«Chalet-Verbrecher!» vs. «D’Fuscht uffs Aug!»

Susanne Stacher, Christoph Hölz: Dreamland Alps. Utopische Projekte und Projektionen in den Alpen. Innsbruck: Eigenverlag Archiv für Baukunst, 2014.

«Chalet-Verbrecher!» vs. «D’Fuscht uffs Aug!»

Hätten sie nur auf Reinhold Messner gehört: «Keine festen Bauten über 2400 Meter!» So manche Wortgewalt wäre uns erspart geblieben, wenn am Berglertisch die Architekturdebatten
losbrechen. Abgrundtief und felsenfest klaffen die Standpunkte auseinander. Empörung für Fortgeschrittene. Als weitere Zündschnur nun dieses Buch voller erblühter und verblühter Visionen: «Dreamland Alps. Eine Dokumentation utopischer Bauwerke in den Alpen.» Aufreizend bebilderte 120 Seiten, die jeden chaletbewussten Bergfreund aufheulen lassen. Doch wo die einen versammelt finden, was sie am liebsten mit Titanenfaust die schwarze Nordwand hinabschleudern würden, sehen andere endlich Ideale gewürdigt, mit denen sie sonst an steinernen Mienen abprallen. Dabei ist Hochgebirgsarchitektur doch von Anbeginn neumodisch und modern. Schliesslich gab es oberhalb der Alphütten und ihrer Steilwiesen nie Behausungen, weil kein Mensch dort nimmer hat wohnen wollen. Der Reflex, auch hier den Traditionsbruch zu bejammern, ist so deplatziert wie die Bauten selbst.

Bewusst wurden sie ins Offene gestellt. Denn die unberührte Bergwelt war nicht allein für Alpinisten unwiderstehlicher Freiheitsbegriff, ihr mächtiger Weissraum liess auch kompromisszermürbte Architekten freier atmen. Doch überall, wo der Mensch die Chance bekommt, völlig neu anzusetzen, setzt er meist nicht völlig neu an, sondern kommt mit der Altlast seiner Projektionen daher. Es gibt also in diesem freudig frevelhaften Buch obendrein noch all die Sehnsüchte zu bestaunen, die man in der Reinkultur der Berge zu verwirklichen hoffte. Das begann schon im 18. Jahrhundert, als im Zuge der Aufklärung die Berge von der Schreckenslandschaft zum Ort des Erhabenen umgedeutet wurden. Auf so eine Idee konnten auch nur die Auswärtigen kommen, und so baute man ihnen künstliche Burgherrenromantik und mit Schnörkel überzogene Villenschlösschen hinauf. Mit dem Baumaterial hatte man die Vorstellung dessen hochgetragen, was den fremden Gästen gefallen könnte. Bald schon wurden diese Chalet-Lügen von kastenförmigen Bauten abgelöst. Das Ideal lag nun in der Reinheit. Der erhabenen Gebirgslandschaft sollte kein architektonischer Zierrat gegenübergestellt werden und befreite Körper tanzten nackig auf dem Monte Verità.

Ironischerweise sind es heute die Naturpuristen, die reduzierte Architektur am vehementesten verdammen. Ganz andere Gedanken verfolgte das faschistische Italien, das in Südtirol Seilbahnstationen in einer Monumentalität projektierte, auf dass eine ganze Bergregion mit Pathos italianisiert würde. Ähnlich absichtsvoll die kreisrunden Turmbauten, die für Jugendlager und ihre Trainings zum gefügigen Körper errichtet wurden. Der offene Hohlraum erlaubte eine 24stündige Überwachung nach innen. Solchem folgen Abbildungen von herrlich antiquierter Futuristik in Sanatorien und Sola-rien, die, als hätte man schon immer der heilenden Wirkung der Luft misstraut, auch die Sonnenstrahlung zu intensivieren suchten, mit sich drehenden Gebäuden und wabenähnlichen Fenstern, in denen die Patienten auf Eisenbetten geschnallt immer im richtigen Winkel zur Sonne liegen sollten. Ein alpiner Frank Lloyd Wright schreitet durch diese Entwürfe. Es gab aber auch Zeiten, in denen es vorbei war mit Gedanken zur Interaktion von Mensch und Natur. Für den winterlichen Massentourismus spiegelte der Mensch sein komplettes Stadtleben in jungfräuliche Bergebenen. Französische Architekten im Brasilia-Rausch. Charmanter anzusehen sind Entwürfe und Bauten, in denen die Bergsehnsucht wieder im Rückzugsraum lag. Der Mensch landet fernab von allem in kapselförmigen, gleissenden und vor allem kleinen Behausungen, die Schutz bieten und Ausblick. Hierzu gesellt sich auch die neue Monte-Rosa-Hütte, die den Wunsch nach autarker Verdichtung in seiner Entsprechung als Kristall beherbergt. «Dreamland Alps» fasziniert, überrascht, lässt erschauern, doch in den hochgelegenen Bauten sind es vor allem die darin manifestierten Träume, die tief blicken lassen.