Madame Robovary und Tron Quijote

Wenn Jules Verne, Aldous Huxley und der Traum vom ewigen Leben zusammenfinden, ist der Physiker und Philosoph Marc Atallah nicht weit. Besuch im einzigen Science-Fiction-Museum der Schweiz.

Madame Robovary und Tron Quijote
Marc Atallah. Bild: zvg.

Marc Atallah, Sie leiten das Museum «Maison d’Ailleurs – Musée de la science-fiction, de l’utopie et des voyages extraordinaires» in Yverdon – ein nicht nur schweizweit einzigartiges Museum im Zeichen von Science-Fiction und Utopie. Ein wichtiger Bestandteil des Museums ist die Jules-Verne-Bibliothek. Beginnen wir mit ihm: Wie stark hat Jules Verne das Genre Science-Fiction geprägt?  

So gut wie gar nicht.

Wie bitte? Den Franzosen gilt er als «Erfinder» der Science-Fiction!

Aber keiner seiner Romane ist Science-Fiction, bis auf einen vielleicht, «Paris im 20. Jahrhundert». Der wurde 1864 geschrieben, von Vernes Verleger aber abgelehnt. Er fand die Zukunftsvision zu negativ. Das Manuskript wurde erst 1989 wiederentdeckt. Alle anderen Werke, ob «Fünf Wochen im Ballon» oder «20 000 Meilen unter dem Meer», sind streng genommen keine Science-Fiction.

Sondern?

Abenteuergeschichten.

Warum widmet das Museum ihm dann trotzdem einen Saal?

Weil es sein Vermächtnis an die Science-Fiction ist, das allgemeine Interesse an Wissenschaft und Technik gefördert zu haben. Bei ihm erfahren wir viel über verwendete Technologien – U-Boote, Ballons, Helikopter –, aber nicht viel über die Figuren. Die Maschinen, so könnte man zuspitzen, waren ihm wichtiger als die Menschen. Verne fasste die Wissenschaft seiner Zeit zusammen und popularisierte sie. Aber: nichts, was in Science-Fiction-Geschichten beschrieben wird, ist jemals wirklich wissenschaftlich. Es sieht bloss so aus. (lacht)

Dazu kommen wir später noch. Wenn nicht Verne – wen sehen Sie dann am Anfang des Genres?

H. G. Wells. Er begründete Science-Fiction-Narrative, die wir heute noch lesen: Sei es die «Zeitmaschine» oder den «Krieg der Welten». Die meisten amerikanischen Sci-Fi-Autoren der 20er und 30er, die das Genre weiter popularisierten, waren von ihm inspiriert.

Aus dem angelsächsischen Raum schwappte also die Bewegung nach Zentraleuropa?

Genau. Dabei war sie im französischen Sprachraum erfolgreicher als im deutschen.

Das gilt bis heute und auch für die Schweiz: In der Romandie ist das Genre deutlich populärer als in der Deutschschweiz. Warum?

Es gibt Leute, die behaupten, dass der alte germanische Mythos der Grund dafür sei, dass im deutschsprachigen Raum Fantasy – das ganze Tolkien-Ding etwa – populärer war und geblieben ist als Science-Fiction. Das überzeugt mich nicht. Ich glaube, es geht vielmehr ums verlegerische Umfeld, nicht um Sprache und Mythos: Während in den USA, etwa um 1950, viele Science-Fiction-Geschichten veröffentlicht wurden, kam in Frankreich das Taschenbuch auf. Hiesige Verleger witterten gute Geschäfte mit den Übersetzungen. Science-Fiction war plötzlich multimedial präsent, weil gut verkäuflich: Bücher, Comics, Hefte, Filme, Hörspiele, später das Fernsehen, die Musik. Ich sage nur: «Ziggy Stardust». Das Genre ist Teil der Populärkultur geworden, weil Science-Fiction über andere Welten spricht, die mit unserer in Verbindung stehen. Das spricht die Leute eben an. Denn streng genommen geht es dabei nicht vorrangig um die Zukunft, die Wissenschaft oder die Technik, sondern um den Menschen in seiner Gegenwart.

Das müssen Sie ausführen.

Zukunftsvisionen und Alternativweltgeschichten dienen dazu, die Realität zu verzerren, zu hinterfragen. Uns einen Spiegel vorzuhalten. Sie sind ein guter Weg, um auf das zu schauen, was wir wissen – und darauf, wie wir damit umgehen. Science-Fiction ist ein Genre, in dem deshalb sehr viele Metaphern verwendet werden: so erschliesst man neue Wege, um menschliche Wesen zu betrachten, ihr Suchen und Streben in Wissenschaft und Technologie. Bereits im beginnenden 20. Jahrhundert bot Science-Fiction damit einen neuen Weg, über die Conditio humana zu sprechen – indem sie gebräuchliche Worte und Themen auf eine spezifisch neue Weise verwendete. Damals gab es beispielsweise Unmengen von Insekten-Romanen. Menschen beobachteten Insekten, lernten ihre Welt unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten besser kennen, et voilà: In der Fiktion fallen Insekten über Menschen her – eine typische Endzeitvision. Das heutige Pendant dazu sind Viren, Organismen, die die Forschung schon lange untersucht, um ihnen…