Die Polyfräse. Ticinocittà

1 Espresso sagt der italienische Chef de Service in Dubai im obersten Restaurant des höchsten Gebäudes der Welt Minuten vor der Eröffnung in die Kamera, jetzt brauche ich einen Espresso; als er aber an der eigenen Theke kurz warten muss, herrscht er den staunenden Angestellten, dem indischen Subkontinent entstammend – er muss unzählige Schulungen, Schreckungen […]

Die Polyfräse. Ticinocittà
AlpTransit-Baustelle im neuen Gotthardtunnel, photographiert von Michael Wiederstein.

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Espresso

sagt der italienische Chef de Service in Dubai im obersten Restaurant des höchsten Gebäudes der Welt Minuten vor der Eröffnung in die Kamera, jetzt brauche ich einen Espresso; als er aber an der eigenen Theke kurz warten muss, herrscht er den staunenden Angestellten, dem indischen Subkontinent entstammend – er muss unzählige Schulungen, Schreckungen durchlaufen haben, um hier oben zu stehen –, entspannt an: Espresso, you know, what that means? Espresso wurde am Bahnhof Milano erfunden, Espresso hiess der Dampfzug, der nur kurz hielt; so wurde am Gleisende eine dampfbetriebene Maschine gebaut, die das Wasser mit Druck durch die Bohnen jagt, als Resultat: ein kurzer Kaffee, eingekippt, um sofort wieder zuzusteigen, schon pfeift die Lokomotive; listen, sagt der Chef, und der Thekendiener starrt schreckgläubig zu ihm hoch, the machine neads to be under steam, sie muss immer auf Betriebstemperatur sein, Espresso: you understand, sonst hiesse es: Delay.

 

Spuckmund Südwest

Eine Wallisfahrt vor wenigen Jahren, du hast nicht mitbekommen, dass die erste Transversale bereits eröffnet worden war, du setzt dich in den Speisewagen. Seebläuen, vor Spiez bestellst du die Speisekarte, «zu spät: nur trinken», sagt die Speisewagenfrau in neuer Basissprache, mit Wissensvorsprung, kein Besteck in Spiez und das Getränk hat sofort bezahlt zu sein, «vous pourriez payer maintenant, monsieur?» Du bezahlst fragenden Auges, die Antwort kommt sofort: ein lautloser Taktschlag, du bist im Berg, keine Vibrationen, Röhrenlichterfahrt, kaum hast du dein Getränk ausgetrunken, wirst du in den Halbsüden entlassen, gespuckt: Sonne et cetera. Du siehst aus dem Augenwinkel seitlich das Betonwerk im ariden Kalkhang, aus dem die Gleise kommen – als würde sich die Anlage selbsttätig weiterbauen. Das Wallis ist irreal nah an Zürich gerückt, Teile des Oberlands entfallen. Visp City findest du bestausgebaut vor, funktional, in Erwartung der Massen. Neuhelle Helvetik. Willkommen im Arth-Goldau des Südwestens.

 

Telefondurchwahl

Gespräch mit Matteo Terzaghi eines Vormittags, mit deinem Südgegenüber, Verbindungsmann. Zunächst Triangulationen: in welcher Sprache wollen wir uns bewegen? Er spricht besser Deutsch als du Italienisch, hat in Zürich gelebt und versteht Hochdeutsch sehr gut, besser noch Berndeutsch, seine Frau spricht es mit den Kindern. Du hast ein halbes Süditalie-nerohr, aufgewachsen unter Leccesen, Calabresen, Sizzilianern, sprichst aber Strassenitalienisch. Jeder bewegt sich in seiner Sprache, beschliesst ihr, jedoch standardisiert, du sprichst Hochdeutsch, somit via Hannover, Niedersachsen, er sogenanntes Standarditalienisch, via Bologna? Möglich wäre eine Umgehung westwärts, durch Burgunderbögen, er hat in Genf studiert, du sprichst Gymnasiumsfranzösisch. Verabredung: Englisch sprecht ihr nur im Notfall. Matteo hat phasenweise in Zürich studiert und in Bellinzona gearbeitet, er kennt die Strecke hundertfach. Erster Titelvorschlag: La traversata del Gottardo in treno, unbedingt als Schmelzwort zu übersetzen: Gotthardzugsdurchfahrt. «Du Nord-Sud», sagt er, «ich Sud-Nord.» Perspektivenregelungen: «In welcher Person erzählst du?», fragt er. «Wahrscheinlich in der zweiten Person», sagst du – «bene», sagt er, «ich in der ersten.»

