Micieli reist

Frankfurt–Amsterdam: 3 Stunden, 56 Minuten

Während der ICE von Frankfurt nach Amsterdam durch die Landschaft stürzt, lasse ich mich, Daniel
de Roulets «Sturz ins Blaue» lesend, in eine wilde Lebensgeschichte fallen. Rettungsschirme gibt es keine. Die Schreibgeschwindigkeit entspricht der Fallgeschwindigkeit des Protagonisten Georges von Pokk, der durch Tschaka, eine Tschetschenin auf der Flucht, aus seinem organisierten Leben fällt. Buchstäblich fällt. «Die eigene Geschichte mitnehmen, es zumindest versuchen. Nichts vergessen, selbst wenn das Leben voller unfreiwilliger Ausrutscher ist.»

Ich erinnere mich, dass ich als Kind von einem Baum sprang, um das Fliegen zu ahnen. Verletzungen überall. Der Zug beschleunigt, ein Vibrieren ist zu spüren. Die Kinder freuen sich auf Amsterdam. Ich befinde mich auf einer Terrasse eines Hochhauses, halte den Text aber kurz an, um zwischen den Schallschutzmauern ein wenig Landschaft zu erkennen. Ein deutscher Fahrgast erklärt einem jungen nepalesischen Ingenieur, wo sich die Geschwindigkeit ablesen lässt: 309 km/h. Die Kinder, wie gebannt: «309!»

Der deutsche Fahrgast und auch der nepalesische Ingenieur bestellen ein grosses Bier. Wir packen unsere Olivenbrötchen aus. Ich möchte den Nepalesen fragen, ob er auch Experte für nukleare Sicherheit sei – wie von Pokk. «Das war also mein Leben? Ein Sturz ins Blaue?»

Im Buch entdecke ich beim Kapitel Containment (Sicherheitsbehälter) eine blaue Karte der Verkehrsdienste von Amsterdam. «Gebruiken voor» steht drauf. Das Datum ist nicht zu erkennen. Matteo möchte die Karte in sein Reisetagebuch kleben. «72 uur / 3 dagen», ich schenke sie ihm. Und bin erstaunt über die Leichtigkeit des Buches von de Roulet, obwohl der Text mit tödlicher Zielstrebigkeit auf seinen Aufprall zusteuert. Beschleunigung und Atemlosigkeit: «keinen Teil der Geschichte versäumen». Die blaue Karte fällt zu Boden und landet auf der Seite mit dem Foto der blau-weissen Bahn vor den schrägstehenden Häusern Amsterdams. Mir gefällt der französische Originaltitel besser: «L’homme qui tombe».