Wenn der Grossvater
in der Kirche schläft

Oder: Wie mir einer meiner Berufe passierte.

Wenn der Grossvater  in der Kirche schläft

Von der Möglichkeit des Schreibens dachte ich immer schon: das ist die Kunst, die ich liebe und machen will. Ich will Kunst machen, weil sie sinnlos ist, weil sie ein Gegenentwurf zu den funktionalen und logischen gesellschaftlichen Strukturen ist, weil sie frei ist. Ich liebe den leisen Wahnsinn, habe ich gedacht, und dass das Schreiben aus 26 Buchstaben besteht. Das ist nicht viel, da sind klare Grenzen, das beruhigte mich. Da ist keine Möglichkeit von Material, es hat nichts mit Holz zu tun, das Schreiben, nicht mit Farbe, nicht mit Gips, nicht mit Bühnen und Menschen auf den Bühnen, die reden und sich bewegen sollen, im Licht und Ton und zwischen all diesem Material. Das kann alles leise in meinem Kopf entstehen und dann vorhanden sein. Folglich gibt es das alles, habe ich gedacht, und wie wundervoll das ist. Doch mit diesen 26 Buchstaben ist noch mehr möglich als mit jedem Material, ich kann Welten bauen in meinem Kopf. Das kann zum Problem werden, wenn man darüber nachdenkt. Wenn man anfängt, darüber nachzudenken, dass alles möglich ist, dass man sich vor das weisse Papier setzen kann, und dann kann man alles erfinden, kann alles entstehen, kann alles sein. Dann kann es passieren, dass da plötzlich gar nichts mehr ist, dass nichts passiert, dass sich die Welt viel schneller dreht, viel zu schnell, um zu schreiben.

So habe ich mir einen Beruf erfunden, in dem ich diese Möglichkeiten vergessen kann. Oder besser: er ist mir passiert. Ein Freund fragte mich, ob ich ausstellen wolle. Ich sagte ja, Kunst, warum nicht? Aber wie stellt man Literatur aus? Indem man selbst das Kunstobjekt ist. Indem man sich in den Ausstellungsraum setzt und schreibt. Dann sass ich also im «Pudelclub» in Hamburg, in einem Kämmerchen, das der Ausstellungsraum war, vor meiner roten Schreibmaschine, trank Rotwein, hörte die Angetrunkenen in einem anderen Raum, wie sie sich bewegten in der Technomusik, weissen Pullovern und Hochwasserjeanshosen. Ich habe sie ineinanderfallen gehört. Ich habe die Schiffe im Hamburger Hafen gehört und die Menschen kamen in mein Kämmerchen. Person um Person setzte sich vor mich und ich schrieb. Ich betrachtete ihr Haar, ihre Bewegungen, ihren Blick, wie sie die Finger auf dem Tisch bewegten oder wie sie leuchteten. Ich betrachtete ihre Fersenbewegungen und wie sie Freunden in die Haare fassten, wie ihre Ohren nicht auf gleicher Höhe waren, wie sie von anderen beobachtet wurden, wie sie mich beobachteten, die ich sie beobachtete. Ich betrachtete ihren Geruch und sah, wie sie klangen. Es gab Menschen, die scheinbar am Meeresgrund gingen. Es gab Menschen, die nach Lärm rochen oder nach Kindergeburtstag, andere, die sich wie das Baumwachsen verhielten. Es gab Menschen, aus denen etwas hinauszuwachsen schien, auf alle Seiten hinaus. Es gab Menschen, die ihre Finger wie Insektenbeine bewegten. Es gab Menschen, die mich an eine Kiesgrube erinnerten, manche klangen, als wären sie innen hohl, sie hatten einen Kirchenklang. Ich sah diese Personen vor mir sitzen und die Bilder gingen durch mich hindurch. Acht Stunden sass ich in meinem Kämmerchen. Die Informationen gingen durch die Augen in meinen Kopf hinein und kamen durch die Finger, als Bilder, wieder heraus. Ich habe nicht daran gedacht, dass ich etwas schreiben muss, dass mir etwas einfallen sollte, dass ich ein Bild finden muss. Die Möglichkeiten gab es nicht, weil ich nicht dachte, ich wurde eine Schreibmaschine an der Schreibmaschine. So entstand dieser Beruf. Das Schreiben als Zustand.