 

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Das Helmevangelium

Durchschlags-TV Mitte Oktober 2010, du schriebst damals tagelang mit. Es war ein internationaler Countdown, Berichterstattungen in allen Zeitungen auf allen Sendern, das Radio blieb live auf Sendung. Berichte über Behausungen der Tunnelbauer. Es waren offenbar gesittete Kolonien bei den Installationsplätzen und über den Zwischenangriffen. Österreicher und Portugiesen, Ostdeutsche, Polen, aus dem planwirtschaftlichen Bergbau, aus der wenig zukunftsträchtigen Kohle, wie es hiess. Südafrikaner in Sedrun?

Am Durchschlagstag sitzt du vor Bildschirmen; es wird Basisgottesdienst gefeiert. Helme versammeln sich im Inneren, bestbeleuchtet: gelber, oranger und weisser Helmglanz. Zu sehen ist der bepinselte Restfels, die sogenannte Tunnelbrust, drei Meter sind noch zu bewältigen. Die Nordhelme berichten auf Deutsch, die Südhelme berichten auf Italienisch, Wechselschaltungen – wurden die Übertragungskabel aussenherum verlegt, wurden die Zwischenangriffe benutzt oder gab es bereits Kabeldurchstiche?

Endlich: ein Österreicher lässt im Süden die Maschine aufheulen und erläutert fräsend. «Jetzt rumort es», sagt der behelmte Moderator im Norden. Andachtsbilder: Helmlinge stehen da in Scharen, man sieht sie nur von hinten, alle schauen sie an die Wand und nach oben, in Erwartung, die Grubenwehr zuvorderst, gelb behelmt, sie hält starke Schläuche im Anschlag. «Wir schauen nochmals auf die Tunnelbrust», sagt der Moderator, «wir schauen, ob sich etwas tut. Es tut sich nichts. Da, doch, etwas Farbe ist abgebröckelt.» Zoom: Verputz.

 

Rumor, Rohgegenwart

Zeit muss überbrückt werden, jetzt könnte repetiert werden: rumor, rumoris, rumori, es wäre der Moment, an mögliche Sprach-adern zu gemahnen, lateinische, rhätische, höchstalemannische. Während es weiterrumort, werden Beteiligte interviewt. Der Chefgeologe ist der höchste Schweizer des Inneren, er beschreibt die Phasen des Vorstosses, Erfolge, Probleme und Verzögerungen, -immer wieder trafen die Mineure auf zuckerartiges Gestein, -Mulden, die aufgegittert werden mussten. Piora. Pario. Ropia.

 

Berg und Büro

Rumoren. Was aber wird erwartet? Plötzlich fällt im Norden die Bemalung. Durchschlag: Da, links oben, ist es Licht? Nein, es glänzt der Stahl, die Fräse bricht durch, wuchtet die Tunnelbrust um, ein Monstrum, der grosse Endzeit-Drehwurm. Radrund, langsam und im Gegenuhrzeigersinn drehend, mit vielen schnelldrehenden Kleinmeisseln, die jetzt zum Stillstand kommen. Bruchstaub, Trümmer, Schutt und Jubel, die Tunnelwehr beginnt zu spritzen. Gross ist der Jubel, klein der einzelne Helm, die Fräse aber dreht gefrässig weiter und kann nicht mit Wasser und nicht mit Jubel beschwichtigt werden. Heilige Polyfräse, sie lehrt Urzukunft, es dreht der grosse Kreis um viele kleine Kreise. Sie wird beschwichtigend bespritzt, jedoch mit Wichtelwasser. Sofortige Liveschaltung. Wir sehen den abtretenden helvetischen Verkehrsminister im Fernsehlicht, orange behelmt; während die Bergarbeiter die Fräse bejubeln, ist er dem Kameralicht zugewandt, jedoch alleine gelassen von seinen europäischen Ministerkollegen. Ohne zu wissen, dass der Ton läuft, sagt er: «Ich höre nichts; zuerst spricht doch die EU?» Sofort springt der moderierende Helm ein: «Leider können die Verkehrsminister der Europäischen Union nicht anwesend sein, sie haben eine wichtige Sitzung, sind jedoch live zugeschaltet.» Eine Überblendung, Rückung: tatsächlich, Tischherren, sie werden live belagert vom Schweizer Fernsehen. Sitzgratulanten in einem fensterlosen Raum, sie wirken wie Gefangene. Minister in Geiselhaft. Die Verbindung aus der aktiven Mitte in die kontemplative Runde funktioniert nicht einwandfrei, sehr zu Ungunsten der Zugeschalteten. Schattenminister mit bläulichen Gesichtern. Es rumort, die Fräse dreht weiter, die Übertragung wird trotzdem gewagt, die Euphorie aber überträgt sich nicht auf die Büromänner, wahrscheinlich sind die Kabel zu lang, sie führen ins Nichtmehrtelegene. Laut rumort die Polyfräse und im Gegenuhrzeigersinn. Nun beginnt der erste Herr in ein Mikrophon zu sprechen, offenbar Präsident, evtl. Belgier, er gratuliert förmlich und auf Französisch, man hört nichts, die Fräse zermeisselt ihm die Floskeln. Danach spricht sein Sekundant, Vize, möglicherweise Portugiese, er zeigt ein bestgespitztes Schnäuzchen und grüsst seine Landsleute. Seine Rede wirkt listiger, er spricht Englisch, temperamentvoll, jedoch blickt er immer wieder aufs Blatt und in die Kamera: Tick- und Nickminister. Man spricht in Zukunftszungen, in Linien, gelobt, Anschlüsse aus Antwerpen und Amsterdam bis Süditalien fertigzustellen. Die Reden sind gehalten, die Fräse dreht immer noch, was nun? Man wird den Eindruck nicht los: Die Minister sitzen irgendwo im Berg, sie wollen freigefräst werden. «Kann ich reden?» Jetzt die schwungvolle, bilderreiche Replik des abtretenden Verkehrsministers, während hinter ihm alles gross weiterdreht. Wer einen Helm trägt, darf in Metaphern sprechen.

