8902 Urdorf

Skizze eines Agglomerationstagebuchs

8902 Urdorf
photographiert von Anni Katrin Elmer.

Auf der kargen Wiese vor dem Haus stehen eine Rutsche und eine Schaukel, verloren zwischen den Bauaussteckungen. Der Junge aus dem Nachbarhaus schreit wie am Spiess. Er hat sich auf die von der Sonne brütend heisse Rutsche gesetzt. Normalerweise aber ist es ruhig. Ab und zu bellen die Dalmatiner des Nachbarn.

Der Sommer in Berlin war wüst und kalt. Bei einem Gewitter kamen Hagelkörner vom Himmel, gross wie Aprikosen. Ende letzten Jahres bin ich dann doch noch zurückgekommen – dieses Jobangebot aus Zürich, das ich nicht ablehnen konnte. Und so zog ich von der Frankfurter Allee, Berlin-Friedrichshain, in den Heidenkeller, Urdorf. Eine Zwischennutzung, bis die Wohnblocksiedlung abgerissen wird. Die Miete ist genauso hoch wie in Berlin. In der Schweiz alleine in einer grosszügigen Zweizimmerwohnung zu leben, bedeutet für mich, aus dem Stadtzentrum in die Agglomeration zu ziehen. Nach dem Umzugstag im Dezember sass ich zwischen Bananenschachteln und Migrossäcken, den Drehtabak aufgeraucht. Ich ging vor die Tür und mir war klar: kurz nach Mitternacht bekomme ich nur noch Filterzigaretten im Gasthof Schwanen. Leider war an eben diesem Abend der Jetoneinwurf des Automaten defekt. Im Hintergrund lief «What a Wonderful World» ab Band. Da kommt heute abend kein anderes Lied mehr, dachte ich. Und sehnte mich nach einem Berliner Spätkauf.

Der Winter in Urdorf war zäh und dunkel. Die eine Hälfte des Herzens hing noch in Berlin, die andere schwer in Urdorf. Meine Nachbarin in Berlin fragte mich einmal im Treppenhaus, warum ich so viel alleine sei. Weil ich gerne für mich sei und schreibe, sagte ich. Das verstehe sie gut, bei ihr würde es auch Tage geben, an denen der Fernseher nicht laufe. Wenn ich abends in Urdorf durch die Strassen gehe, sehe ich in Wohnzimmer mit grossen Fernsehern, selten sitzen Menschen davor.

Der Winter in Urdorf hat mir auch gezeigt, dass man sich vor schwermütigen Männern in Acht nehmen muss.

Die Dunkelheit hier ist eine andere als in der Stadt. An einem Abend im Dezember sass ich auf dem Laminatboden in meinem Schlafzimmer und schaute Fotos meiner Berlinzeit an. Nick Cave heulte durch die Wohnung. Ich dachte an den Piloten. Der eigentlich Kriegsreporter ist. Wenn er beim ersten Gin Tonic erzähle, als was er wirklich arbeite, würde sich kein leichtes Gespräch entwickeln, sagte er. Mir war auch nicht nach leichten Gesprächen – und so dachten wir, den Hauch einer Zukunft zu haben. Die Narben waren echt. Die Liebe auch. Aber seit eben diesem Abend im Dezember hängt ein Satz von Robert Walser über meinem Bett: «Moment, bleiben Sie stehen! Ihnen schaut da die Seele zum Körper heraus!»

Dann kam der Frühling und ich hatte mich in meinem neuen Leben zurechtgefunden. Die Wohnung ist nach wie vor spartanisch eingerichtet. Wenn ich telephoniere, hallt es. Auf der anderen Seite der Leitung fragt man, ob mir Urdorf gut tue. Ob ich mich auch nicht zu sehr zurückziehe? Ich werde mehr Bücher kaufen gegen das Hallen.

Wenn ich heute daran denke, dass ich Urdorf in einem Jahr verlassen muss, gefällt mir dieser Gedanke…

Stadtbesuch in der Agglo
Hat einen Draht zur Agglo: Schriftsteller Dominik Riedo.
Stadtbesuch in der Agglo

Online-Spezial: Weder in der Stadt noch auf dem Land, erbaut auf einer betongrauen Agglo-Wiese, vom Strom der Autobahn unterflossen, steht das «Westside»-Einkaufszentrum in Bern-West. Dominik Riedo geht in diesem Zwischenreich für uns auf Spurensuche.

Kein schöner Land

Ich bin in der Kleinstadt aufgewachsen. Nicht auf dem Land. Wir legten damals Wert auf diesen Unterschied. Jeder, der mit dem Auto von Zürich nach Bern fuhr, musste durch Bremgarten. An Sommertagen roch die Kleinstadt nach Benzin. Und da war der Fluss. Mein Zürcher Onkel kam mit der Vespa und mein Basler Onkel mit der […]

Bitte angemessen beflaggen!
photographiert von Pascal Mora.
Bitte angemessen beflaggen!

Bänz Friedli wurde als herumreisender «Pendlerkolumnist» in «20 Minuten» einem Millionenpublikum bekannt – niemand beschrieb die Agglo wie er. Heute sagt er: So richtig kennengelernt habe er sie eigentlich erst, nachdem er das berufliche Gleis gewechselt habe. Ein Werkstattbericht.

«Das Magazin, das in der
Schweiz gefehlt hat!»
Peter Stamm, Schriftsteller,
über den «Literarischen Monat»