Thomas Hürlimann:  «Heimkehr»

Thomas Hürlimann:
«Heimkehr»

Unser Buch des Monats.

Zugegeben: Es mag eigenwillig anmuten, einen Ende August 2018 erschienenen Roman jetzt zum «Buch des Monats» auszurufen. Das kam so: Im Herbst fragte die «Zeit» Michael Wiederstein und mich für einen Gastbeitrag zum «Schweizer Buchpreis» an – oder inoffiziell: zur Nichtberücksichtigung von Thomas Hürlimann auf dessen Shortlist. Das gehe doch nicht, hatte die Presse gemurrt: Nun habe Hürlimann nach zwölf Jahren und nach langer Krankheit recht überraschend einen neuen Roman vorgelegt – und was für einen! Und komme nicht einmal in die Auswahl der besten fünf? Skandal!

Halb so wild, schrieben wir in unserem Artikel. Die Herren in den Feuilletonredaktionen möchten sich doch nicht so aufregen, schrieben wir. Preisvergabeprozesse hätten eben ihre ungeschriebenen Gesetze, schrieben wir, und denen zufolge sei es nun mal recht unwahrscheinlich, Peter Stamm und Thomas Hürlimann auf so einer Auswahlliste zu finden. Hürlimann werde dann sicher Anfang 2019 bei der Vergabe der «Schweizer Literaturpreise» berücksichtigt, schrieben wir. Auch weil es höchst fraglich sei, ob noch einmal die Gelegenheit käme, ihn für ein neues Werk auszuzeichnen (das schrieben wir nicht). Hürlimann würde dann fotografisch bestens in Szene gesetzt aus unserem jährlichen Dossier zu diesen Preisen lächeln, oder jedenfalls: gucken; bei dieser Gelegenheit würde «Heimkehr» im «Literarischen Monat» in getragenen Worten adäquat gewürdigt. Wir fühlten uns sehr sicher.

Im Februar sind die «Schweizer Literaturpreise» verliehen worden; Thomas Hürlimann gehörte nicht zu den Ausgezeichneten. Das ist eine kleine Katastrophe (diesmal wirklich). Und ein Grund dafür, dass «Heimkehr» im März 2019 unser «Buch des Monats» ist. Der andere: Dieser Roman ist äusserst lesenswert.

Als die «Gute des Vorzimmers» aus der väterlichen Fabrik anruft, macht sich Heinrich Übel junior sofort auf den Weg in das abgelegene Kaff, wo die «Gummiwerke Fräcktal» stehen. Der Senior meldet sich sonst nie, seit er ihn, den missratenen Sohn, vor zwanzig Jahren mit Schimpf und Schande verjagt hat. Fast in Sichtweite der Fabrik: Landstrasse, Nebel, das geliehene Auto überschlägt sich und landet im Wasser. Als Heinrich junior wieder zu sich kommt, findet er sich in einem Hotel in Sizilien wieder. Aber wie ist er dahin gekommen, und was ist in jener Nacht genau passiert? Warum behandeln ihn die Menschen hier so seltsam ehrfürchtig? Oder ist er tatsächlich ein anderer geworden?

«Heimkehr» erzählt die Odyssee des verlorenen Sohns, der zum Vater zurückkehren will (ist ja auch ein Hürlimann-Buch), auf 522 in jedem Sinne vollgepackten Seiten: Wenn je die Stilblüte «Feuerwerk der Sprache» auf einen Roman zugetroffen hat, dann auf diesen: Hürlimanns Fundus ist derart reich, er erzählt derart schnell, bunt und mit Knalleffekt; immer wieder ins Groteske überzeichnend, mit Freude in Klischees wühlend, Slapstick und Kuriositätenkabinett. Im Zweifel noch einen draufsetzen, scheint das Motto gewesen zu sein. Ebenso eklektisch ist die Wahl der Schauplätze und Milieus: Das dunkle Voralpental mit See, Westberlin, Ostberlin samt Mauerfallnacht, das Zürcher Mafiamilieu, Kunstszenepartys, Gummikongresse, der Wohnwagen einer alternden Prostituierten. Ein Afrikaaufenthalt samt Malaria und Flossfahrt zu einer abgelegenen Missionsstation findet auf ganzen vier Seiten Platz. Und klar, Hürlimann feuerwerkt auch mit Bildung: Psychoanalyse, griechische Mythen: ein bisschen Ödipus, viel…