Die Banalität der Einzigartigkeit

Die Banalität der Einzigartigkeit

Philipp Tingler: Rate, wer zum Essen bleibt.

 

Franziska steht ein wichtiges Abendessen bevor. Glückt es, belohnt der geladene Dekan sie mit der neuen Stiftungsprofessur; misslingt es, bleibt sie zum ewigen Mittelmass verdammt. Dieses Katastrophenszenario rückt bedrohlich nahe, als plötzlich eine neue Figur auf den Plan tritt: Conni Gold ist nicht eingeladen, bleibt trotzdem zum Essen, und dabei denkt sie laut und trinkt viel. So viel, dass nach ihr sogar ein Cocktail benannt worden sei; «streng genommen» aber kein Cocktail, sondern «eine beliebige Flasche Wein in einem dieser riesigen Gläser». Wie dem auch sei: Conni scheint es sich zur Lebensaufgabe gemacht zu haben, alles an die Oberfläche zu sprengen, was Franziska lieber unter einer Betonschicht zementiert hätte.

In «Rate, wer zum Essen bleibt», seinem sechsten Roman, bedient sich Philipp Tingler des etablierten Settings der emotional eskalierenden Gemengelage. Bereits der Titel spielt auf den Filmklassiker «Rate, wer zum Essen kommt» mit Katharine Hepburn von 1967 an. Im Gegensatz dazu verpasst Tingler jedoch die Chance, sein Publikum zu packen, mit seiner Erzählung zu verstricken und damit im Gedächtnis zu bleiben.

Das liegt nicht daran, dass der Autor über den komödiantischen Weg zum Ziel gelangen will. Witz und Tiefgang schliessen sich nicht zwingend aus. Schlechte Witze aber räsonieren weit weniger klangvoll; sie stossen rascher an ihre eigenen Grenzen. Ein Schicksal, zu dem leider auch Tinglers Romanfiguren verurteilt sind – denn seine Figurenzeichnungen sind so flach wie die Witze, die er ihnen in den Mund legt. So funktionieren weder die pseudohumoristischen Faunavergleiche noch sein Versuch, seinen Protagonisten psychologisch verankerte Handlungsmotivationen zu verleihen. Denn Franziskas vermeintliches Kindheitstrauma unterscheidet sie letztendlich weder von ihrem unsympathischen Ehemann noch von ihren arroganten Gästen. Und auch wenn Conni sich anfänglich mit ihrem Cocktail – oder ihrem Wein, mit oder ohne Glas – einen Namen macht, so fällt sie bald gar nicht mehr so damit auf, denn Tinglers Figuren haben allesamt mindestens ein leichtes Alkoholproblem.

Bisweilen macht es den Anschein, als würde sich Tingler darum bemühen, jede Möglichkeit der charakterlichen Vertiefung zu umgehen. Liegt darin das eigentliche Potenzial des Romans? Soll deutlich werden, dass die Bergung verschütteter Beziehungsstörungen nicht zwangsläufig bedeutet, dass man diese auch versteht? Oder ist die Moral der Geschichte, dass Traumata kein Alleinstellungsmerkmal sind? Möglich. Doch leider gelingt es Tingler nicht, hierzu eine klare Position zu beziehen. Dafür hätte er seinen Figuren auf Augenhöhe begegnen müssen, sie und ihre – vielleicht banalen – Wünsche und Hoffnungen ernst nehmen müssen. Stattdessen aber begegnet er ihnen vorwurfsvoll und herablassend, ja unreif. Dem Autor fehlt es an Warmherzigkeit und Empathie gegenüber seinen Romanfiguren. So stellt er sie in ihrer Unfähigkeit, einzigartig zu sein, bloss. Und zugleich auch sich selbst.


Philipp Tingler: Rate, wer zum Essen bleibt.
Zürich: Kein & Aber, 2019.

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