 

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Baustelle frass Veloziped

Eines Nachmittags am Zürcher Gleisende in einem Espresso-Lokal, auf einem Hocker in einer Hockerreihe über den seitlichen Rolltreppen, sie führen hinunter zum alten S-Bahnhof. Neben dir beginnt der Kameramann eines französischen Filmteams seine Geräte aufzubauen, er will sie einfangen: Hinuntergleitende, Auftauchende, Passanten, ferne Trambewegungen. Er reinigt Glas und Linsen in den flaueren Minuten. «Pardon, monsieur», sagst du, «warten Sie besser einige Minuten, denn: Halbstundentakt, service horaire régulier de demi heure, wir sind zwischen zwei Taktspitzen, warten Sie auf die Minuten 50 bis 05, Schwellphase, höhere Durchpulsung. Und bauen Sie die Kamera auch vorne bei der alten Sihlpost auf, über den Zugängen zur Baustelle des Durchmesserbahnhofs, der grössten innerstädtischen Baustelle der Schweiz. Europaallee. Suisse occidentale und Suisse orientale werden neu verschaltet, bei laufendem Bahnbetrieb. Eine Tiefbaustelle, teilweise über, teilweise unter der Sihl, sie wurde eingetellert. Bei der Sihlpost hören Sie Vibrationen, Teile der transalpinen Tunnelfräsen waren hergeschafft und neu zusammengesetzt worden. Türen in provisorischen Wänden, Akkordarbeit, Männer unter orangen Helmen, sie verschwinden im Boden. Baustelle frass vor Wochen mein altes Velo, ich hatte es am massiven Trottoirgeländer über dem Flussbord angekettet, dies wurde offenbar als Opfergabe verstanden, Baustelle frass Trottoir samt Balustrade und Veloziped.»

 

Das grosse Viadukt der Durchmesserlinie:

Wurfbrücke stadtauswärts, limmattalabwärts, die den alten Kopfbahnhof gegen Westen (und somit nach Osten hin) öffnet. Beschreibe Bauphasen der Brücke bei laufendem Bahnbetrieb, im Licht der Mittagssonne und über abendlich glimmenden Gleisen, den Blick von der Hardbrücke oder von einem der Türme aus. Beschreibe die seriellen Betonelemente, wie sie aus dem Gleisboden steigen, Schauerschönheiten – hinter Schalungsbrettern ist ein Brückendrucker am Werk, er kann vom Hochhausturm aus angesteuert werden und arbeitet sich vor. Vorschubgerüste. Beschreibe Wanderarbeiter, die auf Baustellen leben, weiterziehen, auf die nächste Baustelle. Beschreibe die neuen Takte. Brückenlinien, während du im Intercity vorbeiwischst, aufsteigende Elemente, Lichtlinien, wie sie Himmel suchen, Horizont ziehen, und dass sie sich einsenken bei der Rückfahrt, dass sie schwarzgetaucht werden. Dieses neue Reihlinienspiel im bestisolierten Zugfenster erinnert dich an Kellerserielles des Churer Nachtwach- oder Schwarzforschers H.R., Sohn eines Stadtapothekers, aufgewachsen in der Bistums-Altstadt. Zwischen Regalen mit väterlichem Apothekerglas hatte sich dem Knaben eine Türe zu jener Hinuntertreppe geöffnet, die sich im Dunkel verlor, Verliestreppe, Treppe ins Vor-Rhäticum.

