Ich wollte immer  Skiliftbügelgeber werden
Bild: Sarah Jacky.

Ich wollte immer
Skiliftbügelgeber werden

Für die eigene Mitte muss man manchmal am Rand stehen. Die einen nennen es selbstgewähltes Exil. Wahr ist: Wer sich finden will, muss weggehen. Nach New York, ans Meer – oder in das Häuschen eines Skiliftbügelgebers.

 

Ich wollte immer Skiliftbügelgeber werden. Was zusammen mit Clint Eastwood das Männlichste war, was ich mir als Kind vorstellen konnte. Braungebrannte, wettergegerbte Gesichter, immer eine Zigarette im Mundwinkel hängen und schweigsam wie die Berge. Gegen die war Hemingway nur ein geschwätziger Tourist. Diejenigen an der Bergstation hatten zudem diese kleinen, engen Holzhütten, in denen sie es warm hatten und wahrscheinlich Pornoheftchen lasen, während draussen ein Schneesturm am Gipfelkreuz rüttelte. War es sonnig, lümmelten sie vor der Hütte auf einem Holzstuhl, den sie in den Schnee gerammt hatten, neben sich ein Transistorradio, Popmusik dudelte modisch vor sich hin. Sie trugen verspiegelte Sonnenbrillen. Mädchen konnten doch gar nicht anders, als sich gleich nach dem korrekten Abbügeln in diese Bademeister der Berge zu verlieben. Als Junge waren sie meine Idole. Während andere Kinder davon träumten, Astronaut, Rockstar oder Geheimagent zu werden, wollte ich mein Leben lang Skiliftbügelgeber sein. Wie sich bald herausstellte, löste dieses Lebensziel nur Gelächter und Kopfschütteln aus, doch das war mir egal. Gleich nach der Schule wäre ich in den Beruf eingestiegen, hätte märtyrergleich alle Spötter ertragen und mein Leben der Coolness geweiht. Skiliftbügelgeber sind einsame Wächter des Tempels der Lässigkeit. Nicht mal die flotten Skilehrer konnten neben ihnen bestehen. Während diese Touristenflittchen mit deutschen Zahnarztgattinnen oder pubertierenden Skilagergruppen in Böglein die Pisten hinunterschönten, wartete der Skiliftbügelgeber auf seine Stunde. Er hatte Zeit. Nachdem der Tag vorbei war, die bunten Overalls von den Pisten verschwunden waren und die Hänge wieder den Bergdohlen gehörten, fand seine letzte Muratti ihr zischendes Ende im Schnee. Er war nun Urheber jeden Geräuschs. Ausser ihm Stille. Die Nacht nicht mehr weit. Ein letzter Blick auf den Skilift, der nun lebloser Teil der Dämmerung war. Die Bügel zuckten wie aufgehängte Skelette in elek­trisch geladener Luft. Dann schnallte er die Skier an und schnitt durch den Schnee, den die Kälte wieder hart und harsch hatte werden lassen. Er verschwand im langsam vom Tal heraufziehenden Nebel. Oder in einer Berghütte, wo Bündnerfleisch gegessen und Schnäpse getrunken wurden. Ich hatte klare Vorstellungen und war vorbereitet auf ein ehrliches, einfaches Leben. Doch es kam alles anders. Erst wurden die Selbstbedienungslifte eingeführt, dann tauchten die Snowboarder auf. Und ich hatte gelernt, wie es sich anfühlt, wenn nichts je wieder so sein würde, wie es mal war.

Jahre später dann Hamburg. Eine derbe Stadt. Steter Regen und frischer Wind, die Hauswände verwaschen, das Kopfsteinpflaster blankgeschrubbt, bei Sturm fliegt ein Hund am Fenster vorbei. Keine gelbe, satte Sonne, sondern Fluten von Licht, wenn das Wetter wechselt. Über all dem ein Himmel, der jederzeit die Erde verschlingen könnte. Lodernde Schlachtengemälde gleich über der Dachrinne, gold, dunkelrot, tiefblaue Schlieren, und Sekunden später reisst das gigantische Gewölk auf und ein einziger Sonnenstrahl erleuchtet eine schäbige Häuserzeile, als würde in ihr der nächste Messias geboren. So etwas geschieht hier mehrmals täglich und zweimal hat mich die Liebe in diese Stadt geführt. Nach wenigen Monaten nimmt man den Regen nicht mehr wahr und spürt den Wind auch dann, wenn er nicht weht. Wer je in…

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