Stadt hinter den Gleisen

Die Schriftstellerdichte Oltens war und ist bemerkenswert. Dass die ansässigen Autorinnen und Autoren sich aber auch mit der Stadt auseinandergesetzt haben, ist literaturhistorisch noch bedeutender. Nachrichten aus dem beschädigten Gestern – und von Alex Capus’ Tresen.

Stadt hinter den Gleisen

Olten ist, wenn es nach Philipp Schumacher, dem Stadtpräsidenten von 1983 bis 1997, geht, «ein ganz der Gegenwart zugewandter Ort». Doch was bedeutet das in einer Zeit, in der die Gegenwart durch finanzielle Engpässe, Verschwinden der Eisenbahnkultur und Migration in die Metropolen bestimmt ist? Umbruch bedeutet Umstrukturierung, und mit ihr geht auch kultureller Wandel einher: Durch das zunehmende Abrücken vom Image als historische «Eisenbahnstadt» stellt sich heute mehr denn je die Frage nach einer neuen, authentischen und repräsentativen Identität. Einiges deutet darauf hin, dass sich Olten in eine unkonventionelle Künstlerstadt verwandeln könnte.

Seine historischen Wurzeln wird Olten dabei nicht los. Die zahlreichen, einst identitätsstiftenden Epochen, ihre prägenden Figuren und industriebedingten Gesellschaftsstrukturen haben zwischenzeitlich jedoch, um nur das Mindeste zu sagen, Patina angesetzt. Einerlei, ob zur Versicherung der eigenen Identität oder zur Repräsentation beziehungsweise Projektion authentischer Bilder nach aussen – es stellt sich die Frage nach einem aktuellen Selbstbild. Wie soll es aussehen, dieses «Bewerbungsfoto», mit dem man sich dem Rest der (nicht nur Eisenbahn fahrenden) Schweiz anheischig machen will? Wie kann man die eigene Kultur mit neuem Sinn und Inhalt aufladen, wie mit der «Abwesenheit eines Establishments, einer grossen Tradition, von einer alten und langen Kultur, wie beispielsweise in Solothurn mit den Ambassadoren oder in Bern mit den Zähringern, Zürich mit Zwingli»1 umgehen?

Gut, es gibt sie ja weiterhin, die Eisenbahn. Sie gab der Geschichte Oltens lange Zeit ein sprichwörtlich gutes Gleis. Die Verbindung Oltens zur Verkehrsachse ist stark und geht weit über den sogenannten «Kilometer 0» des historischen schweizerischen Eisenbahnnetzes hinaus. Und zwar so sehr, dass für viele Leute Olten untrennbar mit der Eisenbahn verbunden ist. Dieses Gepräge ist Oltens Los, die am schwersten zu ändernde Assoziation, die so gut wie alle Auswärtigen zu diesem Städtchen habeFn. «Wir Oltner sind alle Eisenbahner, ob wir nun bei den Schweizerischen Bundesbahnen angestellt sind oder nicht»2, meint Alex Capus in seiner Bar, die sich bezeichnenderweise auch nur fünf Gehminuten vom Oltner Bahnhof entfernt befindet. Unkonventionelle Querdenker und Künstler wie ihn hat die Stadt seit jeher angezogen, vielen von ihnen ist sie zu einer Art «heimischem Exil» geworden.

