Urban Games
Bild: Sarah Jacky.

Urban Games

 

«Wenn ich eine Geschichte erzählen müsste über diesen Ort, würde ich sie so erzählen», sagte er, «man findet sich schneller mit ihm ab als erwartet, man geniesst es sogar ein wenig, die Ruhe, die Natur, das Unfertige, die kaputten Fenster, die Viecher – und dass man im Geheimen Sex haben muss. Baby, das macht mich gerade scharf.» Er fuhr mir mit der Hand unter mein schwarzes, kurzes Kleid, unter dem ich nichts trug, der Hitze wegen. Und weil es praktisch war, da es keine Toilette gab, und für die Spontanpenetration.

«Die Geschichte», drängte ich und schob seine Hand weg. Er fuhr fort: «Selbst mit der nicht vorhandenen Dusche und der nicht vorhandenen Toilette findet man sich ab – für ein paar Tage. Und dann besucht man am dritten Abend das Nachbar-Architektenpärchen mit ihrem sanft und nachhaltig renovierten Hipsterhaus mit drei Badezimmern, schliessbaren Fenstern und Türen, einer Küche wie in einem Grandhotel, Wasch-, Abwaschmaschine, Tumbler und WLAN und muss auf einmal sofort weg von hier, zurück ins Tal.»

«Nicht schlecht», sagte ich.

«Ich weiss», sagt er, «du würdest ein Drama erzählen, vor der Kulisse des Steinbruchs vielleicht, nicht wie ich äussere Banalitäten.»

«Genau, und eine Beziehungskrise natürlich», sagte ich. Er lachte und griff nach einer Weile zu seinem Smartphone, vermutlich um zu überprüfen, wer seine neuste Instagram-Story gerade gelikt oder mit Herzen überschüttet hatte. «Wir haben aber keine Beziehungskrise», sagte ich, mehr um mich selbst davon zu überzeugen. Er verdrehte übertrieben die Augen, legte das Telefon mit dem Bildschirm nach unten neben sich zur Seite, küsste mich auf die Stirn, fuhr dann mit der Hand unter mein Kleid, zwischen meine Beine, und ich liess ihn gewähren.

Es war der dritte Abend, den wir bei K.s Aussteigerfreunden in diesem Ruinennest in den Bergen kurz hinter der Schweizer Grenze verbrachten. Und der Abend versprach nichts Gutes. Wir hatten zum ersten Mal seit unserer Ankunft zwei Stunden Ruhe vor Barbara, der Gastgeberin, lagen in den beiden Liegestühlen unter dem Feigenbaum, rauchten und tranken Cynar mit Eis. K. hatte mir gerade gesagt, dass er zuvor beim Sex den Gedanken gefasst hatte, dass er mir nun eigentlich ein Kind machen könnte, als Barbara kam und uns ungefragt mit ihrem Gerede über Ziegen, Zwiebeln und Pflanzensetzlinge in Beschlag nahm. Nicht zum ersten Mal. Es sei ganz grauenhaft, meinte Barbara, die ich seit meiner Ankunft nur die Pack-an-Frau nannte, und machte ein betroffenes Gesicht. Sie meinte die beiden Ziegen, die sie von einem Bergbauern gerade übernommen hatten – aus reinem Altruismus, selbstredend (und gegen zwei Dutzend Kilo Ziegenfleisch). Die Tiere seien wohl seit längerem völlig vernachlässigt worden. Das Muttertier habe ihr Junges verstossen und gebe keine Milch ab. Die beiden Ziegen seien «völlig verstört». «Das Schlimmste ist», sagte die Pack-an-Frau, «die Mutter riecht nach Leiche, der ganze Stall riecht nach verdorbenem Menschenfleisch und nun muss ich das arme Jungtier alle zwei Stunden mit einer Milchflasche füttern wie ein kleines Baby.» Und das alles jetzt, wo ihr Freund Pan ein paar Tage in Bern war,…

Philipp Theisohn, fotografiert von Ayse Yavas.
«Der Seismograf der
literarischen Schweiz.»
Philipp Theisohn, Literaturwissenschafter,
über den «Literarischen Monat»