Am Hildesheimer Galgenberg

Zwei sympathische Buchhandlungen hatten mich nach Deutschland eingeladen, und also eilte ich mittags zum nächsten Bahnhof, um pünktlich zu meiner Lesung im ruhrpottschen Essen einzutreffen. Der dortige Abend wird mir auch deswegen erinnerlich bleiben, weil es einen Zuhörer gab, der es sich zur Aufgabe gemacht hatte, die schönsten Sätze gleich mitzuschreiben. Nach der Lesung kam […]

Am Hildesheimer Galgenberg

Zwei sympathische Buchhandlungen hatten mich nach Deutschland eingeladen, und also eilte ich mittags zum nächsten Bahnhof, um pünktlich zu meiner Lesung im ruhrpottschen Essen einzutreffen.

Der dortige Abend wird mir auch deswegen erinnerlich bleiben, weil es einen Zuhörer gab, der es sich zur Aufgabe gemacht hatte, die schönsten Sätze gleich mitzuschreiben. Nach der Lesung kam er zu mir, seine Ernte zu teilen. «Eine lange sich hinziehende Eile ereignete sich nichts» – dies sei, so schilderte er begeistert, der schönste Satz des Abends. Ich war fasziniert, denn in dem Satz, den ich aus «Bergsteigen im Flachland» vorgelesen hatte, hiess es nicht «Eile», sondern «Weile». Es lag mir nichts daran, dem Mann die Freude kaputtzureden.

Die Wirkung des amüsanten Abends verlängerte sich durchaus in den nächsten Morgen hinein, änderte aber nichts an jenem Unbehagen, das mich befiel, als es darum ging, mich am Bahnhof für ein in Plastik verpacktes Lebensmittel zu entscheiden. Dies führte dazu, dass es mich, als ich in Hildesheim, meiner zweiten Station auf dieser Lesereise, eintraf, hungrig in den nächstbesten Wald zog. Meine Sehnsucht nach natürlicher Nahrung hat mich selber überrascht, aber ich ging, kaum sah ich die vielen Buchennüsse, eichhörnchengleich in die Hocke und begann zu essen.

Zwei Kinder, die Sprösslinge einer am Telefon in einer nervenaufreibenden Konversation festgebundenen Frau, gesellten sich zu mir, neugierig zu sehen, was ich da tat.

«Leckere Nüsse esse ich», gab ich von mir. «Wollt ihr auch kosten?»

Es klang wie in einem Grimm’schen Märchen, und es entging mir nicht, wie misstrauend mich die Kindsmutter aus fünfzehn Metern Entfernung musterte. Aber sie entschied sich bald, mich nicht für einen Wolf im Schafspelz zu halten.

Also half ich den Kleinen, die besten Nüsse zu finden, führte eine strenge Wurmkontrolle ein, half ihnen, die harte, ungeniessbare Schale abzulösen. Es mag missionarisch klingen, aber ich freute mich, diesen Kindern zeigen zu können, dass unsere Nahrung nicht im Supermarkt, sondern in der Natur wächst.

Wer sich mit Wildnahrung auskennt, weiss, dass die Buchecker – so werden die Nüsse der Buche genannt – leicht giftig sind. Ungeröstet enthalten sie Oxalsäure und Trimethylamin. Gemäss Fachliteratur kann erstere dem Herzen schaden, Trimethylamin kann die Verdauungswege verätzen.

Im Roman «Der abenteuerliche Simplicissimus» aber findet sich der Satz: «meine nahrung war nichts anderst als buchen, die ich unterwegs auflase.» Demnach kann die Dosis der in ein paar Bucheckern enthaltenen Gifte kaum schrecklich gross sein. Aber weil der Wald, in dem ich diese Nüsse futterte, laut meinen Quellen Galgenberg hiess, beschlich mich ein mulmiges Gefühl. Lässt mir, was ich in Fachbüchern lese, etwa tatsächlich kaum Interpretationsspielraum? 

Innehaltend erinnerte ich mich an die Lesung, an die gewiss auch intuitiv vollführte Umdeutung einer Weile zu einer Eile, und mir wurde klar, was Grimmelshausen wohl noch viel besser wusste als wir: Das Leben ist immer auch eine Schule der Intuition. Also habe ich mir intuitiv noch ein paar Nüsse gegönnt. Und tatsächlich: auch jetzt, vierundzwanzig Stunden später, befinde ich mich noch in einem Zustand, der es mir erlaubt, diese Zeilen zu schreiben.


Urs Mannhart
ist Schriftsteller und Reportagejournalist. Zuletzt von ihm erschienen: «Bergsteigen im Flachland» (Secession, 2014). In seiner Kolumne «Kraut und rüber» bereist er die Welt und erzählt von Orten, Wegen und wilder Naturkulinarik.