In bezug auf Oltens literarische Vergangenheit ist eine Vielzahl bekannter und weniger bekannter Schriftsteller zu nennen: Peter Bichsel, Franz Hohler, Gerhard Meier und Mundartlyriker wie Bernhard Moser, Rudolph Peyer und Urs Martin Strub3. Nicht zuletzt sei die Gruppe Olten erwähnt, jene Vereinigung von Schriftstellern, die den Ort auch über die Schweiz hinaus einem kulturell, nicht nur industriell oder touristisch interessierten Publikum bekanntgemacht hat. Aber auch in der Gegenwart finden sich prägende Autoren, die das Städtchen zu ihrer Wahlheimat erkoren haben. Besonders populär und prägend für das gegenwärtige Stadtbild ist dabei die Arbeit des erwähnten Alex Capus, dessen Kolumnen sich mit dem alltäglichen Geschehen in Olten befassen und auswahlweise im Buch «Der König von Olten» zusammengestellt wurden – eine Sammlung von Befindlichkeiten, von Moden, von menschlichen Regungen und Ideen, die hier verortet sind. Rolf Lindners Aufsatz «Die kulturelle Textur der Stadt» erklärt den Wert solcher Sammlungen: eine Stadt ist für ihn eben «kein neutraler, beliebig zu füllender Behälter, sondern ein von Geschichte durchtränkter, kulturell kodierter Raum, der bereits mit Bedeutungen angefüllt ist»4. Für diese «Textur» – oder diesen «Text» – verantwortlich sind bei weitem nicht nur die Literatur über die Stadt, sondern auch die Akteure und Akteurinnen, die durch ihre Teilnahme am alltäglichen Geschehen am kulturellen Image mitweben. Und davon gibt es in Olten viele.

Bereits im Jahr 1841 besinnt sich der Oltner Karikaturist Martin Disteli auf die authentische Ästhetik des Populären: «Die Kunst geht hier nicht nach Brot, sie will Einfluss; sie hat ihr Atelier mitten in das Volksleben hineingestellt; sie steht im Dienste keines Gönners, sondern der Geschichte […]; ihr kann nur daran liegen, dass sie, wenn auch in grellen Zügen, die Wirklichkeit wiedergebe […], an der sie nach hundert Jahren noch wie heute zu erkennen ist.»5 Seit der Niederschrift dieser Worte sind über 170 Jahre vergangen, und doch sind sie gerade heute wieder aktuell. Anhand der Kunst- und Kulturszene Oltens wird ersichtlich, dass Kunst auch und ganz besonders innig mit dem alltäglichen Leben verbunden ist. Dadurch ist ihre lokale Ausprägung authentisch, verständlich und herzhaft: «Culture is ordinary: that is where we must start.»6

«So riecht bei uns eben das Leben, nicht wahr?», philosophierte schon Gerhard Meier bei einem Spaziergang durch seine Stadt. «Dort drüben raucht einer die Pfeife, die Dame dort nebenan hat sich stark parfümiert; riechst du es auch?»7 So wie Meier hier Olten beschreibt, scheint das Städtchen der kennzeichnenden Hektik der Grossstadt zu entbehren. Wir werden Zeuge jener stoischen Bescheidenheit Oltens, auf der die Zufriedenheit mit dem Alltagsleben in der Kleinstadt, zwischen ländlicher Idylle und grossstädtischem Puls, gründet. «Es muss ja nicht immer Kunst sein, man muss als Mensch auch einfach mal in die Kneipe gehen»8, meint Capus treffend. So hat beispielsweise das Oltner Lokal «Coq d’Or» einen Kater der etwas anderen Art zu bieten: «Kultur und Kater» lautet der Slogan auf der Website – abermals ein Statement für die Verbindung von Kultur mit dem alltäglichen Leben, wie es sie wohl nur hier gibt. In der Schlacke des Normalen, so könnte man zusammenfassen, steckt viel wahre Lebendigkeit, gelebte Alltagsnähe, mit der sich die meisten Menschen identifizieren. Capus ergänzt: «Wenn ich als Tourist einen Ort besuche, dann gehe ich tagsüber beispielsweise in Madrid schon in den Prado, aber am Abend will ich gerne dahin gehen, wo das richtige Leben ist. Ich denke, jeder Tourist will das.» Von dieser Alltagsnähe sprach schon Disteli, als er das Atelier der Kunst «mitten im Volksleben» verortete.

