Kriegsbegeisterung und Grenzkoller

Zwischen 1914 und 1976 haben sich hiesige Autoren auf vielfältige Weise mit dem erhofften, durchlebten, stilisierten oder verdammten Krieg auseinandergesetzt. Ein Spaziergang durch Kriegstexte aus helvetischen Federn.

Kriegsbegeisterung und Grenzkoller
Beobachtungsposten im Wald mit Feldtelefon, photographiert von Edouard Senne / Schweizerisches Bundesarchiv, CH-BAR#E27#1000/721#14093#935* / CC-BY-SA 3.0/CH

I  Die Anfangseuphorie: «Tiefe» erleben

Wie die Autoren der kriegführenden Länder begrüssen auch die Schriftsteller der deutschen Schweiz den Beginn des Ersten Weltkriegs mit Begeisterung; sie verstehen ihn als Ende einer alten, muffig gewordenen Zeit und als Chance für ein neues, tieferes Verständnis ihrer Existenz. Die Aussicht, jung sterben zu müssen, zwingt sie zur konzentrierten Wahrnehmung der Lebenszeit, die ihnen vielleicht noch bleibt; sie lässt sie die Gegenwart intensiver erleben als vor dem Krieg. Die Autoren sehen sich jetzt in der Lage, das Wesentliche vom Unwesentlichen zu unterscheiden. Mit dem Wesentlichen kann die Aufgabe der Ichhaftigkeit oder das Aufgehen in ein das Individuum übersteigendes Ideal gemeint sein: Immer geht es darum, als einzelner oder als Nation über sich selber hinauszuwachsen – Ideale, von denen die Autoren glauben, sie seien in der Vorkriegszeit verlorengegangen.

So beschreibt Karl Stamm in seinem Gedicht «Geschenk der Zeit» (1915) diese Jahre als müden Frieden, als Zeit, die keine Tiefe und kein Erleben kannte und in der viele sinnlose Worte gesprochen wurden. Doch jetzt habe der Krieg den Zugang zum Leben wieder freigemacht: «Du hast den Born erschlossen, / darin das Leben schlief! / Des Krieges furchtbar: Werde! / die Quellen ins Dasein rief.» Auch Felix Moeschlin verdankt dem Krieg ein neues Erleben von Tiefe: «An der Grenze stehen, das heisst für uns: an der Grenze des Lebens stehen! Das ist das Tiefe, was uns zu erleben vergönnt war!»

Der Tagebuchschreiber in Hans Zurlindens «Symphonie des Krieges» (1919) erwartet vom Krieg eine Befreiung von der Beschäftigung mit sich selbst und ein Aufgehen im Grossen des Weltgeschehens. Jetzt sei Schluss mit dem «dummen Fragen nach dem Sinn und Zweck meines Daseins in der Welt. War das auch beschränktes Denken! Was habe ich denn noch zu bedeuten angesichts des ungeheuren Weltereignisses! Jetzt versinke liebe, eigene, kleine Persönlichkeit und passe bloss auf, was vorgeht.»

Wolf, der Protagonist in Meinrad Inglins (erst nach seinem Tod veröffentlichten) Erzählung «Phantasus», erlebt den Kriegsausbruch in Deutschland und ist begeistert von den «machtvollen Dingen», die dort getan werden: «Helden erstanden, Kleine wurden gross, Eigensüchtige lernten opfern, Zerstreute erkannten den Wert der Hingabe; der Sinn des Daseins wurde umgedeutet, Völkerideen triumphierten über Fleisch und Blut der einzelnen.» «Trunken vor Begeisterung» kehrt er in sein Heimatland zurück in der Hoffnung, hier möge dasselbe geschehen. Auch seine Na-tion (die Schweiz) soll über sich selbst hinauswachsen und Grösse anstreben. Dieser «Völkeridee» habe sich der einzelne unter der Führung einer aristokratischen Elite zu unterwerfen. Wolf strebt einen autoritären Führerstaat an, ein politisches Konzept, mit dem auch der junge Inglin sympathisiert.

Doch der Krieg dauert nicht, wie man gehofft hat, nur einige wenige Monate. Die Begeisterung verfliegt: Über längere Zeit lässt sich «gesteigerte Existenz» nicht erleben – erst recht nicht unter den harten Bedingungen des Militärdienstes. Zurlindens Tagebuchschreiber wird bei einem Deutschlandbesuch keine Soldaten finden, die vom Krieg begeistert sind, Stamm wird
ergreifende Gedichte über Soldaten schreiben, die einsehen müssen, dass sie im nationalen Rausch zu Mördern geworden sind, und Inglin wird sich im «Schweizerspiegel» von seinen Phantasien…

Die Schweiz im Krieg

«Deutschland hat Russland den Krieg erklärt. – Nachmittag Schwimmschule.» Das lakonische Notat vom 2. August 1914 steht nicht in einem Schulgemeindeprotokoll, sondern im Tagebuch eines der bedeutendsten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts: Mit zwei Sätzen, scheint es, handelt Franz Kafka das Weltereignis ab und taucht ins Privatleben ein. Hat die Schweizer Literatur mehr zum Krieg zu […]

Ein einig Volk von Kriegern?
Diebold Schilling: Schlacht von Sempach, in: Amtliche Berner Chronik, Band 1, S. 236 / Burgerbibliothek Bern – Signatur: Mss.h.h.I.1, S. 236.
Ein einig Volk von Kriegern?

Als Wink Gottes deutete Bullinger die eidgenössischen Schlachtsiege, und Lavater besang die heldenhaften Schweizer Kämpfer in pathetischen Liedern: Seit dem Mit-telalter prägt das Reden, Schreiben und Singen vom Krieg das helvetische Selbstbild – Anklänge daran sind bis heute zu vernehmen.

Kriegsbegeisterung und Grenzkoller
Beobachtungsposten im Wald mit Feldtelefon, photographiert von Edouard Senne / Schweizerisches Bundesarchiv, CH-BAR#E27#1000/721#14093#935* / CC-BY-SA 3.0/CH
Kriegsbegeisterung und Grenzkoller

Zwischen 1914 und 1976 haben sich hiesige Autoren auf vielfältige Weise mit dem erhofften, durchlebten, stilisierten oder verdammten Krieg auseinandergesetzt. Ein Spaziergang durch Kriegstexte aus helvetischen Federn.

«Das Magazin, das in der
Schweiz gefehlt hat!»
Peter Stamm, Schriftsteller,
über den «Literarischen Monat»