Ein bisschen glauerig

Ein Schriftsteller über seine Stadt, den Neid der Kollegen, abgesagte Schullesungen, Literaturförderung, den Kunstmarkt und darüber, wie man 200 Auftritte im Jahr übersteht. Ach ja, und auch über sein neues Buch.

Ein bisschen glauerig
Pedro Lenz, photographiert von Daniel Rihs.

Pedro, als YB-Fan bist du oft in Bern, aufgewachsen bist du in Langenthal, du arbeitest in Baden, hast ein Büro in der Lorraine, eine Wohnung in Olten, zig Lesungen pro Jahr in der ganzen Schweiz – du bist viel unterwegs, aber wo bist du daheim?

Im Mittelland. In Olten und Langenthal, das ist ja alles eins. Auch in Zürich. Basel. Und natürlich in Bern.

Es heisst, Alex Capus hätte dich vor fünf Jahren mit den guten Zugverbindungen nach Olten gelockt.

Ich habe mich halt eines Tages gefragt, ob ich genug an Bern hänge, um länger als 15 Jahre dort zu wohnen. Dann ist Alex Capus, sozusagen der «Patriarch von Olten», gekommen und meinte, wir könnten diese Beiz kaufen, direkt beim Bahnhof – und ich könne in die darüber liegende Wohnung ziehen. Das war dahingesagt, ist dann aber schnell konkret geworden.

Was ist dein Lieblingsort in Olten?

Schwierige Entscheidung…

Deine Lieblingsflussseite?

Die rechte, eindeutig. Weil dort eben nicht alles schön ist. Die rechte Aareseite, das ist die Schweiz, wie man sie nie auf Postkarten sieht, eine Art Zwischenort, voll mit Multifunktionsgebäuden und immer wieder Bauten, die sich nur Architekturzyniker ausdenken können. Trotzdem hat das einen ganz eigenen Charme. Die rechte Aareseite ist Rock’n’Roll.

Und die linke?

(Überlegt) Kammermusik.

Hast du immer schon so starke Olten-Assoziationen gehabt?

Ich kam 1965 in Langenthal zur Welt und habe gedacht, das sei der Nabel der Welt. Dann merkte ich, dass es Städte gibt. Und Olten war für mich der Inbegriff von Stadt. Hier ging und gehe ich in den Ausgang. In die «Tropicana-Bar». Oder in den «Hammer». Den gibt es heute nicht mehr, das war beim Bahnhof Hammer. Pink Floyd hat dort gespielt.

Du meinst, eine Pink-Floyd-Coverband hat dort gespielt.

Nein, ich meine, dass Pink Floyd dort gespielt hat. Das Hotel «Hammer» war eine Riesenbude. Zu meiner Zeit, Ende 70er, Anfang 80er, war es dann eine Drogenhöhle. Die Langenthaler Kiffer sind dort Hasch kaufen gegangen. Wenn man Glück hatte, gab es vorher eine Razzia. Dann hast du das Zeug gratis aus den Büschen fischen können.

Tempi passati! Wie wichtig ist Olten als Kulturstadt heute?

Das Interessante ist: hier macht jeder was, der was machen will. Man muss nicht wie in Bern oder Zürich warten, bis man von der richtigen Kunstsekte aufgenommen wird. Überspitzt gesagt: in Olten legst du gleich los.

Das klingt ja paradiesisch. Dann gibt es in Olten also keine literarischen Zwistigkeiten und Eifersüchteleien?

Bis vor einem Jahr hätte ich das gesagt. Jetzt bin ich nicht mehr sicher.

Warum?

Als wir den Schriftstellerweg in Olten eröffnet haben, hat ein Journalist, der selber auch schriftstellert und beim Apéro dabei war, einen Artikel darüber geschrieben – wir hatten zusammen eine gute Zeit. Im Artikel dann aber hiess es, sinngemäss: «Jetzt gibt es in Olten einen Schriftstellerweg, und alle Namen, die ihnen einfallen, sind Lenz, Capus und Hohler…»

Die Frage ist berechtigt: da eröffnet man einen Schriftstellerweg, berücksichtigt auch neue, junge Stimmen, aber am Eröffnungsapéro sieht man bloss Capus, Lenz und Hohler, weil die…

Straight outta Olten
Straight outta Olten

«Verkehrsknotenpunkt», raunte man sich in meiner Jugend zu, wenn die Kleinstadt Olten im Gespräch fiel, und: «Da wirst du auf offener Strasse erschossen!» – mehr Street Credibility war damals, in den 1990ern, nirgends. Olten ist ein hartes Pflaster geblieben, vergleichbar mit jurassichen Verhältnissen, immer ein bisschen im Abseits. Aber eben: Olten liegt in der Mitte […]

Philipp Theisohn, fotografiert von Ayse Yavas.
«Der Seismograf der
literarischen Schweiz.»
Philipp Theisohn, Literaturwissenschafter,
über den «Literarischen Monat»