Dominik Riedo: «Das ungezähmte Seepferd»

Dominik Riedo:
«Das ungezähmte Seepferd»

 

Ich kannte so eine. Sie stand am Anfang meines Schreibens, verlangte mir die ersten Sätze ab, las sie stets so, als käme alles auf diese Sätze an. Ansonsten hielt sie sich viel in der Natur auf, sammelte Sonnenuntergänge und das Geräusch von welkem Laub unter ihren Schritten. Sie war phasenweise nicht ansprechbar, ein Paradiesvogel mit problematischer Vergangenheit eben. Dominik Riedo unternimmt in seinem Roman «Das ungezähmte Seepferd» den Versuch, von so einer zu erzählen. Véra heisst sie bei ihm, und über ihrer gesamten Existenz liegt ein geheimnisvoller Schleier. Man beobachtet diese Enddreissigerin mit ebenfalls problematischer Vergangenheit bei einer ziemlich ereignislosen Wanderung den Rhein entlang, einer Wanderung allerdings von der Mündung zur Quelle, gegenläufig zur Flussrichtung also. Und auf diese Richtungsänderung kommt es Riedo an.

Denn auch der Autor schreibt hier in veränderter Flussrichtung, er verzichtet auf das übliche Illusionsfutter der Literatur. Véra wird ausschliesslich in ihren Gedanken gezeigt, die ständig um die Themen Tod und innere Harmonie kreisen. So ist sie komplett im Nebel ihrer Gedanken gefangen und dort gleichzeitig auf einer konsequenten Suche nach sich selbst. Ja, denke ich, so muss man von so einer erzählen. Aber es bleibt auch ein Mangelgefühl zurück. Man möchte irgendwie mehr von dieser Véra erfahren, mehr jedenfalls als diese dauernden philosophischen Allgemeinplätze.

Die Protagonistin aber bleibt eine Luftgängerin, sie lässt sich auch nicht von sporadischen Begegnungen mit schrägen Typen aus dem Tritt bringen und folgt ihrer Mission: Von der Verschmutzung des Flusses Rhein im Rotterdamer Hafen will sie zur Reinheit seiner Quelle zurückkehren. Und die Leser sollen – das wird klar – diese Wanderung bitte schön als eine Metapher verstehen. Véra will noch einmal von vorne anfangen, wieder Kind sein. Doch ihre tonnenschweren Gedanken stehen ihr dabei, wen wundert es, im Weg. Das geistige Drama von Véra gestaltet Riedo immerhin mit einiger Spannungskraft, dabei verwendet er Wasser in all seinen Formen immer wieder überzeugend als Symbol und Elixier.

Ja, so kann es so einer gehen, denke ich. Und: das kann doch nicht alles gewesen sein. Véra, dieses zarte Seepferd, muss an einer Welt leiden, die laut, schmutzig und grell ist. Von Anfang an interveniert deshalb ein Erzähler in die Romanhandlung, er stört Véras Sinnsuche und stellt sie immer stärker als seine eigene dar. Er hält den Finger in die Wunde der Konstruktion von Leben, die letztlich auch so eine Figur wie Véra ausmacht. Und so wird aus Riedos Roman dann verblüffenderweise doch ein Blick hinter den Schleier des täglichen Lebens, der nachhaltig berührt. In der Tat: ich kannte so eine – aber hatte sie völlig vergessen.

Dominik Riedo: Das ungezähmte Seepferd. Zürich: Offizin, 2016.

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