Die Bücher meines Vaters

Ein schönes Gedicht von Jorge Luis Borges, «Un lector», beginnt mit diesen zwei denkwürdigen Versen: «Que otros se jacten de las páginas que han escrito; / a mí me enorgullecen las que he leído.» Sollen die anderen sich rühmen mit dem, was sie geschrieben haben, ich bin stolz auf das, was ich gelesen habe. Jedes […]

Die Bücher meines Vaters
Pietro De Marchi, photographiert von Sébastien Agnetti.

Ein schönes Gedicht von Jorge Luis Borges, «Un lector», beginnt mit diesen zwei denkwürdigen Versen: «Que otros se jacten de las páginas que han escrito; / a mí me enorgullecen las que he leído.» Sollen die anderen sich rühmen mit dem, was sie geschrieben haben, ich bin stolz auf das, was ich gelesen habe. Jedes Mal, wenn mir diese Verse in den Sinn kommen, denke ich unweigerlich an meinen Vater zurück. Denn auch mein Vater hätte dasselbe sagen können, mit dem Unterschied, dass er sich vielleicht nicht einmal dessen gerühmt hätte. Er las immer, er ging nirgendwohin, ohne nicht mindestens ein Buch dabeizuhaben. Das Lesen war für ihn wie eine Droge und gewiss die grösste Leidenschaft seines Lebens. Und Bücher zu kaufen, manchmal auch drei oder vier am Tag, war eine Versuchung, der er nur schwer widerstehen konnte. In einfachen Schulheften notierte er dann die Titel der erworbenen Bücher, den Kauftag, die Stadt, die Buchhandlung oder den Bücherstand, sogar den Preis, voll oder reduziert. Auf den Umschlag eines jener Hefte schrieb er diesen Titel: «Diario di un compratore di libri», Tagebuch eines Buchkäufers.

Wer in unser Haus eintrat, fand sich gleich von der Türschwelle weg vor einer Bücherwand, die bis an die Zimmerdecke reichte. Und dieselbe Szene wiederholte sich, vervielfacht, im Arbeitszimmer meines Vaters, wo die Bücherregale fast den ganzen Raum einnahmen, senkrecht und waagrecht, vor und hinter seinem Schreibtisch, wo die Bände standen, die er am öftesten konsultierte. Wenn ihn dann ein neuer Gast, verwundert von der Anzahl der so dicht und findig aneinandergereihten Bücher in den Regalen, fragte: «Hast du die alle gelesen?», hatte mein Vater schon einen lateinischen Satz parat: «Omnes, non totos.» Alle, ja, aber nicht unbedingt von der ersten bis zur letzten Seite.

Die Bücher griffen auch auf den Gang, die Schlafzimmer, den Waschraum und das Wohnzimmer über (letzterer Invasion hatte die Mutter eine Zeitlang versucht sich zu widersetzen, dann hatte sie resigniert nachgegeben). Irgendwann hatte meinen Vater die Furcht gepackt, dass der Fussboden der Wohnung unter dem Gewicht der Bücher einbrechen könnte. Er sprach auch mit einem unserer Nachbarn darüber, einem Maurer, der seinerzeit beim Bau des Hauses mitgewirkt hatte. Doch dürften die Versicherungen des Nachbarn meinen Vater nicht zur Gänze überzeugt haben, so dass er beschloss, einen Teil der Bücher in den Keller und einen anderen in das Ferienhaus in den Bergen zu schaffen. Und er freute sich jedes Mal, wenn er einem seiner Kinder oder einem Freund ein Buch leihen konnte. Wenn man ein Buch von ihm neugierig betrachtete, konnte man leicht zu hören bekommen: «Hast du das nicht? Wenn du es brauchst, nimm es!»