Aus der Feder Distelis stammt auch der folgende Mythos, der trotz seiner vermeintlich unschuldigen Art nicht den zeitgenössischen Nerv verfehlt: «Jupiter, der gutmütige Gott, ging einmal nach Olten, um nach Menschen Ausschau zu halten, welche aus gutem Hause stammten und ehrfürchtig den Göttern huldigten, aber er fand dort nur eine Handvoll, und so kam es, dass er sich von diesem Zeitpunkt an von Olten und seinen Bewohnern fern hielt.» Hier wird erklärt, wie das Städtchen aus dem Fokus höherer Mächte gestrichen wurde, und ebenso aus dem Bewusstsein der Grossstädte. Schon die Athener verspotteten die Böotier, ihre Provinz wurde früh «zum Inbegriff der Rückständigkeit»9. Diese Abwertung scheint in vielerlei Hinsicht noch immer nicht überwunden zu sein: Aus der Sicht der Metropolen wurde Olten nach und nach zu einer Art entrücktem Exil, einem Durchfahrtsort vielleicht noch, mit dem man lediglich den grauen Beton des Bahnhofes, des Silos und das Geräusch der sich öffnenden Zugtürpneumatik assoziierte. So weit, so kleinstadtüblich. Aber Olten fällt ebenso aus dem Rahmen, wie es wunderlicherweise doch stets auch im Bilde bleibt. Vielleicht lädt gerade diese Freiheit, die aus dem Fernbleiben höherer, autoritärer Mächte resultiert, zur Entfaltung und Autarkie ein: «Wer hier in der Steppe etwas machen will, kann das tun. Man muss einfach machen.»10

Vergleicht man die Grossstadt mit der Kleinstadt, liegt einer der auffälligsten Unterschiede zunächst in der Hektik, die Georg Simmel im Kontext der Metropole schon vor über hundert Jahren mit dem Bild eines Flusses vergleicht: «Das Leben wird […] unendlich leicht gemacht, indem Anregungen, Interessen, Ausfüllungen von Zeit und Bewusstsein sich ihm von allen Seiten anbieten und es wie in einem Strome tragen, in dem es kaum noch eigener Schwimmbewegungen bedarf.»11 In diesem narkotisierenden Alltag verflüssigt sich das Eigene und drängt die Menschen in eine unpersönliche Konformität. In der Grossstadt vermögen sich, überspitzt gesagt, nur die Grossen und Starken zu behaupten. Die überschaubarere Struktur des gesellschaftlichen Treibens in der Kleinstadt hingegen scheint dem persönlichen Potenzial genug Platz zur Entfaltung zu bieten, weil die «Kontraste hier schärfer sind, weil der einzelne sich stärker von der Gruppe unterscheidet»12. Aus diesem Grund ist die Kleinstadt als Zufluchtsort für einzigartige Charaktere prädestiniert, denn schon immer «galt die Kleinstadt als Biotop der Sonderlinge und Einsiedler, die sich abschotteten […]»13.

«Als ich beschloss, Schriftsteller zu werden, habe ich mich hingesetzt und Geschichten geschrieben. Wäre ich in Berlin aufgewachsen, hätte ich mit grosser Wahrscheinlichkeit meine Zeit in literarischen Salons vertan und wäre so beeindruckt gewesen, dass ich nie eine Zeile geschrieben hätte»14, meint Capus. Und mit diesem Urteil steht er nicht allein. Auch Gottfried Keller und Robert Walser waren mit der Metropole und den mit ihr verbundenen Problemen vertraut. Der bedrängende Grossstadtcharakter Berlins veranlasste auch einen weiteren seiner Bewohner, Georg Simmel, dazu, seine Abhandlung «Die Grossstädte und ihr Geistesleben» zu verfassen. Nicht zuletzt Ruskin und Nietzsche hegten ähnliche Aversionen gegen die Hektik der Grossstadt15. Auch für Capus ist offensichtlich: «Alle grossen Künstlerinnen und Künstler haben ihre Wurzeln auf dem Land. Anton Tschechow, Dürrenmatt, Alice Munro, Flaubert, Picasso, Anne-Sophie Mutter – alles Landeier. Gewiss sind die meisten von ihnen irgendwann in die Metropolen gegangen, wo die grossen Bühnen stehen. Aber ihre Kraft und ihre Einzigartigkeit hatte sich in der provinziellen Brache entfaltet.»16

