Eveline Hasler: «Stürmische Jahre»

Eveline Hasler:
«Stürmische Jahre»

 

«Deine Freunde, dieses Flüchtlingsgesindel! Sie sollen sich hier nicht mehr blicken lassen», bekommt Annemarie Schwarzenbach von ihrer Mutter über die Geschwister Mann zu hören – eine sprechende Szene aus Eveline Haslers neuem Roman. In diesem nimmt sie uns mit auf eine brisante Zeitreise in Zürichs «stürmische Jahre» 1933 bis 1938. Unsere Hauptreisebegleiter sind die Familien Mann, Rieser und Schwarzenbach. Die Romanhandlung setzt ein in Rüschlikon im Spätherbst 1934 mit Mucki, dem einzigen Kind von Ferdinand und Marianne Rieser geb. Werfel. In Mucki, die nicht immer alles versteht, aber manches vor den Erwachsenen weiss und die uns durch den Roman begleiten wird, stellt Eveline Hasler bewusst eine lebendige und kindlich unbekümmerte Stimme in den Chor der vielen, die gern manieriert, ausgleichend, burschikos oder polternd auftreten. Die Dorfkinder finden Mucki denn auch «niedlich». So stellen sie sich das Heidi vor – und so viel Schweizer Mythos muss sein. Doch Mucki lebt nicht beim Alm-Öhi: ihre «Eltern sind Herr und Frau Pfauentheater».

Rieser, seit 1926 alleiniger Eigentümer und Direktor des «Pfauens», versammelt nach der Machtergreifung Hitlers viele gefährdete Schauspieler in seinem Ensemble. Er verhilft ihnen zu einer Festanstellung – und damit zu einer Aufenthaltsbewilligung. Die meisten danken es ihm nicht, bilden gar eine kommunistische Zelle, sehen in Rieser den typischen Arbeitgeber und Kapitalisten. Eveline Hasler zeichnet ihn in dieser Zerrissenheit: Rieser – der «gute Mensch», oder doch Rieser, der «Gutmensch»? In jedem Fall eine tragische Figur, denn zusätzlich wird Rieser angefeindet, da er antifaschistische Stücke spielt. Angefeindet vor allem durch die Gruppe der Frontisten, aber auch von Teilen der Presse und des Bürgertums. So stören die Frontisten Aufführungen durch Stinkbomben und brüllen Parolen wie «Use mit de Emigrante!». Rädelsführer hinter derlei Agitation ist James Schwarzenbach. Seine Frau Renée Schwarzenbach-Wille soll seine Sache finanziell unterstützen – sehr zum Leidwesen Annemaries. Sie liebt ihre Mutter sehr, kann deren Haltung aber überhaupt nicht verstehen. Sie gilt als schwarzes Schaf der Familie: links, lesbisch, eng mit Klaus und Erika Mann befreundet, immer wieder zu Drogen greifend. Auch sie: eine tragische Figur. «Gleicht sie nicht einem verödeten Engel?», lässt Eveline Hasler Thomas Mann denken.

Damit sind wir bei der dritten Gruppe unserer Reisebegleiter: den Manns. Insbesondere Erika und Thomas stehen im Fokus des Zeitgeschehens und des Romans. Die «Pfeffermühle» glänzt durch literarisches und politisches Kabarett; auch hier fliegen also Stinkbomben. Thomas Mann, seit September 1933 im Küsnachter Exil lebend, ist stolzer väterlicher Besucher in Erikas Kabarett und wohlwollender Gast bei Riesers – im Theater wie privat –, kann sich aber lange nicht zu einer eindeutigen Position zu Nazideutschland durchringen. Endlich kommt es zu dem berühmten offenen Brief, der am 3. Februar 1936 in der NZZ erscheint und dessen entscheidende Passage Eveline Hasler zitiert.

Zitate bilden überhaupt ein tragendes Gerüst dieses Romans. Lobend hervorzuheben ist die dem Roman beigefügte Literaturliste, die es dem interessierten Leser ermöglicht, Eveline Hasler auf ihrem Weg des Quellenstudiums ein gutes Stück weit zu folgen. Insgesamt bevorzugt die Autorin einen zurückgenommenen Erzählstil, der einem historischen Roman angemessen ist. Wie in diesem…