 

H.R. Gigers Viziuns

Ein Sterntunnelsystem unter der ganzen Schweiz, damit man gar nie in die Landschaften auftauchen müsste, nie ans -Tageslicht. Er sah vor: Portalpyramiden an allen fünf Ecken, ein Tunnel-Pentagramm unter dem weissen Kreuz. Seine Zeichnungen hat er dem Bundesrat geschickt, mit dem Zusatz: «Kein Weg führt in die überirdische Schweiz.» Sie wurden gutbundesrätlich verdankt. Die Portalüberdachungen zum Gotthardbasistunnel bei Erstfeld und Bodio sind entfernt Gigersch aus-gefallen. Auf den Halbstundentakt folgt der Viertelstundentakt – folgen darauf die Siebeneinhalbminutentakte? Wir verlassen das babylonische Sexagesimalsystem und messen in Quarzeln. In Sichtbarchen und Unsichtbarchen. Im neuen Bahnhof Durchmesserlinie regiert bereits Warteschnelle, hier stehen kühle, helle Granitbänke, um sich nicht hinzusetzen oder nur kurz. Schöne Unbänke. Zu kalt. Die neuen Keller sind hell. -Niemand soll bleiben.

 

Kopflok

Du, ausgerechnet du, der du brav protokolliert, immer mitgeschrieben hast: du wurdest errechnet und ausgewählt und durftest heute früh in der Testlok mitfahren, mit einer Gruppe ausländischer Berichterstatter, die schon im CERN gefilmt hatten. Beschreibe, wie du die Lok besteigst, wie sie langsam aus dem Depot zieht. Beschreibe, wie sie vor dem Portal nochmals hält, du hörst den Zugfunk und es klingt nach Weltraum. Die Lok nimmt Fahrt auf, vibrationsfrei, Lichtpunktrhythmen, 250 Sachen, 3500 Schilder, über 10 000 Leuchten, die Inneninstallationen sind zu 97 Prozent abgeschlossen. Landschaften, die unterschossen werden, werden auf einem Bildschirm piktogrammatisch eingeblendet, so das Maderanertal: Berge und ein Rauschebach. In der Lok sitzend erfährst du, was du 1992 und 1998 in der Zweidrittelmehrheit mitbestimmt hattest. Irrer -Indikativ: Man war sich geradeaus einig. Die Kopflok bringt dich bis zur Porta nocturna.

 

4

Standby

Eines Morgens öffnest du dein elektronisches Postfach. «Wesen der Tiefe», liest du bei den Zerstreuungsnachrichten, du siehst ein kleines Neunauge, Urtier, Basalwesen, du klickst aufs kleine Bild: schon hat sich das Rundmaul bildschirmgross festgesogen. Du schaust in einen rötlichen Schlund mit spitzen gelben Hornzähnen, schaust in die Mahlkreise. Dieses aalartige Wesen, heisst es, sei älter als alles, was wir sehen; es hat sich seit 500 Millionen Jahren kaum mehr verändert. Du tippst Texte, seit an diesem Tunnel gebaut wird, die Anfänge liegen bereits in vager Ferne, begonnen hast du mit dem Schreiben in der Eigenzeit, womöglich vor einigen Milliarden Jahren. Nächstes Jahr schon soll der Gotthardbasistunnel eröffnet werden? Ja, die Arbeiten kamen schneller voran, es wird eine Früheröffnung geben. Selbst wohlinformierte Zeitgenossen sind nicht mehr auf dem Laufenden, haben Daten, Masse, Zeiten nicht mehr präsent, die Strecken sind lang, Lücken sind mit Klickwissen gefüllt.