So hat Olten, indem es seine authentischen Seiten fördert, das Potenzial, über sich hinauszuwachsen. Natürlich sind die hier genannten Beispiele nur einzelne Steinchen im sich wandelnden Mosaik der kulturellen Identitätsbildung eines Ortes. Letzten Endes sind es aber genau diese Veränderungen im einzelnen, die gemeinsam das Ganze ergeben. Die prekäre Frage nach Zukunftsperspektiven sieht sich mit der wenig hoffnungsvollen Situation der Budgetkürzungen konfrontiert, was allerdings keinesfalls nur Unglück bedeutet, denn gerade jetzt zeigt sich, dass «das Städtchen kulturell so lebendig ist wie schon seit Jahrzehnten nicht mehr», sagt Capus.

So ist vieles auch in Olten im Begriff, sich zu verändern: Ein geheimnisvoll leiser, fast abenteuerlicher Wind weht von den Bauten über die Strassen hinweg, durch die Kunstszene, bis in die Bars und Museen, und blättert in der Zeitung von morgen, in der von neuen Projekten und Ideen die Rede ist. Olten – ein wirklich der Gegenwart zugewandter Ort voller Traditionen, Alltag, Kultur und echten Menschen: «Wer herkommen will, braucht bloss aus dem Zug zu steigen, alles andere wird sich finden.» 17


1 Zitiert aus einem für diesen Text geführten Gespräch mit Alex Capus.
2 Ebd.
3 Vgl. Peter von Matt und Dirk Vaihinger (Hrsg.): Die schönsten Gedichte der Schweiz. Zürich: Nagel & Kimche, 2002, S. 238–243.
Rolf Lindner: Die kulturelle Textur der Stadt. In: Schweizerisches Archiv für Volkskunde, Heft 104, 2008, S. 140.
Martin Disteli äussert sich im «Solothurner Blatt» vom 10.11.1841 über den kurz zuvor erschienenen Disteli-Jahreskalender desselben Jahres.
Vgl. Raymond Williams: Culture Is Ordinary. In: Resources of Hope: Culture, Democracy, Socialism (1958). London: Verso, 1989.
7 Peter André Bloch: Ein Spaziergang durch Olten mit Gerhard Meier. Olten: Akademia, 1997, S. 24.
Alex Capus: Olten – Stadt der Alternativen. In: moneta. Zeitung für Geld und Geist, Nr. 1, 2015. Web: http://www.galiciabar.ch/ein-text-von-alex-capus-in-der-zeitung-moneta-zur-stadt-olten
Benne, Christian: Theorie der Kleinstadt. Versuch über, mit und für Keller und Walser. In: Ursula Amrein, Karl Wagner und Wolfram Groddeck (Hrsg.):Tradition als Provokation. Gottfried Keller und Robert Walser. Zürich: Chronos, 2012, S. 150.
10 Capus, 2015.
11 Simmel, Georg: Die Grossstädte und das Geistesleben (1903). In: Ders. Gesamtausgabe in zwölf Bänden. Bd. 7. Hrsg. v. Otthein Rammstedt. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1995, S. 130.
12 Benne, S. 152.
13 Benne, S. 165.
14 Capus, 2015.
15 Simmel, S. 120.
16 Capus, 2015.
17 Alex Capus: Der König von Olten. Olten: Knapp, 2009, S. 39.

Philipp Theisohn, fotografiert von Ayse Yavas.
«Der Seismograf der
literarischen Schweiz.»
Philipp Theisohn, Literaturwissenschafter,
über den «Literarischen Monat»