Matteo Terzaghi: «Die Erde und ihr Trabant»

Matteo Terzaghi: «Die Erde und ihr Trabant»

Komprimierter Regenreigen

 

Herr Jauch hat die Logorrhö. Man mag allerhand mit seinem Nachnamen assoziieren, aber darum geht es nicht: Vielmehr kann sich Herr Jauch selber fast gar nicht retten vor dem Wortschwall, der aus seinem Mund hervorstürzt und sein Gegenüber verbal durchnässt, so dass auch der erprobteste Zuhörer nach einer Weile die Flucht ergreift. Der Lehrer Rossini hingegen kommt nach einem Zahnarztbesuch ohne Zähne in den Unterricht – und alle lauschen seinem Nuscheln wie sonst nie. Und Quinto, der Mann am Mailänder Bahnhof, drückt dem Erzähler durch die sich schliessende Tür des schon fahrenden Zugs eine Topfprimel für Dagmar in die Hand – wenn der Beschenkte doch bloss wüsste, wer diese Dagmar ist.

So kurz die Geschichten, so reichhaltig deren Inhalt. Matteo Terzaghi leuchtet in seinen Miniaturen vorsichtig die Feinheiten des Alltags aus: Mal mit dem Streichholz, mal mit der Taschenlampe, mal – ja, es kann auch ein wenig heller sein – mit dem LED-Fluter. Worüber andere Schreibende auf der Suche nach der grossen Geschichte hinwegrasen, da bleibt Terzaghi stehen und beginnt: manchmal bloss zu beschreiben, manchmal etwas tiefer zu graben, manchmal zu rütteln. Und so kommt es, dass in der einen Geschichte Rollpflanzen nächtens die Flucht ergreifen, während in einer anderen ein Regenwurm zweigeteilt wird. Man ertappt sich beim Zurückschnellen in die eigene Kindheit, dem Ausgraben von Kory­phäen aus der Jugendzeit.

Der rote Faden schlängelt sich wohl am ehesten in Form des Regens und des Mondes durch die Zeilen: Zum Beispiel in der Einstiegsgeschichte «Regen», in der Terzaghi das Nass von wissenschaftlicher Seite her aufrollt, oder in «Francis Ponge und der Regen», in der er über die Tatsache räsoniert, dass sich der grosse Schriftsteller während der Kriegszeit etwas so Banalem wie dem Sinnieren über und Beschreiben von Niederschlägen widmen konnte. Dazwischen lunare Schnurrbärte, Apollo 13 oder Wernher von Braun, Hitlers Naziraketenbauer. Wie die Themen schweben auch die Geschichten unbestimmt durch Raum und Zeit, den Abenteuern entgegen oder von ebendiesen weg.

Man darf aber auch, dem Drang zur Kategorisierung widerstehend, die Miniaturen einfach als kleine Geschenke annehmen: In jedem birgt sich eine Überraschung – mal ist sie tiefsinnig, mal einfach unterhaltsam, mal vor die Füsse geworfen. Wie viel Autobiografisches darin steckt, ist sekundär. Sicher ist, dass Terzaghi auf wenige Zeilen kondensiert, wofür andere hunderte Seiten brauchen, wenn sie es überhaupt zu Papier bringen. Immer wieder erweist er grossen Denkern und Schreibern die Reverenz: Robert Walser, Fritz Kocher, Francis Ponge. Nicht immer klickt die Reverenz, aber statt im Defizitdenken (schon wieder etwas, was ich nicht gelesen habe!) zu versinken, erfreut man sich – nebst dem doch latenten Vorsatz, sich mal wieder den Klassikern zu widmen – ob dem grossen Wissen, das der studierte Philosoph Terzaghi einem angenehm «vorgekaut» zuschiebt: kleine Happen, die man in seine eigenen Wissensschubladen einordnen kann – oder sie einfach in Gedanken und Herz bei sich behalten.


Matteo Terzaghi: Die Erde und ihr Trabant. Aus dem Italienischen übersetzt von Barbara Sauser. Biel: verlag die brotsuppe, 2019.

Philipp Theisohn, fotografiert von Ayse Yavas.
«Der Seismograf der
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Philipp Theisohn, Literaturwissenschafter,
über den «Literarischen Monat»