Live aus dem Künstlerprekariat

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Susann Klossek, Hartmuth Malorny:Zurück aufs Eis. Wie man keinen Roman schreibt.

 

Nein, es ist keine neue Idee, die die Schweizer Autorin Susann Klossek und ihr deutscher Kollege Hartmuth Malorny hatten. Sie ist nicht einmal besonders originell. Aber ist die Idee von «Krieg und Frieden» originell? Oder die der «Buddenbrooks»?

Susann Klossek und Hartmuth Malorny, getrieben von einer Mischung aus Schaffenswut, Geldknappheit und Entdeckerlust, beschliessen, gemeinsam einen Roman zu schreiben. Natürlich einen Bestseller, was sonst? Genre: egal.

Nach der Geburt der Idee beginnt ein intensiver Mailverkehr, ihm folgen wir über die 322 Seiten von «Zurück aufs Eis». Es geht, klar, um den Roman und das Für und Wider der in Frage kommenden Genres (Arztroman, Schelmenroman, Kriminalroman usw.), aber (und vor allem) auch um den grandiosen Alltag der beiden Schreibenden: Hier Malorny, ein Social-Beat-Autor, der in Dortmund lebt und sein Geld hauptsächlich damit verdient, dass er die Stadtverschönerungen von Sprayern wieder entfernt, da Klossek, ihres Zeichens Autorin, Managerin, Dichterin und Journalistin in der Nähe von Zürich, vereint im täglichen Struggle als Prekariatskünstler. Wir blicken tief in Träumereien und Trinkereien, auch den Sex, der mit Woody Allens Bonmot «Masturbation ist Sex mit einer Person, die ich sehr liebe» fast schon beschrieben ist. (Aber nicht ganz.) Und so befördern sie einander abwechselnd ihre Roman-Ideen in die Mailbox, die der/die andere aufnimmt, ausbaut, kommentiert, erweitert, ablehnt und verwirft – oder sich einfach darüber lustig macht. Sie tauschen zärtliche Invektiven, prahlen mit ihrer Weltkenntnis – denn beide sind weit gereist. Dabei sind sie sich in ihrer Vorliebe für Länder, in denen es immer heiss, feucht, überfüllt und lärmig ist, einig.

Das so entstandene Buch, das kein Roman sein soll, ist letztlich auch eine Reise ins Herz von Autor*innen, deren Namen keine grosse Resonanz oder gar ehrfürchtiges Abnicken bei diversen Förderstellen evozieren. Aber was ­immer der Gegenstand ihrer Betrachtungen, Beschreibungen auch ist, nie wird es larmoyant, niederträchtig, ja nicht einmal wirklich polemisch, vielmehr dringt oft Spott durch und immer gut trainierter Humor. Der Sound ist ruhig, konzentriert und elegant.

Als sich die beiden dann doch noch auf ein Romanthema einigen können und sich ihre Manuskriptseiten zuschicken, ist man als Leser doch irgendwie froh, dass dies erst gegen Ende geschieht. Denn der eigentliche, der echte und starke Roman ist der, den Susann Klossek und Hartmuth Malorny nicht geschrieben zu haben glauben. Sie irren.

«Zurück aufs Eis» ist in vielerlei Hinsicht grandios, unterhaltend im besten Sinn, dicht und durchdrungen von persönlicher Erfahrung, eingängig, und ja, verdammt noch mal: lehrreich.


Susann Klossek, Hartmuth Malorny:Zurück aufs Eis. Wie man keinen Roman schreibt.

Mainz: Gonzoverlag, 2019.

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Peter Stamm, Schriftsteller,
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