Du wirst, die grosse Anlage namens Gotthard in wechselnden Vehikeln durchkurvend, immer wieder auf sogenannte Gotthardmänner treffen, die in anderer, in verlorener Zeit leben, einst tätig, nun untätig, bereit zu erzählen, falls sie gefragt werden. Sie tun nun, was du tust: sie schauen, sie vergleichen, sie sammeln. Leben im Standby-Modus: Gotthardmänner stehen da, sitzen herum, meist ausgerüstet mit Karten und optischem Gerät, mit Feldstechern, Fotoapparaten. Verlässliche Informanten, mehrheitlich unauffällig gekleidet, einige dienstlich-sportlich, andere sennisch frei, nur in Unterleibchen. Nichts entgeht ihnen. Leben mit Faktenwissen, in starken Indikativstrahlungen. «Schau», sagt einer auf einer Terrasse und reicht dir den Feldstecher: drei Tanten. Du siehst drei dreimotorige Propellerflugzeuge, wie sie über den beiden Mythen den Wolken entbrummen. «Sind sie Jäger?», fragst du, «nein», sagt er, «ich spiegle einfach gerne.» Gotthardmänner werden selten angesprochen. Du sprichst sie an, da selber im Suchmodus; du erlöst sie mit Interesse, das nicht mal vorgespielt ist. Hörst zu. Mancher erzählt ausholend, ohne Ufer, will dich fest-erzählen. Portale, Mündungen, Deltas. Passarellen, Brücken und Terrassen. Wo man hinfragt, spricht es. Wo man hinklickt, saugt es sich fest. Wo man aussteigt, liegt vorsortiertes Mate-rial. Du sammelst auf dem Weg von Nord nach Sud Dinge, die sich zeigen, und Dinge, die verschwinden. Erfährst Geschichten von Schwund und Glanz.

 

Lange bestsichtbar, nun leer:

Der Jelmoli-Schaupavillon auf der Hinterseite der Zürcher Bahnhofstrasse, bei der Zufahrt zur Tiefgarage. Durch Glas blickte man in den letzten Jahren auf Locklandschaften: gleissend weiss, bettend grün, bergend dunkel. Andermatt mit -Nilaugen gesehen: als Schnee-, Quell- und Wiesenparadies. Während Hiesige nur zugige Landschaft erinnerten, Militärdienst in kaltnassen Schuhen, hatte sich ein Mann aus Ägypten gedacht: Golfschuhe wären möglich. Winde gehorchen. Und erfand die Höchsthotellerie neu. Glas öffnete sich, man wurde im Schaupavillon begrüsst als möglicher Gast. Tischgrosse Prospektbücher. Im Innern der Anlage war geplant: eine stabile, hochbefriedete Welt aus Stein, Holz, Fellen, mit ruhigen Zimmerfeuern vor Doppelbetten. Du warst der ideale Kunde, richtiger: Interessent, solange geplant und entworfen wurde. Helikoptermensch der anderen Art; als Freischaffender lebst du von bewegter Luft und gutem Leitungswasser. Während sich Dinge links und rechts von dir aufspiralen, lebst du im Bereich der finanziellen Esoterik wie die Möglich-milliardäre. Für dich wird die Andermatt-Oase gebaut, du wirst sie zuhause auf dem Bildschirm besuchen. Du willst laufende Baustellen besuchen, neue Pisten erkunden, die auf Betreiben des Nilmannes zwischen Rheintal und Reusstal entstehen sollen, er kommt in der Regel von oben, mit dem Helikopter, ist Christ und spricht Deutsch. Und erst jetzt, nachdem von weither darauf gewiesen wurde, entdeckst du das obere Reusstal, das Urserental, Realp, Oberalp. Ja, hier fliesst Wasser in alle Richtungen des Himmels.

 

Enge

Tessinergranit am Bahnhof Enge. Mitte der zwanziger -Jahre, zu Zeiten der Bahnelektrifizierung, wurde der Halbrundbahnhof errichtet. Ein wuchtiger Granittempel, lange hat man hier noch Nachtzüge in den Süden oder in den Südosten bestiegen. Jetzt ist es ein Pilotbahnhof, vollautomatisiert. MMigros siedelt in Bahnbetriebsresten, Schalter werden als Takeawaytheken genutzt. Der meist leere Tessinerplatz davor: Weltweitzone, bald wird hier das Fifa-Museum eröffnet. Bereits in Betrieb: ein Flughafenhotel; das zugehörige asiatische Restaurant bietet argentinisches Fleisch an, brasilianischen Mais, russische Eier. Rundum: Burger- und Kaffeeketten. Tendenz zur Verloungeung am Tessinerplatz: die Eckbeiz mit dem stark berauchten Spielhinterraum, worin sich Karten-, Schach- und Carambolespieler getroffen hatten, ist vor Jahren ausgehoben worden. Neue Randsteine: chinesischer Granit – er war in den letzten Jahren billiger als Granite von der Alpensüdseite, oft gratis verfrachtet, als Schiffsgewicht unter Baumwollladungen.

