Noëlle Revaz: «Das unendliche Buch»

Noëlle Revaz:
«Das unendliche Buch»

 

Was ist ein Autor und wen kümmert’s, was er spricht? Seit der Geburt des schöpferischen Autors im 18. Jahrhundert haben Schriftsteller eine enge Beziehung zu ihren Texten, die sie tief aus sich heraus, von einer höheren Macht inspiriert oder in konzentrierter Disziplin erschaffen. Die Erfindung der Genialität hat dem Dichter einen Platz in der gesellschaftlichen Hierarchie geschaffen, der bis heute untersucht, verhandelt und gestaltet wird.

Noëlle Revaz beschreibt in «Das unendliche Buch» eine Welt, in der die Beschäftigung mit Literatur zur Oberflächenbehandlung geworden ist. Autoren sind darin mit ihren Büchern so eng verbunden, dass eins ohne das andere nicht mehr denkbar ist – gleichzeitig bleiben beide Teile inhaltsleer und charakterlos. Erscheinen sie getrennt voneinander in der Öffentlichkeit, sind Buch und Autor wertlos. Autoren existieren in der medialen Öffentlichkeit nur als Träger ihrer Bücher im wörtlichen Sinn: Sie halten sie in Talkshows für überdrehte Moderatoren in die Kameras, ohne ihre Inhalte zu kennen. Sie schreiben ihre Geschichten nicht mehr selbst. Texte setzen sich zusammen aus Satzdatenbanken, Verleger bestimmen Algorithmen und verkaufen ihre Autoren wie Fussballstars. Bücher sind in dieser Medienlandschaft ästhetisch mehr oder weniger anspruchsvoll gestaltete Kästchen, kleine Podeste, simple Trittleitern, die nur der Manifestation der Autorenposition in der Gesellschaft dienen: Schriftsteller sind Stars. Und wie bei vielen Stars unserer realen Welt weiss niemand so recht warum. Und niemand fragt nach. Bis sich zwei Autorinnen verändern wollen und sich erinnern an die Möglichkeiten von Literatur und Sprache.

Verstörend unterkomplex beschreibt Revaz eine Literaturlandschaft, die nur noch durch Präsenz und Performanz der Autoren besteht. Ihre Protagonisten sind unerträglich, weil ihre Beziehungen zu anderen Menschen in einer auf mediale Wirkung fixierten Welt nichts bedeuten und damit unverständlich bleiben. Die romantisierten und oft kulturpessimistisch überhöhten Ideale von ebenso leidenschaftlichen wie reflektierten Schriftstellern und ihren Lesern sind hier nicht nur verloren, sondern längst vergessen. Revaz passt den Stil ihres Buches an die emotionslose Welt ihrer Geschichte an. Dabei wird nicht ganz klar, ob Revaz die Seelenlosigkeit dieser Welt in ihrer Sprache genial spiegelt oder ob sie an ihren eigenen Ansprüchen scheitert. In jedem Fall erschafft sie eine Gegenwart, die fremd und grausam erscheint und unserer doch ähnelt. Die Lektüre ist unangenehm, bis zuletzt, weil nichts mehr wird, wie es war: vermeintlich gut. Aber sie erinnert daran, dass der Mensch die Freiheit besitzt, sich immer wieder anders zu entscheiden: z.B. ein Buch anders zu schreiben, so wie die Protagonistinnen in Revaz’ Buch oder wie die Autorin selbst. Oder es zumindest zu versuchen.

Noëlle Revaz: Das unendliche Buch. Göttingen: Wallstein, 2017.

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