Martin R. Dean: «Verbeugung vor Spiegeln. Über das Eigene und Fremde»

Martin R. Dean:
«Verbeugung vor Spiegeln. Über das Eigene und Fremde»

 

Mit einem Buch wie diesem ist es wie mit einem verlockenden Fluss, in den man beherzt hineinspringt, sich gerne eine gehörige Auszeit nimmt vom Schall und Rauch der Tage, um alsbald wie verwandelt wieder ans Ufer zu kommen. Erfrischt wie schwerelos treibt man im klaren Strom dieser Reflexionen, eines Textflusses, der da und dort durch die utopischen Gärten der Kindheit flüsternd mäandert, auf seinem Weg durch die Metropolen und Landschaften aller Länder an Weite und Grösse gewinnt. Manchmal wird er wie in einer Urszene von gewaltigen, von Menschen gemachten Stauwehren beengt, aber das Ziel bleibt im Auge, das Meer der unzählbaren, leicht bewegten Spiegelungen. Doch worum geht es in diesem Buch? Es geht, wie der Untertitel allen Eifrigen unaufgeregt vermeldet, um das «Eigene und das Fremde». Doch dieses «Und» des Untertitels könnte so lapidar wie monströs zugleich sein. Denn was lässt sich mit unserer Sprache nicht alles verbinden? «Krieg und Frieden», so lautet ein anderer, berühmter pazifistischer Titel, der das sprachlich kassiert, was er inkriminiert. Dean weiss um die kapriziösen Momente der Sprache, um den Skandal des «Und», das oft genug trennt statt verbindet, um die tragischen Möglichkeiten der Sprache überhaupt, die im gleichen Atemzug, wie sie entbirgt, auch verbergen kann. Aber kommen wir jemals aus diesen Fallstricken der Sprache heraus? Die Frage ist aktueller denn je, gerade in Zeiten eines nominalistischen Sprachgebrauchs, sprich eines abstrakten Umgangs mit Sprache, der diese nicht auch als die Stimme eines mitvibrierenden Körpers sieht. Gibt es einen Weg, von «fremd» und «eigen» so zu sprechen, dass sich die leidverursachende Urszene jeder Sprache, das Stigma identitärer, rassistischer Unterscheidung, nicht wiederholt? Ja, es gibt ihn: Deans meisterhafte Essays zeigen einen Weg auf, wie man über Eigenes und Fremdes sprechen und schreiben kann, ohne das Eigene und das Fremde je als bare Münze zu nehmen und zu verdinglichen. So bleibt das «Und» sich treu! Es verbindet wahrhaft, weil hier in jeder Zeile vorgeführt wird, dass Eigenes nie ohne Fremdes, Fremdes nie ohne Eigenes gedacht, ja letztlich gelebt werden kann. Alles kommuniziert, alles ist im verweisenden Dialog. Das ist der Horizont eines erweiterten Sprachverständnisses, das zugleich auch für Dean zum Spiegel für den Dialog der Kulturen wird. Wer mit der Sprache nur bezeichnet – fremd, eigen, schwarz, weiss, um nur die leidigsten Identifikationen zu nennen –, bringt sich nicht nur um den Reichtum dieser Welt, sondern kündigt die dialogische Sprache auf. Alles will besprochen, aber alles will auch erhört und anerkannt werden. Das ist das Telos der Sprache, ihrer leibhaften, unendlichen Sehnsucht, auf die Dean mit all seiner Kunst verweist. «Der Leib des einen», so der Autor mit Blick auf die Sprache, «ist ein Ohr, das sich ständig dem Mund des anderen zuneigt. Worte wollen zu Körpern werden. Körperlose Worte sind nichts, nicht mehr als Schall und Rauch. Worte brauchen einen Resonanzkörper…Diese Ursymbiose zwischen Wort und Körper, zwischen Sprechen, Flüstern, Singen und Besprochen-, Beflüstert- und Besungenwerden ist vielleicht der Ausgangspunkt aller Dichtung und Poesie.» Ja gewiss! Und nicht nur der Ausgangspunkt aller Dichtung und…

Philipp Theisohn, fotografiert von Ayse Yavas.
«Der Seismograf der
literarischen Schweiz.»
Philipp Theisohn, Literaturwissenschafter,
über den «Literarischen Monat»