[…]

 

5

Immer wieder zieht es dich nach Göschenen. Bahnhofsbesichtigung nachts. Der letzte Bus fährt leer. Bläuliche Schneeferne, Gletschernähe ist zu spüren. Geräusche sind nachtklar: Bachwasser, talfüllend. Güterzüge, die anknarschen, bremsend zu verschwinden scheinen, sie warten im Rauschen, bevor sie sich quirrend wieder in Bewegung setzen. Fernes Tunnelzünseln. Getränkeautomaten. Ein einziger Umrissmann arbeitet hinter Glas und Lamellen im Bildschirmlicht. Du setzt dich aufs kalte Bistroalu, siehst Fenster-serien der Geräuschlosneigezüge, drin weitere Bildschirmlinge. Die bald veralteten Neiger kommen aus der Nacht, werden kurz hellgestreift im Länglichbahnhofslicht, um wegzutauchen, in die Bergschwärze, in die Talschwärze. Der letzte Zug ab Göschenen führe 23.40, er hielte in Airolo, Biasca, Bellinzona, Lugano und endete weit nach Mitternacht in Chiasso. Denkst an die früheren Schlafzüge, von denen du nur gehört hast: Wer im Winter nirgends wohnte, bestieg vor Mitternacht den beheizten Basel-Chiasso-Express retour. Spiralschlaf der Unbehausten, Knarzschlaf in alten Waggons. Kondukteure schauten darüber hinweg.

 

6

Endlich Süden

Der heisseste Tag im Mai, ein Zufrühsommertag, du nimmst den 08.09-Uhr-Zug in Zürich, es ist ein Neigezug. Ein grosser Reisetag für freie Pensionäre, im Speisewagen sitzen Rentner zwischen Datenmenschen. Dir gegenüber sind zwei alte GA-Knaben, der eine mit T-Shirt, mager und mit müder Haut, weitgeflogen, Asienmann, Südamerikamann, nun wieder hier, er trägt Kettchen, Weltweitgold, und trinkt bereits Bier. Sein Gegenüber ist besser im Kleid, trägt das Hiergebliebenenhemd offen, Bootsbesitzer, Segler, er trinkt Cola, spricht von Liegenschaften, unter anderem im Süden. Offenbar Schulfreunde, sie reden von früher. Ostschweizer, du hörst, auch wenn du nicht hinhörst, was sie nur andeuten, was sie weglassen. Datenmenschen, Frauen und Männer, mehrheitlich mit Kopfhörern, tippend oder in wichtige Schriften vertieft, werden mit heiterem Beobachterspott eingedeckt; in Zug steigen die meisten von ihnen aus. Als eine junge Kondukteurin erscheint, beginnen die beiden Herren aufzuleben, schwärmen kurz aus: «Machen Sie denn nie Ferien?» Frau SBB, in Sommeruniform, antwortet in zarten Floskeln, jedoch im Betreuungston, während sie die Generalabonnemente prüft: «leider nie allein».

In einem Bahnreisebuch aus den frühen siebziger Jahren liest du: Weite Anschwemmungsebene der Reuss. Der Urnersee reichte einst bis Erstfeld. Leichte Maschinen stehen auf den Gleisen vor dem Nordportal.

«Do haut ers ine, de Basistunnel», sagt der Bootsbesitzer. «Mer vermögets. Sogar s Licht chönds brenne loh», sagt der Weit-gereiste, «isch wohrschindli wie inere Ubahn.»

Talaufwärts siehst du viele Rolllädenbahnhöfe: gräuliche Lamellen in den Betriebsfenstern, teilweise schiefgefallen. Surreale Doppelung: der Neigezug im Kehrtunnel, auf bereits quergeneigten Gleisen. Er nimmt dich mit in dunkle Weltraumkurven.

