Irgendwie Schriftsteller
Maruan Paschen, zvg.

Irgendwie Schriftsteller

Maruan Paschen hat in Biel, Leipzig und Wien Literarisches Schreiben studiert. Was lernt man wo am besten?

 

Schriftsteller sind merkwürdig. Ich meine, niemand weiss so ganz genau, was sie machen. Sie schreiben, gut, aber das machen ja viele. Die meisten erzählen Geschichten. Aber einige erzählen keine Geschichten.

Irgendwie sind Schriftsteller hauptsächlich irgendwie Schriftsteller. Vielleicht fällt es mir deshalb auch schwer, meinen Beruf mit diesem Wort zu kommunizieren. Da fällt mir ein: Mein Mentor am Schweizerischen Literaturinstitut, Beat Sterchi, wurde nie müde zu sagen, dass ein Schriftsteller im Grunde alles machen darf, solange er weiss, warum er es macht. Nur ein Verbot gab es: Das Wort «irgendwie», das geht nicht. Wer nicht weiss, was er zu sagen hat, der kann sich nicht mit «irgendwie» herausreden.

Ich habe von Beat sehr viel übers Schreiben gelernt. Höchste Zeit, das einmal festzuhalten.

In Leipzig und Wien habe ich auch viel gelernt. Aber andere Sachen. Zum Beispiel, welche Partei ich wählen soll.

In Wien habe ich gelernt, dass auch die Gegenwart in ein Museum passt.

Ausgebildete Schriftsteller suchen nach Identität. So verrückt das klingt, ich glaube eine wichtige Aufgabe des Schriftstellers ist es, diese Schriftstelleridentität zu finden.

In Leipzig gab es Adorno-Lesekreise und in Biel gab es Strickzirkel.

In Wien gab es Vollmondlesungen und in Leipzig gab es Sternburg-Bier.

In Leipzig gab es Nazis und in Leipzig gab es antifaschistische Gruppen.

In Wien gab es Drogen und in Biel gab es Apéros.

In Wien gab es Drogen und in Biel gab es den Wald.

In Biel gab es Cervelat vom Grill und in Leipzig gab es geklaute Makkaroni aus der Dose, kalt.

In letzter Zeit treten diese Schriftsteller ständig in der Öffentlichkeit auf. Sie scheinen eine Identität gefunden zu haben. Früher natürlich auch schon. Vielleicht fällt es mir ja jetzt erst auf.

Sie setzen sich für Dinge ein, die sie betreffen, weil sie Schriftsteller sind. Zum Beispiel wollen sie, dass das Binnen-I gestrichen wird. Weil es die deutsche Sprache kaputtmachen würde.

Ich lebe ja leider in Deutschland. Hier ist die Scholle derer, die wie gruselige Wecker das Aufwachen vermeintlich Schlafender fordern, besonders monströs. Dabei mangelt es ihnen weder an Aufmerksamkeit noch an Zulauf. Dass hierzulande zu dieser brüllenden Minderheitenmehrheit schon immer auch Schriftsteller gehörten, das ist nicht neu. Ständig und zu allem hat der Deutschschriftsteller etwas zu plärren, dass einem die Ohren rauschen. Worum es dabei geht, es ist nicht so wichtig wie der mal mahnende, mal grundsätzlich anklagende Zeigefinger.

Es gab eine Zeit, da habe ich gehofft, dass es zu Ende geht. Das war, als alle über das sterbende Buch gesprochen haben.

Die Angst vor dem Sterben des Buches ist die letzte und vollkommene Missachtung des Schriftstellers. Das Buch als Produkt. Aus dem Geist ist ein Körper geworden, aus Inhalt erst Form und dann aus Inhalt und Form ein geiles Produkt.

Kein Wunder also, dass die Schriftsteller so laut schreien. Sie haben Angst vor dem Tod. Denn wenn das Buch stirbt, dann stirbt vermutlich auch der Schriftsteller. Auch wenn das Buch gut ohne Schriftsteller auskommen kann, denn es gibt ja Köche und Prospekttexter.

«Wenn das Buch stirbt, dann stirbt vermutlich auch der Schriftsteller.»

Vielleicht haben wir jetzt Ruhe vor den Schriftstellern. Vielleicht hören sie jetzt auf. Vielleicht hört jetzt endlich alles auf.

In Leipzig haben wir uns angepöbelt und beleidigt. Wir haben gesagt, was nicht geht, was falsch ist, was dumm ist, was ärgerlich ist, was uninteressant ist, was gemein ist, was rassistisch und ausgrenzend ist.

In Biel haben wir uns liebgehabt.

In Wien gab es ein Seminar mit Gerhard Rühm. Wir haben Kerzen angezündet und eine Séance abgehalten. Wir sollten auf die Buchstaben hören, die das Universum uns zuruft. Es blieb lange still, bis die ersten A riefen, dann einer C und eine andere FFFF. Rühm protokollierte. T rief einer AS K; IN M TT TZ usw.

Später diskutierten wir die so entstandenen Texte. Rühm monierte, dass das Universum uns literarisch weit voraus sei. Das war uns im Grunde natürlich klar. Wir waren dennoch enttäuscht. Rühm ereiferte sich richtiggehend in der Kritik.

Die meisten Schriftsteller, die irgendwelche Petitionen unterschreiben, kommen aus der Leipziger Schule. Sie wollen eine bessere Welt, zumindest für sich, und dagegen kann man eigentlich nichts haben. Sie finden Dinge ungerecht und andere gerecht und «irgendwie» sind sie eben Experten darin.

Wer Schriftsteller werden möchte, der braucht einen Schriftstellerpass, denke ich.

Wer schreiben will, der möchte gerne was sagen. Oder erzählen oder wasmitsprache machen.

Wer was sagen will, der geht nach Leipzig.

Und wer wasmitsprache macht, der kann das vielleicht in Wien machen.

Und wer aber was zu erzählen hat, der geht am besten nach Biel.

Denn in Wien braucht man vor allem ein dickes Fell.

In Leipzig braucht man unbedingt eine Meinung.

In Biel reicht eine Haltung.

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Peter Stamm, Schriftsteller,
über den «Literarischen Monat»