Skigymnastik fürs Gemüt

Es ist nicht alles Weihnachten, was der Winter bringt.

Der Winter naht. Und es ist nicht alles Weihnachten, was er bringt. Gewiss, Geschenkelawinen werden nieder­gehen, Fussgängerzonen mit Glühwein geflutet, aber nicht jeder Schrecken der grimmigen Jahreszeit ist menschengemacht. Ausserhalb sitzbeheizter Offroader lauert die echte Kälte. Unkontrolliert fallender Schnee macht beheizte Garageneinfahrten nötig. Temperaturen, die der Klima­erwärmung spotten, zwingen die Strassencafés zum Einsatz von Wärmepilzen und ihre Gäste in pelzbesetzte Daunenjacken. Wer zu diesem Ungemach nicht auch noch das schlechte Gewissen aushalten mag, für den kommt nun die Zeit des Fliegens. Andere jedoch streben nach Höherem. Sie folgen der Überlieferung des Win-termärchenfonduetannenchalethüttenzaubers und tragen ihren Dichtestress in Bergdörfer, die, aus dem Sommerschlaf erwacht, zu geschäftigen Alpen-Cities werden, ja werden müssen. Die Gesetze der Natur sind unerbittlich. Das Beste bleibt, dem Wahnsinn mit Wahnsinn zu begegnen. Etwas, worauf uns auch diese Saison kein Buch vorbereitet, aber ein französischer YouTube-Kanal: die Rancho Web­show. Um zu verstehen, was man dort zu sehen bekommt, muss man, … ich weiss es auch nicht. In mittlerweile sechs Staffeln und ungezählten Episoden erforscht ein Schnauzbart namens Rancho die Randphänomene des Skisports. Alles beginnt auf dem Parkplatz eines zwielichtigen Gebrauchtwarenhändlers, der ihm den 1977er Simca Rancho verkauft und damit den Namen verpasst. Eine Schneeflocke trifft Rancho frontal auf den Kopf, seine Begleiter trifft er kurz darauf mit der Kühlerhaube. Nun gibt es kein Halten mehr. Wir sehen das Team Rancho auf Skitour mit einem Dachs, als Astronauten eine Mondlandschaft hinabbrettern, von kanadischen Rangern eine Buckelpistenausbildung erhalten. Sie seilen sich an Kühen an, werfen sich zur Musik von Leonard Cohen in das 52 Grad steile «Couloir de Moustache» und entdecken in einer Berghütte die Ursprünge des Snowboardens, samt der im Keller gefangen gehaltenen Skirennfahrer. Rancho fährt mit seinen Skiern auf den Wellen einer Atlantikbrandung und zwängt sich in einen roten Latex­anzug, um beim Speed Skiing tatsächliche 205 Stundenkilometer zu erreichen. Das Team Rancho macht den Skizirkus zur Freak-Show. Ihr Extremismus kennt keine Grenzen, dazwischen spielen sie Trompete. Da ist es nur konsequent, wenn Rancho im Trailer zu seiner aktuellen Staffel auf der Couch eines Skipsychiaters liegt. Wo sich andere Freeskier mit professionell inszenierter Powderpornografie überbieten, endlos grandiose Schwünge in Tiefschneehänge ziehen von Kanada bis Japan, von Gipfeln winken, auf die sie sich und ihre ­Kamerateams mit Helikoptern haben fliegen lassen, sind die Ranchos um Klassen dadaistischer unterwegs. Das Team um den ehemaligen Skicross-Weltmeister Enak Gavaggios bedient keine Sponsoren, sondern den eigenen Spass. Kein Wunder, treten die Skistars gleich reihenweise in seiner Show auf. Absurd kostümiert oder gleich nackt. Wer sich etwas niveauvoller auf die anstehende Skisaison vorbereiten möchte, auf den Small Talk im Sessellift etwa, dem sei die kürzlich erschienene Biografie von Willy Garaventa empfohlen. Der Schweizer Seilbahnpionier aus Goldau hat mit viel Innovati-onsgeist und Abenteuerlust unzählige Berggipfel auf der ganzen Welt erschlossen. Rebekka Haefeli erzählt seine ausserge-wöhnliche Lebensgeschichte vom Gemsstock bis ins Squaw Valley. Das Buch wurde zu Recht lobend und ausführlich besprochen, weswegen ich das hier nicht auch noch tun muss. Nur so viel: ein schönes Buch, ein wichtiges Buch. Garaventas Schlepplifte haben das Skifahren…

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Peter Stamm, Schriftsteller,
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