 

Leventina

Ein Mann aus der oberen Leventina, weltfreudig, lernt im Ausland eine Frau kennen und will sie seinen Eltern vorstellen. Sie wird ihre Eltern mitbringen. Es ist tiefster Winter, im Winter aber sieht der Heimatort des Mannes wochenlang keine Sonne, die Strassen sind menschenleer, man hört nur das Nassrauschen der nahen Autobahn. Er kann den Tag der Ankunft so lange hinauszögern, bis erstes Vormittagslicht sein Elternhaus wieder erreicht hat. Und fasst einen Plan: Sie sollen am Abend in Milano landen, wo er sie mit einer Limousine abholt, Fahrt über Autobahnen. Seine Eltern sind gute Gastgeber, Wein fliesst und die Gästezimmer sind schön und ruhig. Am nächsten Morgen weckt er seine Gäste spät. Der erste (und letzte) Sonnenstrahl erreicht das Haus, als sie heraustreten, der Schnee giert nach Licht und flimmert bräutlich. Der Mann verteilt Sonnenbrillen und chauffiert seine Gäste den ganzen Tag entlang der Lichtwege, die er sich erdacht hat, er will sie lichtmüde werden lassen. Er besteigt mit ihnen Seilbahnen, sie sehen Pistenlicht am Mittag, sitzen auf gefluteten Terrassen, spazieren über gefrorene Stauseen. Ein pompöser Sonnenuntergang. Alle sind froh, den Abend im Halbdunkeln verbringen zu können, am Cheminée, es riecht nach Kastanienholz, das Feuer knattert und Funken springen. Der Mann plant, in der Leventina Spiegel zu errichten, Spiegel auf Felsen, die im Winter das Sonnenlicht ins Tal lenken. Tatsächlich, mit der Eröffnung des Basistunnels werden sie da sein, es fliessen Gelder aus dem Kompensationsfonds. Alle werden auf den Beinen sein, wenn erstes Spiegellicht eintrifft und alte Schatten aufgelöst werden. Mitwandernde, mitdenkende, sich umformende Spiegel: Im Sommer produzieren sie Wende-Energie.

 

7

Birreria Bavarese

Als du den klimatisierten Zug in Bellinzona verlässt, hast du sofort Druck in den Ohren, die Hitze im Gesicht, spürst, wie heftig dieser Ort erfasst wird: Grossbaustelle bei laufendem Bahnbetrieb. Lange, irrlange Bau-stellenzüge werden rangiert. Feuchte Vormittagshitze. Abschrankungen und mobile Stecksysteme, man wird umgelenkt, Kompressoren regieren, so fühlen sie sich an: Wandlungskräfte, alte Hausfassaden erzittern, bald fällt der letzte Putz. Ein ganzer Seitenflügel des Palazzobahnhofs ist herausgerissen worden, man sieht offengelegte Holzbalken im Dachstuhl. Du gehst kaum hundert Schritte bis zur Birreria Bavarese, wo der Druck geteilt und umgelenkt wird, Richtung Lugano, Richtung Locarno. Die Birreria: ein kleines Flatiron Building – Matteo wartet am vordersten Tisch mit Blättern und Stift, er begegnet den neuen Tessinenergien gelassen. Beglückender Skizzenbasar. Motivabgleich bei laufendem Schreibbetrieb, und manche Idee verändert sich, wenn sie übersetzt wird, hin und her geht.

Es ist diese Mischung aus einst, dereinst und plötzlich bald, aus fiktiv und fast fertig, die die Basistunnelei gerade jetzt, in diesen allzu heissen Maitagen 2015, so aufreizend macht. Die Containerstadt ist weitergewandert, steht nun am Monte Ceneri, im Süden wird weitergefräst, im Norden werden derweil Feinarbeiten ausgeführt, Schleunigungsarbeiten. Der Spatenstich für den Viertelstundentakt erfolgte Anfang Mai anderswo: im Mittelland, mit dem Ausbau der Strecke -Olten–Aarau. «Im InfoCenter SUD bei Pollegio ist übrigens deine Fräse ausgestellt», sagt Matteo. «Hier heisst sie talpa: Maulwurf.»

