Elisa Shua Dusapin: «Ein Winter in Sokcho»

Elisa Shua Dusapin:
«Ein Winter in Sokcho»

Insgesamt gelingt Elisa Shua Dusapin in ihrem Erstling eine schlüssige, tieftraurige Handlung. Sie selbst scheint ihrem Talent allerdings nicht recht zu trauen.

Lassen Sie uns über den Winter reden. Die Bewohner hochgelegener Berg­täler werden sich noch an ihn erinnern. Nun stellen Sie sich diese Jahreszeit am Meer vor, ganz aktuell, in einem abgelegenen Küstenort, der vom Tintenfischfang lebt und von der Hoffnung, dass der Krieg an der wenige Kilometer entfernten Grenze nicht wieder ausbricht. Natürlich, Sie müssen sich weit wegdenken, eine Atlas-App wäre hilfreich, dann finden Sie vielleicht Fort William, Murmansk, Akureyri, Nova Scotia… oder Sokcho-si in Südkorea, an der Japanischen See, nahe der Grenze zum allzeit nervösen Norden. An diesem abgelegenen Ort mit seinen verschlossenen, verschrobenen Einwohnern passiert einmal mehr die zweitälteste Geschichte. Es kommt der windige Schneidergeselle, der versprengte Soldat, der enterbte jüngste Sohn, der Jung­jäger, der viel zu weit der Spur eines wunden Rehs folgte, und wer er auch ist, er kommt niemals als Ritter auf weissem Ross, sondern auf wunden Fusssohlen und in staubigen Kleidern. Im Zeitalter von WLAN und Winkekatze neben dem Laptop hat dieser Wiedergänger die Gestalt des melancholischen Comiczeichners Yan Kerrand angenommen, mit Koffer und Wollmantel steht er eines Tages vor der Ich-Erzählerin. Er drängt sich nicht in ihre triste, kalte, enge Welt, sie fliegt nicht in seine Arme. «Ein Winter in Sokcho» bietet wenig Raum für rosarote Blütenträume oder knackende Kaminfeuer.

Für Herzchen und Kerzchen und Schlittschühchen hat die jüngste Schweizer Literatur Anna Stern. Elisa Shua Dusapin, Absolventin des Bieler Literaturinstituts, seziert und hinterlässt Narben. Das mit der Liebe kann sie ihren Figuren, den verlorenen, verholzten Seelen, nicht gönnen, umso besser aber von ihrer spröden Einsamkeit erzählen. So entwickelt sich die Geschichte von zweien, die sich umkreisen, kurz aneinander lehnen, hastig zurückweichen, die kleine gemeinsame Fluchten versuchen, einmal neben der Waschmaschine wie nasse Kleidung aufeinander klatschen, aber es nicht vermögen, die verbretterten Kammern ihrer Herzen zu öffnen. Der Versuch einer Liebe scheitert an der letzten Palisade. Sie mag so dünn sein wie Papier, aber keiner der beiden traut sich, sie zu zerreissen, um sich mit Haut und Haar hinzugeben.

Insgesamt gelingt Elisa Shua Dusapin in ihrem Erstling eine schlüssige, tieftraurige Handlung. Sie selbst scheint ihrem Talent – oder der finanziellen Perspektive solcher Literatur? – allerdings nicht recht zu trauen. Un­sicher behängt sie ihre schlanke, schlichte Geschichte mit allerlei grellen Lichterketten, als wolle sie einer breiteren Leserschaft signalisieren: Denkt nicht falsch von mir, ich bin gar nicht die Dichter-Elli, ich kann auch plump und protzig. Fernseher werden in dramatischer, aber anlass- und bedeutungsloser Zuspitzung zu «Kathoden-strahlröhren», noch ungelenker wirkt der Versuch, den Körperbau der Ich-Erzählerin wortmächtig auszumalen, bis das Bild einer Sumo-Ringerin im Hungerstreik entsteht: eine «Muskel- und Fettmasse», die wabbelig «die Wangen über die Ohren ziehen» kann, darunter aber deutlich abbaut mit «Lenden, auslaufend (sic!) in eine Wüste von Rippen und Schulterblättern». An solchen Stellen möchte der Leser der Autorin ihren eigenen Satz wieder und wieder diktieren: «Ich mag es, wie es ist, ohne Schmuck.»

Lassen sie uns wieder über den Winter reden. Den grauen, kalten, eintönigen. In dieser Jahreszeit, im weit entfernten Sokcho, flackern trübe zwei Flämmchen auf und verglühen – das sollten Sie lesen. Nur das kleine Leuchten, nicht das Lametta.

Elisa Shua Dusapin: Ein Winter in Sokcho. Aus dem Französischen übersetzt von Andreas Jandl. Berlin: Aufbau-Verlag, 2018.