Editorial

Was beim Bücherkauf nachhelfen soll, hat mich meist abgeschreckt, mindestens stutzig gemacht. Die Rede ist von jenem kurzen Satz, der Ihnen auf Buchdeckeln sicher auch schon begegnet ist: «Nach einer wahren Begebenheit». Hier, ruft der Klappentext, haben wir es mit dem echten Leben zu tun! Hier steckt – wenn schon nicht das Gute oder Schöne […]

Was beim Bücherkauf nachhelfen soll, hat mich meist abgeschreckt, mindestens stutzig gemacht. Die Rede ist von jenem kurzen Satz, der Ihnen auf Buchdeckeln sicher auch schon begegnet ist: «Nach einer wahren Begebenheit». Hier, ruft der Klappentext, haben wir es mit dem echten Leben zu tun! Hier steckt – wenn schon nicht das Gute oder Schöne – zumindest das Wahre! Hier jauchzen Kritik, Marketing und Urheber im Chor: «Das Leben schreibt die schönsten Geschichten.» Warum mich das abschreckt? Weil es eine Binse ist, deren Binsigkeit mir erst so richtig bewusst wurde, als ich einmal mit dem Schweizer Schriftsteller Michael Fehr eine Autofahrt von St. Gallen nach Zürich lang darüber diskutierte, woher wir Geschichten nehmen, um sie aufzuschreiben. Aus uns, war seine Antwort. Und nur aus uns. Das bedeutet: bei jeder Form von Literatur haben wir es mit dem echten Leben in eigenwilliger Form zu tun. Und ja: das Leben schreibt die schönsten Geschichten. Aber eben auch die miesesten.

Direkt und indirekt an eine wie auch immer geartete Historie gekoppelte Bücher – von der Biographie über die Autobiographie bis zu historischen Romanen und erzählenden Sachbüchern – erfreuen sich eines bereits enormen, aber weiter wachsenden Publikumszuspruchs. In der Wissenschaft wird seit Jahrzehnten intensiv daran geforscht, wie genau sich Geschichte und Literatur eigentlich befruchten – und was der Leser davon hat, wenn das eine zum anderen wird oder umgekehrt. Dem Thema «Geschichte & Geschichten» haben wir deshalb einen prominent besetzten Schwerpunkt gewidmet. Das Erscheinen desselben ab S. 4 ist gleichzeitig das Vermächtnis und die Stabübergabe meiner Kollegen Serena Jung und Gregor Szyndler, die die Redaktion nach mehrjähriger Mitarbeit in diesem Monat leider verlassen werden: Serena geht eine lang geplante Weiterbildung an, Gregor wird sich als Autor, Lektor und Korrektor selbständig machen. Danke, ihr beiden, für die phantastische Zusammenarbeit in den letzten Jahren – und viel Erfolg euch darüber hinaus! Als neuen leitenden Redaktor des «Literarischen Monats» begrüsse ich ab Januar den Journalisten Stephan Bader, der schon verschiedentlich für und mit uns zusammengearbeitet hat. Dir, lieber Stephan, ein herzliches Willkommen in unserem jungen Team!

Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, danke ich für die Unterstützung in diesem Jahr. Seit Dezember 2016 ist unser Abostamm um gute 10 Prozent gewachsen, was in Zeiten der permanenten Medienkrise für das wichtigste und vorletzte Ausrufezeichen in diesem Editorial sorgen darf. Mir bleibt, Ihnen eine besinnliche und möglichst lesefreundliche Weihnachtszeit sowie einen guten Rutsch ins neue Jahr zu wünschen – mit dieser und vielen weiteren Ausgaben. Bleiben Sie uns treu!


Die Texte unseres Schwerpunkts finden Sie unter den folgenden Links:

Überfahrt mit Zombie
von Adam Schwarz

Und wenn es nicht die Wahrheit ist, so ist es doch gelogen
von Sabine Haupt & Tobias Lambrecht

«Goethe hat nicht immer recht. Aber er stimmt immer.»
Gregor Szyndler korrespondiert mit Adolf Muschg

Kleine Geschichte des Kantons Tessin (Dialog zu drei Stimmen)
von Yari Bernasconi

In der Gegenwart gefangen
Serena Jung trifft Anna Kim

Im Selbstreflexionskäfig
von Benjamin von Wyl

«Tell me another»
von Christoph Steier

«Kenne ich die Geschichte?»
von Daniel de Roulet

Sich Kafka nähern
Gregor Szyndler trifft Reiner Stach