Am Schreiben bleiben

Verzettelt sind sie alle – ob Petrarca oder Sargnagel. 
Ein Disput über Bilder von der Schriftstellerei, 
geführt mit Max Frisch aus der Tube.

Am Schreiben bleiben
In Reih und Glied: Stifte von Ludwig Hohl (SLA, Bern).
 © Schweizerische Nationalbibliothek (NB), Simon Schmid.

In der Mitte meines Lebens wollte ich mir die Zähne putzen. Dass «Max Fresh» auf der Tube stand, schien mir am Anfang nicht viel zu bedeuten. Da stand ja auch «with cooling crystals» und «cool mint» drauf. Ich drückte drauf. Nichts. Ich wendete Gewalt an, galt es doch, saure Regenbogenstreifen, Kaffee- und Rotweinrückstände wegzuputzen. Gerade als ich dachte, jetzt platze sie gleich, zwängte sich ächzend ein Wanderer mit Stirnlampe aus der Tube. Es wurde taghell in der Berghütte.

«Wer sind Sie denn?», fragte ich. Der Mann, dessen Augen hinter einer dicken Brille verschwammen, mass mich mit einem kalten Blick und zerrte einen Koffer hinter sich her. «Was machen Sie in meiner Zahnpasta? Kommen die Geister schon nicht mehr aus Flaschen? Und was schleppen Sie da alles mit sich herum? Heda! He! Sie blockieren ja die ganze Hütte!»

«Ach was!», grantelte der Besucher. «Ich nehme nur das Überlebensnotwendige mit auf den Berg: ‹Campari, Veltliner, Wermut, Schreibmaschine, Tabak›1.» Der Besucher baute seine Schreibmaschine auf, stopfte eine Pfeife und machte sich einen Drink. «Manchmal», liess er mich wissen, «… denke ich, dass ich nicht mehr frisch bin. Sie verstehen. Dabei ist das doch meine Aufgabe! Und jetzt das: ich sass heute Morgen um halb sieben am Pult und brauchte unendlich lange, um unüblich farblose Sätze zu schreiben. Zum Davonlaufen. Dabei muss ich doch nur eine Einladung fertigschreiben. Gestatten, ich bin Architekt. Ich habe ein Gartenbad gebaut. Zur Eröffnung lade ich jetzt alle ein.2 Alles, was da im Betrieb kreucht und fleucht. Unbedingt dabei haben muss ich diesen Brecht. Un-be-dingt.»

«Aber warum tun Sie sich so schwer mit dem Schreiben einer Einladung?», fragte ich nach einer Pause. «Der Schreibmaschine und den Getränken nach geurteilt sind Sie doch Schriftsteller?»

«Wem sagen Sie das», gab er zurück. «Erst vor Wochen brachte ich ‹Tagebuch 1946–1949›, ein Füllhorn von Stoffen, in den Druck. Und jetzt schauen Sie mich an! Ich hadere bereits mit einer Einladung. Dabei suche ich gar keinen neuen Job, ich bin ja Architekt!» 3 Ich wollte ihn ablenken, als ich sagte:

«Gut, gut. Egal, wie Sie in meine Tube kommen. Ihr Hadern mit dieser Einladung macht Sie menschlich! Sie schweben zwischen Beruf und, das sage ich flapsig: Berufung. Die Frage lautet: ist es schlauer, sich die Schriftstellerei fremdfinanzieren zu lassen oder sie sich nebenberuflich selbst querzufinanzieren?» – Der Mann aus der Tube machte keine Anstalten, zu antworten; also fuhr ich fort: «Mich zog es neulich in dieser Frage mächtig zurück zu Petrarca. Irgendwo muss man ja anfangen. Und was lese ich dort? Eine Lobhudelei der Fremdfinanzierung! Einen Hymnus auf finanzielle Abhängigkeit und Uneigenständigkeit! Da schrieb dieser Bergsteiger an seinen Gönner, einen Kardinal in Avignon: ‹Alles schulde ich dir – meine geistigen Anlagen wie meinen schwachen Körper, den ich als Fremdling bewohne, und alle äusseren Güter, die mir je zuteil geworden sind. Denn dein Hofhalt hat ja meinem Geiste nicht weniger gegeben als meinem Körper und meinem Vermögen.›»4

«Typisch Petrarca!», stimmte der Besucher mir zu. «Sich aushalten lassen, Teil der Verwaltung werden, Kanzleileiter. Ausverkauf der…

Am Schreiben bleiben
In Reih und Glied: Stifte von Ludwig Hohl (SLA, Bern).
 © Schweizerische Nationalbibliothek (NB), Simon Schmid.
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Verzettelt sind sie alle – ob Petrarca oder Sargnagel. Ein Disput über Bilder von der Schriftstellerei, geführt mit Max Frisch aus der Tube.