Scharfe Satire…

… verlangt ein denkendes Publikum. Denn nur wer in aberwitzigen Geschichten nach den Schrecken der Realität sucht, kann mit spitzen Pointen und politischer Komik umgehen. Sagt Franz Hohler. Der zum Kulturgut gewordene Schriftsteller weiss vom Humor zu sprechen – und von seinen Schattenseiten.

Scharfe Satire…
Franz Hohler, photographiert von Michael Wiederstein.

Herr Hohler, Sie wissen es, wir möchten über den Humor mit Ihnen sprechen…

Ja, das kann ja heiter werden. Das lässt sich nämlich meist nicht so lustig an, wie es klingt. Aber schiessen Sie los.

 

Gut. Sie sind seit bald einem halben Jahrhundert als Kabarettist und Schriftsteller tätig und selber fast schon ein Kulturgut des Schweizer Humors. Welcher hiesige Autor hat Sie zuletzt womit zum Lachen gebracht?

Das war Thomas Meyer mit seinem Roman «Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse». Die sehr farbige, plastische, auch groteske Schilderung des jüdisch-orthodoxen Milieus, aus dem er herkommt, macht das Buch streckenweise sehr komisch. Gleichzeitig – und das ist vielleicht gerade das Zeichen dafür, dass es sich dabei um «echte Komik» handelt – ist es auch ein trauriger Roman. Man spürt die ganze Zeit über, wie die Hauptperson des Buches ihr angestammtes Milieu immer mehr aus der Distanz betrachtet, was letztlich zu einem Bruch führen muss.

 

Das Groteske kommt erst durch die Distanz zur Geltung, meinen Sie? Ist also die Kluft, die zwischen einer Person und ihrer Welt klafft, Quelle sowohl fürs Lachen wie fürs Weinen?

Für mich: ja. Ohne diese Doppelung ist Komik, wie ich sie verstehe, nicht denkbar. Wenn sie – wie in der Comedy-Szene – nicht nur auf der reinen Oberfläche spielt, ist Komik immer mit einem guten Stück Tragik versetzt; Humor, der mich berührt, führt immer seinen Schatten mit sich.

 

Können Sie diesen Schatten genauer umreissen?

Bleiben wir beim Beispiel von Thomas Meyers Roman. Tragisch ist darin nicht nur die Entfremdung des Protagonisten von seiner Welt, sondern auch diese Welt selbst: ein Kosmos, der nur noch in sich Bestand hat, eine eigentlich bedrohte Welt. Einverstanden, die jüdische Welt ist immer eine bedrohte gewesen und hat sich immer wieder erholen und erhalten können, darum geht es aber nicht. Die Zürcher Welt, die Meyer schildert, gerät nicht durch irgendein Pogrom in Gefahr, sondern durch ihre eigene Erstarrung. Als Leser rechnet man diesem – in seinen rigiden Regeln gefangenen – Milieu keine grosse Chance aus, im Hier und Jetzt zu bestehen. Das ist im Kern höchst tragisch und in der Schilderung enorm komisch.

 

Milieu- oder Alltagsschilderungen finden wir in ausnehmend vielen «lustigen» Schweizer Texten – in Kellers Seldwyla, bei Walsers Gehülfen, Bichsels Frau Blum und auch in manchen Ihrer Erzählungen belächeln wir die schweizerische Normalität. Handelt es sich letztlich auch hierbei um das tragische Lachen über eine erstarrte Welt?

Der Zusammenprall des Lebendigen mit dem Starren ist ein Grundmuster des Humors, und in jeder Normalität lauert die Erstarrung. Drücken wir diese Normalität im Dialekt aus, wie Manuel Stahlberger, Pedro Lenz, Endo Anaconda oder Mani Matter, halten wir sie sofort für typisch schweizerisch. Bei Mani Matters «Mir hei e Verein» sehen wir die Aktuare und Kassiere aller schweizerischen Turn-, Männer- und Gesangsvereine – auch eine bedrohte Welt –, aber wenn Sie Reinhard Prenns österreichische Übersetzung des Liedes hören, denken Sie: «Typisch österreichisch!» In Österreich wurden die Mani-Matter-Übersetzungen so populär, dass viele dachten, Mani Matter sei eine erfundene…

Ernst ist immer. Humor muss sein.

Humor ist gut. Ich bin dafür. Und ich kenne niemanden, der sich von der Aussage distanzieren würde: Humor muss sein. Hingegen kenne ich viele, eigentlich nur solche, die nichts anfangen können mit der Aussage: Ernst muss sein. Unsinn – Ernst muss nicht sein. Ernst ist ja schon. Ernst ist immer. Ernst ist der tägliche Begleiter […]

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Peter Stamm, Schriftsteller,
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