Literarisches Periskop

Leben lesen aus den 60ern: Seit ein paar Tagen bin ich mit einer intensiven Analyse beschäftigt. Es handelt sich um eine sozialhistorische, kulturkritische Studie medialer Art. Ich sehe «Mad Men». Und verschwinde damit im wahrsten Sinne «zusehends» in den 60er Jahren. Eine Welt, in der mein Vater ein junger Mann und meine Mutter gerade mal volljährig […]

Literarisches Periskop

Leben lesen aus den 60ern: Seit ein paar Tagen bin ich mit einer intensiven Analyse beschäftigt. Es handelt sich um eine sozialhistorische, kulturkritische Studie medialer Art. Ich sehe «Mad Men». Und verschwinde damit im wahrsten Sinne «zusehends» in den 60er Jahren. Eine Welt, in der mein Vater ein junger Mann und meine Mutter gerade mal volljährig war. Sie war beherrscht von Zigaretten, Trunksüchtigen und Frauenverdrehern (sic!). Von rassendiskriminierenden, homophoben und antisemitischen Äusserungen, chauvinistischen und voremanzipatorischen Flegeleiender Männer gegenüber den allzu beherrschbaren Frauen ganz zu schweigen.

Weil ich gerade ein Radiofeature schreibe, in dem ich zwei Dichter porträtiere, wird mir eines klar: wer heute schreibt, bezieht sich häufig auf die 60er Jahre, denn während die New Yorker Dichterin Elaine Equi sich zum poetischen Erbe, dem Einfluss von Frank O’Hara im Hier und Jetzt ausspricht, beginnen die Männer der Madison Avenue – die Serienhelden – auch damit, seinen Lyrikband «Meditations in an Emergency» zu lesen. Heute erntet man vielerorts die Früchte dieser durch Prüderie und Exzess, aber auch durch Experiment gekennzeichneten Welt. Die konkrete Poesie – zum Beispiel – lebt, die Werbesprache hat sie wie eine Stafette weitergereicht. Ich habe nachgelesen und in Frank O’Haras Texten eine Aufbruchsstimmung mitklingen hören, die viele der kulturellen Nebenmitteilungen der Serie auch vermitteln. Schöner Materialismus, in dem die Picknickdecke mit Müllresten noch ohne ökologischen Gewissensbiss ausgeschüttelt werden konnte! Mit Mark-Rothko-Bildern als Teil des Set Designs und Bob Dylan in aller Munde und den unvergleichlich roten Lippen der Serienprotagonistinnen, denke ich, dass jede Zeit (uns wie auch immer verborgen) Vorzüge besitzt. 

Sylvia Plath und Anne Sexton, den «beichtenden» Dichterinnen, die doch nur gute Mütter und beständig kochende Gattinnen hätten sein müssen, haben diese Vorzüge wohl nicht viel gebracht. Beide haben sich selbst und vorzeitig aus der Lebensgleichung herausgenommen. Hätten sie doch nur Frank O’Haras Selbstauskunft gelesen, geglaubt, gelebt: «Ich bin der Unkomplizierteste aller Männer. Alles, was ich will, ist bedingungslose Liebe.» Damit kann man doch was anfangen!

Zum Beispiel beim Meditieren während eines Notfalles.