Literarischer Monat #34

Nicht die Liebe, nicht das Schicksal steht am Anfang der Geschichten: «Zorn», genauer: der Zorn des Achill in Homers «Ilias»1, ist das allererste Wort europäischer Literatur. Der Rest ist buchstäblich Geschichte, bis heute bieten zornige Heroen, ersatzweise auch wütende Normalsterbliche, der Literatur verlässlich guten Stoff. Damit ist es allerdings noch nicht getan: Zorn und Protest, die öffentliche Einmischung, wird auch von den Schriftstellern selbst erwartet – wie gross ist die Sehnsucht gerade hierzu­lande nach dem «neuen Frisch», dem «neuen Dürrenmatt»!?

Aber sind derartige Wallungen und Launen wirklich gute Berater für den Künstler? Können aus Wut, Protest oder aus politischem Kalkül geschriebene Texte nach literarischen Kriterien «gut» sein? Braucht es diese «engagierte Literatur», den oft herbeigesehnten «kritischen Intellektuellen» überhaupt? Hat die Zunft der Wortgewaltigen vielleicht gar eine besondere Verantwortung, die Kraft des Wortes für die gute Sache einzusetzen – so wie Jonas Lüscher, der in diesem Monat für einmal kein neues Buch in die Buchhandlungen, dafür aber fünf Millionen Europäer auf die Strasse bringen will?

Diesen Fragen wollen wir in unserem Heftschwerpunkt nachgehen – und obendrauf gibt es, selbstverständlich, «zornige» Texte! Diese können Sie wie gehabt in Print, nun aber auch auf unserer neuen Website literarischermonat.ch lesen und geniessen – letztere sieht nicht nur wunderbar aus, sie ist auch funktional endlich auf der Höhe der Zeit. Dies so sehr, dass wir ab sofort ein eigenes Online-Abo für papiersparende Digital­leseratten anbieten. Ausserdem ist neu die monatlich in unserer Schwesterzeitschrift, dem «Schweizer Monat», erscheinende Kurzgeschichte auch Abonnenten des «Literarischen Monats» zugänglich.

In diesem Sinne: gute Lektüre!

  1. In der deutschen Übersetzung von Johann Heinrich Voß – «Singe den Zorn, o Göttin, des Peleiaden Achilleus» – immerhin noch das dritte.