No Country for Old Cows

 

Wie in Zeitlupe schob sich das Taxi, das mich am Flughafen von Varanasi abgeholt hatte, durch Tausende von Menschen auf Mopeds, Fahrrädern und Rikschas hindurch und an träge herumlungernden, wiederkäuenden Kühen vorbei Richtung Stadt. Mein Begleiter stellte mir unablässig Fragen, die an mir abprallten wie die Mongolen an der Chinesischen Mauer. Ich verstand ihn nicht. Sein Englisch war perfekt, seine Aussprache akzentfrei, ich verstand ihn rein akustisch nicht. Denn von draussen schwappte der Lärm der Hölle ins Innere des Wagens. Mir wurde leicht schwummerig, erschöpft lehnte ich mich in die Rückbank zurück. Nach einem kleinen Auffahrunfall, in dessen Zuge sich beide Fahrer sekundenlang anschrien, um dann einfach in verschiedene Richtungen davonzufahren, erreichten wir Assi Ghat, die Adresse, an der ich die nächsten Wochen leben und arbeiten sollte. Ich stieg aus und trat in einen Haufen Kuhscheisse. Ich war angekommen.

Als ich mich bei der Kulturabteilung der Stadt Zürich für ein Literatur-Aufenthaltsstipendium im Alice-Boner-Institut in der heiligsten Stadt der Hindus bewarb, hatte ich noch die wahnwitzige Vorstellung, im Falle eines Zuschlags an einen Ort der Spiritualität, der Stille und inneren Einkehr zu gelangen. Ich stellte mir vor, wie er mich gleichzeitig erden und in den Himmel heben und mir die Inspiration für einen Beststeller liefern würde. Ich war naiv.

Varanasi – Stadt zwischen den Flüssen Varana und Asi. Oder auch Benares, wie sie von den meisten Einwohnern heute noch genannt wird. Oder Kāshī, die Leuchtende, die Stadt des Lichts, die gleichzeitig auch die Stadt des Todes ist, weil jeder Hindu hier sterben und im heiligen Fluss versenkt werden will, um dem Kreis der Wiedergeburten zu entrinnen. Varanasi trägt auch die Beinamen Anandavana – Wald der Glückseligkeit –, wobei weder von Wald noch von Glück viel zu spüren ist, und Avimukta, die [von Shiva] nie Verlassene. Shiva ist der Gott der Zerstörung, ich hätte also einiges vorausahnen können, ja müssen.

Rückzugsorte zum Schreiben gibt es viele: Man kann sich in eine Hütte im Himalaya verziehen, auf eine einsame Insel in der Südsee abhau’n, in den Keller gehen oder in sich selbst zurückziehen. Man kann im Dschungel von Borneo Tagebuch führen, in Paris der Liebe frönen und romantische Gedichte schreiben oder in New York nach durchgemachten Nächten Cut-up-Fragmente zu Papier bringen. Habe ich alles schon versucht – hat alles einigermassen funktioniert. Nur Indien nicht.

Da ich aber schon in einigen Molochen dieser Erde herumgedümpelt war und auch Bücher auf diesen Reisen entstanden sind, waren der Dreck, die Armut, die verpestete Luft, ja selbst die unfassbaren Menschenmengen – rund drei Millionen Einwohner in Stadt und Agglomeration und nochmal so viele heilige Rindviecher – nicht wirklich das Problem. Man wird schnell Meister im Kuhfladenumschiffen, lernt, die ständig wachsenden Müllberge zu ignorieren, und selbst die Leichenverbrennungen im Akkord konnten mir nichts anhaben. Die mehrheitlich netten Menschen in Varanasi und ihr buntes Treiben bieten eine Faszination, der man sich nur schwer entziehen kann. Selbst die aasfressenden Minischildkröten, die im Ganges ausgesetzt werden, um den schwimmenden Friedhof vor dem ökologischen Exitus zu retten, haben…

No Country for Old Cows

  Wie in Zeitlupe schob sich das Taxi, das mich am Flughafen von Varanasi abgeholt hatte, durch Tausende von Menschen auf Mopeds, Fahrrädern und Rikschas hindurch und an träge herumlungernden, wiederkäuenden Kühen vorbei Richtung Stadt. Mein Begleiter stellte mir unablässig Fragen, die an mir abprallten wie die Mongolen an der Chinesischen Mauer. Ich verstand ihn […]

Philipp Theisohn, fotografiert von Ayse Yavas.
«Der Seismograf der
literarischen Schweiz.»
Philipp Theisohn, Literaturwissenschafter,
über den «Literarischen Monat»