Ich erinnere mich daran, dass ich in meiner Jugend, wenn der Vater nicht zuhause war, in sein Arbeitszimmer ging und mit Hilfe einer Leiter Stück für Stück seine Bibliothek erkundete, ein Regal nach dem anderen. Ich entdeckte so seine Lektüren und seine Interessen, die von den Sprachen über die antike und moderne Literatur, von der Geschichte über die Kunstgeschichte und die Architektur, von der Philosophie über die Psychologie und die verschiedenen Religionen, vom Kino über die Musik reichten, dabei aber die Wissenschaften nicht vernachlässigten, vor allem die Botanik, Geografie und Astronomie. Fast alle Bücher waren in helles oder strohfarbenes Packpapier eingeschlagen. Ich hatte immer gedacht, das mache er, um die Bücher zu schützen, damit sie keine Flecken bekämen oder fettig würden. Und das war sicherlich einer der Gründe. Aber es gab auch noch einen anderen, den ich erst später begriff. Bücher seien, so sagte er, als Arbeitswerkzeuge zu betrachten, also steckte er sie in einen «Arbeitsanzug», so als wären sie Fabrikarbeiter. Während der Lektüren und wiederholten Lektüren hatten sich auf den papierenen Umschlägen seine Notizen, seine Beobachtungen und seine Verweise auf andere Bücher angesammelt. Und diese Lesespuren machten mich neugierig. Er war ein sehr aufmerksamer Leser, und es entgingen ihm keine Druckfehler oder sprachlichen oder übersetzerischen Fehler, die er mit Frage-zeichen und manch strengem Kommentar an die unbedachten Schreiberlinge oder Übersetzer versah.

Seine nicht zahlreichen Publikationen auf Italienisch und Latein waren hingegen in der zweiten oder dritten Reihe hinter anderen Büchern versteckt. Erachtete er die von ihm geschriebenen Texte als unwichtig? Hielt er sie für einen lusus, einen Zeitvertreib? War er zurückhaltend? Dachte er, Publizieren sei ein Akt der Eitelkeit und es sei eleganter, versteckt zu leben, nach dem epikureischen Motto? Ich fragte mich, warum er fast nicht mehr schrieb oder warum er so wenig geschrieben hatte, bei all dem, was er wusste. Und ich fragte mich vor allem, wie ich es hätte wagen können zu schreiben, wo ich nur ein Tausendstel von dem gelesen hatte, was er las.

Ich liess ihn aber die Fahnen meines ersten Gedichtbandes, «Parabole smorzate» (1999), lesen, und ich erinnere mich daran, dass er mir zu einer Korrektur riet, für die ich ihm noch heute dankbar bin. Als ich ihn dann den maschinengeschriebenen Text der Erzählung «L’anno dello sbarco sulla luna» lesen liess, in der ich mich an einen unserer Sommer am Meer erinnerte (in diesem Juli 1969 war auch seine Mutter gestorben), sagte er zu mir: «Sie ist schön, wo veröffentlichst du sie?» Für mich war das, als hätte ich die Matura bestanden.

Als schliesslich Christoph Ferber begann, einige meiner Gedichte ins Deutsche zu übersetzen, übertrug mein Vater, wie um mit ihm wettzueifern, einige davon ins Lateinische. Ich hatte Schriftstellerfreunde, denen das von mir Geschriebene durchaus gefallen hatte, und das konnte mir genügen, ich schöpfte daraus den Mut weiterzumachen. Aber wenn mein Vater eines meiner Gedichte für würdig hielt, es ins Lateinische zu übersetzen, dann brauchte ich kein Urteil mehr zu fürchten. In meinem zweiten Gedichtband, «Replica» (2006), veröffentlichte ich also – mit seiner Erlaubnis natürlich – «Iter maritimum», seine in elegische Distichen übertragene Version eines der Gedichte aus «Parabole smorzate», nämlich «Verso Marina». Dies war eines jener Gedichte, die Giorgio Orelli am meisten schätzte, der es im Vorwort zu dem Buch sehr schön analysiert hat.

