertrauen, was er von ihm hielt. Er hielt so wenig von ihm, dass eine Flucht in die Schweiz bald unumgänglich wurde. Herweghs Gedichte also. Und die Gedichte Kellers?

Im Alter von fünfzehn Jahren wird Keller von der Schule gewiesen, malt von nun an Landschaften und geht so mit der Mode. Als Abnehmer der Werke kommen eigentlich nur Touristen in Frage. Oder wie der Schriftsteller und Maler David Hess einmal festhält: «Von der Bergluft noch trunkene und geblendete ­Gentlemen und sentimentale Deutsche.» Keller findet in einem Betrieb, der sich auf die Massenproduktion billiger Land­schaftsansichten spezialisiert hat, eine Lehrstelle. Worauf wollen Sie hinaus?, fragt Keller. Etwas Geduld, bitte. Also: Die Lehrjahre verlaufen insgesamt unglücklich: Die Lehrmeister sind Pfuscher oder Wahnsinnige. Erst im Aquarellisten Rudolf Meyer, der zur zweiten Kategorie gehört, findet Keller einen wahren Meister. Es ist nicht zuletzt Meyer, der Keller das Lesen und somit das Sehen lehrt. Und es ist ebenfalls Meyer, der Keller dabei behilflich ist, das Malen hinter sich zu lassen. Böse Zungen behaupten, gerade darin stecke das Meisterhafte des Meisters. In Kellers Tagebuchaufzeichnungen finden sich Verzeichnisse seiner Malerarbeiten neben Gedichten, finden sich Reflexionen über das Verhältnis zum Malen und zum Schreiben, hier denkt der Autor über die Möglichkeit eines Daseins als Maler-Dichter nach. In diesen Kritzeleien berühren…

Philipp Theisohn, fotografiert von Ayse Yavas.
«Der Seismograf der
literarischen Schweiz.»
Philipp Theisohn, Literaturwissenschafter,
über den «Literarischen Monat»