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Nicolas Mathieu: «Wie später ihre Kinder»
5.0.2

Nicolas Mathieu: «Wie später ihre Kinder»

Buch des Monats.

«Wie später ihre Kinder» ist das Buch des Sommers. 2018 mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet, ist es im Juli auf Deutsch erschienen und begeistert die Kritik auch, weil Mathieu fast zeitgleich mit den Gelbwesten-Protesten auf die Menschen aufmerksam macht, die von Kapitalismus und Globalisierung am wenigsten profitieren. Damit folgt der Soziologe einem Interesse, das in den letzten Jahren besonders in Frankreich (u.a. von Didier Eribon, Annie Ernaux, Virginie Despentes oder Edouard Louis) literarisch verarbeitet wird: Darzustellen, woher das Gefühl vieler Menschen rührt, die besten Jahre hinter sich zu haben; wie es passieren konnte, dass sich Menschen, die mal für gleiche Rechte gekämpft haben, gegenseitig für ihr Leid verantwortlich machen; wie Arbeiter von starken Gegnern des Kapitalismus zu dessen Opfern werden; wie sich Lustlosigkeit verfestigt und Gewalt entsteht; woher die Angst kommt vor der Zukunft und dem Fremden.

Anthony ist 14 Jahre alt und lebt in einem kleinen Haus, mit dem sich seine Eltern Hélène und Patrick Casati einen Traum verwirklicht haben. Patrick war Arbeiter im Stahlwerk, das den meisten Männern des Ortes bürgerlichen Wohlstand gesichert hatte – bis es geschlossen wurde. «Anthony hatte nicht viel mit seinem Alten gemein, aber das wenigstens teilten sie: Glotze, Motorsport, Kriegsfilme.» Patrick trinkt und ist gewalttätig, ohne sich selbst ertragen zu können. Hélène will vor allem Streit ­vermeiden.

Im Sommer helfen Joints die verstreichende Zeit zu ertragen. Am See lernt Anthony Steph kennen, deren Vater sich so weit hochgearbeitet hat, dass seine Frau ihr mittägliches Lachstatar mit der Visakarte bezahlen kann. Steph war «erstaunlich». Um sie auf einer Party wiedersehen zu können, klaut Anthony das Motorrad seines Vaters. Die Party eskaliert, als Hacine auftaucht. Dessen Vater hatte im Stahlwerk «vierzig Jahre lang die Regeln befolgt» und war trotzdem «für immer der Araber» geblieben. Hacine ist nicht willkommen. Also verschwindet er mit Patrick Casatis Motorrad. Der Diebstahl verbindet die Lebenswege der beiden Stahlarbeitersöhne, die um ihre Errungenschaften kämpfen wie früher ihre Väter. Zuletzt haben beide das Gefühl dazuzugehören, ohne zu wissen, ob sie das je wollten.

Mathieu erzählt die Geschichte über vier Sommer, die immer kürzer werden – wie in der Erinnerung die Sommer der Kindheit sich länger anfühlen. In der meist drückenden Hitze kühlen sich die Gemüter nie wirklich ab. Die Figuren entwickeln sich glaubwürdig, die Kompromisse, die sie mit dem Leben eingehen, werden verständlich, vor allem wenn aus ihrer Sicht erzählt wird.

Überheblich und störend wirkt dagegen die Erzählinstanz, die diese komplizierte Welt überblickt, Ursachen für Identitätsverluste erkennt und Enttäuschungen als unumgänglich beschreibt. Fast so präzise und brutal wie Sibylle Berg die Menschen in die kleinen Fächer des Gesellschaftssetzkastens einsortiert, scheint einem diese Stimme einreden zu wollen, dass die Krise die neue «Ordnung der Dinge» sei. Da wirkt systemerhaltend, was eigentlich schockieren will: «Man fragte sich, was für ein Leben diese Leute in ihren ärmlichen Wohnungen führten, wo sie das ganze Fett in sich rein schaufelten und sich mit Glücksspiel und Seifenopern vergifteten, ständig neue Kinder und Unglück produzierend.» Indem jeder Lebensentwurf zum Klischee wird, ermöglicht Mathieu den Leser*innen, sich aus der Verantwortung zu nehmen, das Ganze durch seine Teile zu verstehen. Wenn aber von Manager*innen und Alkoholiker*innen, enttäuschten Frauen und gedemütigten Männern nichts mehr zu erwarten ist, wer soll dann etwas ändern?

«Worüber reden Sie beim Essen?», fragt die Sozialarbeiterin den Vater. «Fragen Sie Ihre Frau, wie ihr Tag war? Patrick atmete hörbar aus. Was sollte er darauf antworten? Sie können auch ins Museum gehen, das ist gratis für Arbeitslose.» In Szenen wie dieser gelingt es Mathieu eindringlich zu zeigen, dass für Interesse und Respekt manchmal die Kraft einfach nicht reicht und damit das Geltungsbedürfnis erst entsteht.

Am Ende steht die Fussballweltmeisterschaft 1998. Die Arbeiter singen die Marseillaise wie ein Lied der Revolution. Zum Schluss denken alle, sie hätten gewonnen.


Nicolas Mathieu: Wie später ihre Kinder. Aus dem Französischen übersetzt von Lena Müller und André Hansen. München: Hanser Berlin, 2019.

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