Aber schrieb mein Vater wirklich nicht mehr? Im Gegenteil, er schrieb immer, auch wenn das, was er schrieb, ein geheimes Buch war. Als ich seine Bibliothek erkundete, war ich bald auf seine Notizbücher gestossen. In der rechten unteren Schreibtischlade waren zahlreiche mit Füllfeder und Bleistift beschriebene Hefte. Ich wusste sofort, worum es sich handelte, aber ich hielt es damals nicht für richtig, sie zu lesen, und beschränkte mich darauf, sie durchzublättern. Jedenfalls führte mein Vater sechzig Jahre lang fast jeden Tag, von Anfang der 1950er Jahre bis 2013, eine Art intellektuelles Tagebuch voller linguistischer und literarischer, moralischer und philosophischer Beobachtungen, ein bisschen wie Leopardis «Zibaldone». Einer der vielen Titel, die er sich für dieses geheime Buch vorstellte, war «La linea di Apelle», Apelles’ Strich. Apelles war der Malerfreund von Alexander dem Grossen, dem dieses Motto zugeschrieben wird, das in Latein lautet: nulla dies sine linea.

Dieses Sammelsurium an Gedanken und Zitaten in vielen Sprachen, in Latein, Griechisch, Französisch, Englisch, Deutsch, Russisch, Hebräisch, Arabisch, ist in Wirklichkeit ein «Buch», das einen einzigen idealen Leser hatte, nämlich den, der es schrieb. Es war ein Destillat seiner Bibliothek, seiner Welt, die vor allem eine Bücherwelt war. Es ist kein journal intime, oder es ist dies nur zum Teil in den Heften der ersten Jahre, vor seiner Heirat, und doch helfen mir viele Seiten, ihn besser kennenzulernen, jetzt, wo er nicht mehr ist. Mich berührt zum Beispiel seine Überlegung zum Sinn der Kultur und des Lernens: «Kultur besteht nicht im Wissen, sondern im Lernen; wer mehr weiss, ist gebildeter, nicht weil er mehr gelernt hat, sondern weil er lernt und mehr lernen kann.»

Oder diese Notiz zu Mark Aurel und der Selbstkenntnis: «Ich denke die ‹Dinge› von Mark Aurel, weil ich gelernt habe, sie wie er zu denken. Sich wie er daran zu gewöhnen, die eigenen Schulden zu erkennen, seine eigene Originalität zu verleugnen. Wir kopieren, wörtlich, unzählige Modelle, und einige spezieller. Sich daran zu gewöhnen, sie zu erkennen, um sich selbst zu verstehen.»

Oder auch dieser paradoxe Spruch (ihm gefielen die Paradoxe sehr): «Konservieren ist Kreieren; das Leben rekreiert sich jedes Mal, wenn es uns nicht genommen wird.»

Am letzten Sonntag seines Lebens liess sich der Vater im Rollstuhl durch die Süsswarenstände des grossen Herbstfestes fahren, um eine Süssigkeit zu kaufen, die ihn an seine Kindheit erinnerte, und schliesslich liess er sich vor einen Stand von Bouquinisten bringen, um noch ein Buch zu kaufen. Seine Wahl fiel auf einen Band von Montale, der «La bufera e altro» und «Satura» enthielt. Wieder zuhause fand er noch die Kraft, den Ort und das Datum des Kaufes auf die erste Seite zu schreiben (um das Datum zu vollenden, den 18. Oktober 2015, musste er sich, um ehrlich zu sein, helfen lassen). An einem seiner letzten Abende bot ihm einer seiner Söhne an, ihm einige Texte aus diesem Buch von Montale vorzulesen. Ich fragte meinen Bruder später, ob er sich erinnerte, welche Texte er ihm vorgelesen hatte, und als er es mir sagte, verspürte ich sofort das Bedürfnis, etwas zu schreiben, woraus dann dieses Gedicht1 entstand:

 

Ipotesi sull’ultimo sogno

Chissà se in sogno hai rivisto anche tu

il lento Eufrate…