Da schwebt, vom Bahnhof her kommend, aus der Basiszukunft sozusagen, ein gnugrosses Ding heran, nein: weissbüffelgross. Du siehst Unform und Design. Etwas Nasenähnliches auf geräuschlosen Rädchen. Oben eine Trommel, darauf ein oranger Dachblinker, seitlich: gerippte Schläuche. Die Designerhaut reicht fast bis zum Boden. Nebenher geht, als wäre nichts dabei, ein Hybrid-Chlaus, er trägt einen hellen Overall und eine Dächlikappe. Sauberschmutzli, er führt das offenbar gestromte Ding beidhändig: an einem Bügel und am Rüssel, wobei der Rüssel wiederum an einem Rädchen geht und den Boden absucht. Der Mann, der diesen Suchsauger führt, geht scheinbar über Meridiane, liest auch Daten ein, erwartet bereits die künftige Ticinocittà. Das Gebilde hat – und das begeistert dich – hinten tatsächlich einen schwarzen Reisigschweif aufgesteckt: den guten alten Tunnelputzerbesen, Granitfeger, Randsteinfeger. Du wünschst dir, genau diesen Basisreiniger mit deinen Stimmen finanziert zu haben. Um die transformatorische Wucht des Basisvorhabens im Norden begreiflich zu machen, müsste man dieses Gespann in vollem Putz durch die Zürcher Bahnhofstrasse ziehen lassen.

Die Rückfahrt verzögert sich. Le cause sono lavori di con-struzione. Es gäbe laut Matteo eine weitere Ansage, die zurzeit durch die Tessiner Luft gehe: Le cause sono lavori all estero. Die S-Bahn Ticino wird in Dreiecken angelegt.

 

8

Espresso

sagt der Chef de Service einige hundert Meter über dem Arabischen Golf zum schreckgläubigen Angestellten – über neublauen Seen, künstlichen Lagunen, Hochhaushäfen; wenn es regnet, wird Wüste ans Glas gewaschen, es entstehen ärgerliche Sandbäche und der Turm schwankt im Immerwind – you know, what Espresso means? Fenster müssen artistisch gereinigt werden, ein Hochalpinist bildet schlanke Fassadenkletterer aus und lässt sie ausserglas abseilen, er dirigiert sie per Funk: Putzartisten, sie erscheinen dann mit ihren Saugnäpfen vor den Wohneinheiten der Möglichmilliardäre. Dem etiketten- und mythengläubigen Chef de Service, der selber im Glasturm wohnt, lässt du pantomimisch mitteilen, via Fensterputzer, sozusagen in Gekkosprache – leider nein, no: Es gab -diesen Mailänder Espressozug nie, zwar waren Mitte des 19. Jahrhunderts Kaffeemaschinen in der Gestalt von Dampf-lokomotiven gebaut worden, sogenannte cafetière locomotive, es waren jedoch Filtermaschinen. Espresso leitet sich wohl von esprimere her, ist wahrscheinlich eine Folge mehrerer Übersetzungsunschärfen aus dem Französischen und Deutschen zurück ins Standarditalienische, wo es wirksam fixiert wurde, sagen wir: in Mailand. Von Mailand aus ging der Espresso um die Welt, um gut hundert Jahre später in Dubai anzukommen, mehrere hundert Meter über dem Meer. Aber ja: ohne kräftigen Glauben keine Weltrekorde.

Nachdenken über die Grenzen der Sprache

Im Jahr 2015 liegt «Babel» in der Schweiz: Eine zehn Jahre lange Reise durch die Sprachen und Literaturen der Welt führt unser Literatur- und Übersetzungsfestival aus Bellinzona an seine eigene Türschwelle zurück. Wie nach jeder Reise hat die Schwelle sich verändert! Wirtreten ein und entdecken neue Spannungen zwischen Sprachen, zwischen Hochund Umgangssprache, zwischen gesprochenen und […]

Persönliches über Sprache

Ich rede Berndeutsch und schreibe Deutsch. Ich könnte nicht in Deutschland leben, weil die Leute dort die Sprache reden, die ich schreibe, und ich lebe nicht in der deutschen Schweiz, weil die Leute dort die Sprache reden, die ich auch rede. Ich lebe in der französischen Schweiz, weil die Leute hier weder die Sprache reden, […]

«Frou» oder «Pfrou»?
Pedro Lenz und Guy Krneta, photographiert von Adrian Moser.
«Frou» oder «Pfrou»?

Schweizerdeutsche Dialektliteratur ist aktuell en vogue. Sie gründet in der Spoken-Word-Szene, die ein immer grösseres Publikum findet. Aber: Definiert sie sich in klarer Abgrenzung gegenüber der Hochsprache? Muss man sie sich erarbeiten? Und: Wie liest man sie eigentlich?

Philipp Theisohn, fotografiert von Ayse Yavas.
«Der Seismograf der
literarischen Schweiz.»
Philipp Theisohn, Literaturwissenschafter,
über den «Literarischen Monat»