Peter Weibel: «Schneewand»

Peter Weibel: «Schneewand»

Die Rationierung der Hoffnung

 

Wer genervt auf der verschneiten Autobahn im Stau steht oder Pflotsch auf dem Trottoir ausweichen muss, mag nicht unbedingt an die poetische Qualität von Schnee denken. Aber mit dem stillen Weiss kommt auch immer eine Form der Erhabenheit: Die Welt versteckt sich unter der Schneedecke und eine andere tritt hervor. Die Kälte treibt viele nach Hause oder zumindest nach drinnen, häufig auch auf Spaziergänge ins innere Selbst. Schnee ist introvertiert, könnte man sagen – es sei denn, man sieht sich bei einer Kletterpartie in den Alpen einem plötzlichen und heftigen Wintereinbruch ausgesetzt.

«Der Schnee kam über Nacht. Er kam gewaltsam, wie ein Überfall, er fiel so dicht, dass am Morgen beides unmöglich schien: Bleiben und gehen.» Peter Weibels Erzählung «Schneewand» beginnt mit diesen kargen Worten, die alles bereits vorweg zusammenfassen. Zwei Frauen und ein erfahrener Bergführer, gute Freunde, sitzen in einem heftigen Wintersturm fest, in einer kleinen Hütte irgendwo im Nebel. Die Aussenwelt ist verschwunden und weit entfernt. Kein Handyempfang, kein Pfad, kein Sonnen- oder Sternenlicht. Nur die Hütte und Kathrin, Leon und Myriam.

Diese Reduktion aufs Nötigste reflektiert die zunehmend prekäre Situation, in der sich die drei Bergsteiger*innen befinden. Angesichts des anhaltenden Sturms muss alles rationiert werden: Essen, Bewegung, sogar die Gespräche. Es geht um Energieerhaltung, sonst nichts. Darum, einen Weg aus dem Nebel zu finden oder gerettet zu werden. Philosophische Einschübe oder persönliche Erinnerungen der Figuren verblassen angesichts der nagenden Kälte – was zählt, ist ihre Kernbotschaft: Hoffnung «als ein Aufbäumen gegen die Angst». Als Lebenszeichen.

«Schneewand» ist ein starkes Buch, das keine dramatischen Höhepunkte braucht. Die Katastrophe ist bereits hereingebrochen und schafft eine latente, doch anhaltende Spannung: Wie lange noch? Halten die drei zusammen? Und vor allem die absolute Grundsatzfrage: Was tun? Und wie würden wir in derselben Situation reagieren? Ich meine: vermutlich sehr ähnlich wie Weibels auf dem Berg Gestrandete – was mit den dreien weiter passiert, wird hier aber natürlich nicht verraten.

Nur so viel: Was am Ende bleibt, ist ein hartes Stück Brot, das in drei Teile geschnitten wurde, aber nicht gegessen. Alles andere verschwindet mit dem sich lichtenden Nebel.


Peter Weibel: Schneewand. Luzern: edition bücherlese, 2019.

Philipp Theisohn, fotografiert von Ayse Yavas.
«Der Seismograf der
literarischen Schweiz.»
Philipp Theisohn, Literaturwissenschafter,
über den «Literarischen Monat»