Lesen Sie gerne Sexszenen?

Die Illustratorin Ulli Lust über die Unterschiede zwischen dem Zeichnen erotischer Szenen und dem Schreiben darüber.

Lesen Sie gerne Sexszenen?
Illustration: Ulli Lust

Sexszenen gehören, wie Landschaftsbeschreibungen, zu den Stellen, die ich in Büchern häufiger überfliege als andere. Bei Land­schaften wird vor allem meine Geduld strapaziert. Es braucht viele Worte, um die grossen und kleinteiligen Eindrücke aufzuschlüsseln, die, würden wir den Horizont tatsächlich überblicken, alle gleichzeitig sichtbar wären.

Die Probleme mit Sexszenen sind weitreichender, nicht immer liegen sie im Verantwortungsbereich der Autoren. Eine Landschaft sieht für uns alle ungefähr ähnlich aus, wir können sie nüchtern betrachten. Sexuelle Erfahrungen sind intim, manchmal widersprüchlich, wir haben unterschiedliche angeborene Bedürfnisse und sind zudem individuell konditioniert. Für meinen Geschmack können explizite Szenen in Texten gerne kurzgehalten werden. Manchmal ist es ein einzelner Satz, der mich in die passende Schwingung versetzt. Der die gefühlte Temperatur im Raum steigen lässt.

Das Davor und das Danach interessiert mich – in Romanen, nicht im richtigen Leben – viel mehr. Oder ist es der Logos, der beim Lesen von Worten ins Spiel kommt, der die Stimmung stört? Sexszenen in Bildern betrachte ich nämlich sehr gerne. Ich erinnere mich an viele delikate französische Comics, die ich genussvoll und langsam gelesen habe. Vielleicht stimulieren mich Bilder leichter, weil mein Sprachzentrum beim aktiven Sex nur eingeschränkt funktioniert. In diesem speziellen Bewusstseinszustand finde ich plötzlich eine vulgäre, einfache Sprache ungeheuer attraktiv. Es ist nicht nur in der Literatur eine Herausforderung, zur richtigen Zeit den richtigen Ton zu treffen. Als Bilderzählerin habe ich eine weniger grosse ästhetische Fallhöhe zu bewältigen. Erotische Bilder dürfen klassisch schön bleiben. Körperliche Schönheit und Sex sind eine natürliche Paarung. (Ich meine hier übrigens ausschliesslich Sexszenen, die von den Protagonisten als angenehm empfunden werden – «angenehm» ist wohl die zarteste Annäherung an den Rausch, der die eigentliche Gefühlslage ist.)

«Die persönliche Schamgrenze der Rezipienten

ist eine unwägbare Grösse.»

Wenn ich Sex zeichne, dann schwelge ich in Schönheit. In anderen Szenen dürfen meine Bilder gerne grotesk aussehen, hier nicht. Wenn die Helden der Geschichte ein vom Alter verbogenes und zerknautschtes Paar wären, würde ich zeigen, wie sie sich fühlen – und in diesen Momenten fühlt man sich schön.
Autoren von Texten müssen die Dinge beim Namen nennen. Doch eine Brust zum Beispiel sieht besser aus, als das Wort klingt. Busen, Titten, Duddeln … die Auswahl ist gross und dennoch beschränkt. Oder: Wie bezeichnet man das weibliche Geschlechtsteil? Scheide, Vagina, Vulva, Möse, Fotze klingen entweder nach medizinischen Fachbegriffen oder nach Schimpfwörtern. Geschmacksgrenzen sind schnell überschritten. Wenn allerdings im Kontext von Sex davon die Rede ist, vermute ich eine Verwechslung mit Schamgrenzen. Sex und Scham treten leider ebenfalls als Paar auf.

Philipp Theisohn, fotografiert von Ayse Yavas.
«Der Seismograf der
literarischen Schweiz.»
Philipp Theisohn, Literaturwissenschafter,
über den «Literarischen Monat»