«Aber wie stellt man Literatur aus? Indem man selbst das Kunstobjekt ist.»

Danach war es nur noch ein kurzer Weg. Ich will das, was du da machst, für mein Fest haben, sagte jemand, und so sitze ich nun jeden Monat in anderen Familien, Räumen, Gerüchen, Farben und betrachte andere Onkel und Freunde, Gesten und Bewegungen, und es sind alles Figuren, ich mache sie zu Figuren der Erinnerung und Figuren einer Welt, die ich beschreibe, darum neu erfinde. Es nennt sich «Literaturdienst». Ich werde zum Geschenk, reise als Geschenk an eine Feierlichkeit. Ich setze mich an einen Tisch. Ich sitze an diesem Tisch und schaue. Es ist ein Zustand. Dann kommen Worte wie: «Es riecht nach Staub und Geschichten, nach heissem Sand und der Möglichkeit von Fliegenfangen. Träge Fliegen, weil Wärme. Auch in den Menschen scheint es Sommer zu sein.» Und ich sitze und vergesse, dass es ein Formulieren gibt. Ich vergesse auch, dass es mich gibt. Das ist der erstrebenswerteste Zustand, den ich mir vorstellen kann. Ich bin Teil dieses Festes. Ich werde zur Suppe, zum Tisch, werde die Leuchter, der Onkel, die Torte, der Geruch, das Lied. Dieses Schreiben ist ein Üben. Ich übe das Schreiben, das literarische Erfassen der Welt, die Konzentration, Empathie und den genauen Blick.

Dieses Schreiben ist ein Schreiben der Lust. Es gibt das trockene Überarbeiten nicht. Es gibt kein Hinterfragen der Figuren, der Glaubwürdigkeit des Momentes. Ich nehme die Realität, scheinbar Wichtiges wird unwichtig und Leises wird lauter, Unscheinbares taucht auf. Dieser Moment, wenn man denkt, ein Wort gefunden zu haben, das einem Gefühl nahekommt – das ist das Schreiben, das ist der Grund, warum ich schreibe. Eigentlich ist es wie beim Reden, wir reden und reden und werden uns dennoch nie wirklich verstehen, wir versuchen, uns die Welt, wie wir sie wahrnehmen, zu erklären. Das Gleiche im Schreiben. Und egal, ob ich am Computer sitze, an meinem Roman arbeite oder an der Schreibmaschine auf einem Kiesplatz unter weissen Rosenblättern und aufgeregten Trauzeugen und Schwiegervätern, der wichtigste und wertvollste Moment im Schreiben ist, wenn ich das Gefühl habe, kurz greifen zu können, warum alles so ist, wie es ist.

Ich kann in andere Leben schauen, kann fremden Menschen beim Sein zusehen. Dann schreibe ich mich ihnen an, ich will sie erfassen. Ich sehe, wie die Braut an ihrer Hochzeit heimlich raucht. Ich sehe die Aufregung der Menschen, eine Liebesaufregung. Ich sehe den Grossvater in der Kirche schlafen und wie die eine Schwiegermutter die andere Schwiegermutter heimlich betrachtet. Dann erfasse und erfinde ich eine Welt. Ich schreibe mit gutmütigen Augen. Nach dem Schreiben, nach Gesprächen mit den Menschen, nach dem Lesen der Texte und dem Lachen der Gäste durch meine Worte und der Rührung jener, die sich durch diesen Text, durch meine Augen an diesen Abend werden erinnern können, für lange, nach all dem bin ich leer. Ich kann dann kaum noch reden, wenn die Schwiegermutter zu mir kommt, wenn der Grossvater erwacht. Dann bin ich leergeschrieben, leergeschaut. Ich gehe nach Hause und zu Hause bin ich ein weisser Raum, sind die 26 Grundbuchstaben in hunderten Variationen aus mir herausgekommen. Ich lege mich ins Bett und denke: mir ist die beste Arbeit der Welt passiert.

Am Schreiben bleiben
In Reih und Glied: Stifte von Ludwig Hohl (SLA, Bern).
 © Schweizerische Nationalbibliothek (NB), Simon Schmid.
Am Schreiben bleiben

Verzettelt sind sie alle – ob Petrarca oder Sargnagel. Ein Disput über Bilder von der Schriftstellerei, geführt mit Max Frisch aus der Tube.